Von Daniel Deckers
03. Mai 2007 Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Bätzing, nimmt Anstoß an einer gesellschaftlichen Verharmlosung von Alltagsdrogen. Obwohl die Zahl der Raucher in Deutschland in den vergangenen Jahren merklich zurückgegangen sei, liege die Raucherquote im europäischen Vergleich immer noch sehr hoch, heißt es im jüngsten Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung, den Frau Bätzing am Donnerstag in Berlin vorstellte.
Als erfreuliches Faktum wird gleichwohl verzeichnet, dass die Quote der Jugendlichen, die im Alter zwischen 12 und 17 Jahren rauchen, von 28 Prozent im Jahr 2000 auf 20 Prozent im Jahr 2005 zurückgegangen sei. Die Bundesregierung will diese positive Entwicklung nach Auskunft der Drogenbeauftragten weiter aktiv unterstützen, stelle der Tabakgebrauch doch das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in der Bevölkerung dar. Frau Bätzing bezifferte die Zahl der Bürger, die an den direkten Folgen des Tabakgebrauchs stürben, auf etwa 140.000 im Jahr. Hinzu kämen mehr 3000 Passivraucher.
Konzept der Punktnüchternheit
Die Bundesregierung strebt nach Worten Frau Bätzings weiterhin an, in der Gesellschaft das Verständnis für die Risiken des Alkoholgebrauchs zu fördern. Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit gegenüber einem problematischen Trinkverhalten und ein von Verantwortung geprägtes Leitbild für den Umgang mit Alkohol, sagte die Drogenbeauftragte.
Nach ihren Angaben gelten etwa 1,6 Millionen Deutsche als alkoholabhängig, weitere 1,7 Millionen wiesen gesundheitsschädliche Konsummuster auf. Stärker thematisiert werden müssten ein zurückhaltender Gebrauch von Alkohol, die Vorbildfunktion Erwachsener gegenüber jungen Menschen und das Konzept der Punktnüchternheit - der Verzicht auf in bestimmten Lebenssituationen wie dem Straßenverkehr, in der Schwangerschaft bei der Arbeit sowie im Kindes- und Jugendalter.
Koma-Trinken
Der Alkoholgebrauch Jugendlicher ist nach den Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in den vergangenen Jahren insgesamt leicht zurückgegangen. Zugenommen unter Jugendlichen hat indes der frühe und riskante Alkoholgebrauch, vor allem das sogenannte Koma-Trinken. Die Zahl Jugendlicher, die mit einer Alkoholvergiftung in Krankenhäuser gebracht wurde, hat sich nach Angaben der Regierung innerhalb weniger Jahre sogar verdoppelt.
Aus diesem Grund hat das Bundesgesundheitsministerium in den vergangenen Jahren an elf Standorten in neun Ländern ein Modellprojekt namens HaLT (Hart am LimiT) gefördert, in dem Jugendlichen nach Alkoholmissbrauch Hilfen angeboten werden. Die durchweg positiven Erfahrungen mit diesem Projekt sollen von diesem Jahr weiteren interessierten Kommunen zur Verfügung gestellt werden.
Ausstiegsprogramm
Unter den illegalen Rauschgiften ist Cannabis nach wie vor die am weitesten verbreite Substanz. Etwa zwei Millionen vor allem junge Menschen nähmen regelmäßig Cannabis, darunter etwa 400.000 so häufig, dass die Regierung unter Berufung auf Einrichtungen der Jugend- und Drogenhilfe von missbräuchlichem oder abhängigen Konsum spricht. Dieser Entwicklung macht sich schon seit längerem in den Einrichtungen der ambulanten Suchthilfe bemerkbar.
Nach Auskunft der Deutschen Suchthilfestatistik hat sich die Zahl der Klienten, bei denen Cannabis als Hauptdiagnose vorliegt, zwischen 2001 und 2005 von 8400 auf 18150 mehr als verdoppelt. Die BZgA hat im Blick auf regelmäßige Cannabisgebraucher schon vor Jahren ein Ausstiegsprogramm entwickelt (www.drugcom.de). Es soll dabei helfen, den individuellen Gebrauch von Cannabis innerhalb von 50 Tagen signifikant zu verringern. Nach Darstellung des Drogenberichts wird es von den Jugendlichen sehr gut angenommen.
Studien über eine wirksame Behandlung von Cannabisabhängigen sind indes weiterhin rar. Wissenschaftlich gesichert ist allerdings ein Zusammenhang zwischen frühem Cannabisgebrauch und späterer Drogenaffinität, der Auslösung einer Psychose, einer schnellen Entwicklung von Cannabisabhängigkeit und langfristigen neurokognitiven Beeinträchtigungen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa