Al Qaida

Deutschlands Staatsfeind Nummer eins ist tot

Von Dirk Laabs

Der friedliche Schein trügt: Mir Ali ist ein Treffpunkt für Terroristen

Der friedliche Schein trügt: Mir Ali ist ein Treffpunkt für Terroristen

14. April 2008 Er war Deutschlands Staatsfeind Nummer eins - und kaum jemand bei uns hat je von ihm gehört. Sein Name: AUM. In Geheimdienstkreisen sind Kürzel ziemlich beliebt, denn komplizierte arabische Namen verwirren westliche Ermittler schnell. AUM steht für Abu Obeida al Masri.

Ein Tarnname, der übersetzt nichts anderes bedeutet als „der ägyptische Vater von Obeida“; sein richtiger Name wurde nie ermittelt. Aus Ägypten stammt er jedoch tatsächlich, da sind sich seine Jäger sicher. Wie viele andere ägyptische Islamisten schloss sich Abu Obeida der Terrororganisation Al Qaida an - und machte in den vergangenen Jahren Karriere, bis er es schließlich zum „Chef für externe Operationen“ gebracht hatte.

Der „gefährlichste Job der Welt“

Abu Obeida hat die Londoner Anschläge im Juli 2005 eingefädelt.

Abu Obeida hat die Londoner Anschläge im Juli 2005 eingefädelt.

Damit hatte er den „gefährlichsten Job der Welt“, wie ein Geheimdienstler in den Vereinigten Staaten sagt. Denn die meisten von Abu Obeidas Vorgängern wurden verhaftet oder getötet.

Warum die deutschen Ermittler so große Angst vor AUM hatten? Er sprach Deutsch. Und er kannte sich in Deutschland sehr gut aus, weil er in den neunziger Jahren lange hier gelebt hat. Ausgerechnet in Bayern begann seine Karriere als international agierender Terrorist. Von dort aus knüpfte er ungestört Kontakte mit jordanischen und ägyptischen Islamisten und Terroristen, die meist - wie AUM - als Asylbewerber in Deutschland lebten.

Angriff auf Deutschland

Abu Obeida al Masri war einer der Hauptgründe dafür, dass Innenminister Wolfgang Schäuble und das Führungspersonal des Bundeskriminalamts (BKA) in den vergangenen Monaten immer wieder vor einem möglichen Anschlag in Deutschland gewarnt haben. Gewunden formulierte das BKA: „In der Führung der Al Qaida ist die Entscheidung längst gefallen, Deutschland anzugreifen.“

Britische und amerikanische Ermittler sind sich sicher, dass Abu Obeida eng in die Planung des jüngsten blutigen islamistischen Attentats auf europäischem Boden eingebunden war: die Londoner Anschläge vom 7. Juli 2005. AUM soll direkten Kontakt zu einem der damaligen Attentäter gehabt, ihn mit ausgebildet und instruiert haben.

Gerücht bestätigt: Top-Terrorist Abu Obeida ist tot

Doch Abu Obeida wird wohl nicht noch einmal zuschlagen. Amerikanische Regierungskreise haben nun ein Gerücht bestätigt, das sich seit Monaten hartnäckig hielt: AUM ist tot. Mindestens zweimal haben amerikanische Geheimdienste versucht, ihn in pakistanischen Verstecken aufzuspüren und zu töten.

Die Nummer zwei der Al Qaida: Ayman Al-Zawahiri

Die Nummer zwei der Al Qaida: Ayman Al-Zawahiri

Im Januar 2006 zerstörten amerikanische Raketen mehrere Häuser in Damadola, wo AUM und andere ranghohe Al- Qaida-Mitglieder vermutet wurden. 18 Zivilisten starben; auch Abu Obeidas Tod wurde vermeldet, doch wenig später tauchte er wieder auf. Nun hat ihn offenbar weniger heldenhaft eine Hepatitis- C-Erkrankung dahingerafft.

Ein Grund dafür, dass Abu Obeidas Taten und sein Tod nicht - wie bei anderen Kämpfern üblich - im Internet gefeiert werden. Deutsche Sicherheitsbehörden wollen den Tod von AUM bis jetzt weder bestätigen noch kommentieren.

Geschwächte Al Qaida

Al Qaida war allerdings schon vor Abu Obeidas Ableben deutlich geschwächt. Der handfeste Beweis dafür, dass die Organisation längst nicht zuschlagen kann, wann und wo sie will, ist die simple Tatsache, dass sie es seit inzwischen fast sieben Jahren nicht mehr geschafft hat, den Erzfeind, nämlich die Vereinigten Staaten, im eigenen Land anzugreifen.

Stattdessen wird Al Qaida schon lange nur noch dort aktiv, wo sich gerade eine Möglichkeit bietet. Neue Rekruten, die aus England in die Lager im pakistanischen Grenzgebiet kommen, werden ermutigt, einen Anschlag in England zu verüben, und zwar auf Ziele, die ungeschützt und leicht zu treffen sind: „The terror of opportunity“, Gelegenheitsterror, heißt das bei Sicherheitsexperten.

Weil aber Abu Obeida relativ unvermittelt in eine hohe Position vorrückte, Deutsch sprach und Deutschland außerdem gut kannte, war hierzulande höchste Gefahr im Verzug.

Lehrer für Sprengstoffkunde

Wie aus Unterlagen verschiedener Ermittlungsbehörden ersichtlich, ging AUM im Jahr 1999 von Deutschland nach Afghanistan, wo er in Trainingscamps der Al Qaida ausgebildet wurde. Nicht lange, und er betätigte sich selbst als Ausbilder in einem Lager bei Kabul: AUM unterrichtete Sprengstofflehre sowie Topographie und brachte seinen Schülern bei, wie man mit schwerer Artillerie umgeht.

2001 bekämpfte er als Mitglied der „Brigade 055“, einer Art Eliteeinheit Al Qaidas, amerikanische Truppen. Die Brigade hatte jedoch hohe Verluste zu beklagen und zerfiel. Abu Obeida war zu diesem Zeitpunkt immer noch ein Mann aus der zweiten Reihe - daher stand er nicht wie andere Terror-VIPs schon vor dem 11. September auf FBI-Fahndungsplakaten.

Schließlich machte er sich einen Namen als mutiger Al-Qaida- „Regionschef“ am Fluss Kunar, einer strategisch immens wichtigen Gegend: Von den dortigen Bergen lässt sich die Passage von Kabul nach Peschawar in Pakistan überblicken; hinzu kommt, dass der wichtigste Rückzugsraum islamistischer Kämpfer und Terroristen nur 250 Kilometer südlich liegt: die Landschaft um Miran Shah, das Herz des Stammesgebiets Waziristan, ein Gebiet, das selbst die pakistanische Armee meidet.

CIA tötete Vorgänger

Wer heutzutage noch etwas werden will im internationalen Terrorismus, der muss sich bis dorthin durchschlagen, genauer gesagt, nach Mir Ali. In dem kleinen Ort halten sich noch immer Al-Qaida-Kämpfer versteckt. Von hier aus versuchte auch Abu Obeida die Fäden zu ziehen, als er „den gefährlichsten Job der Welt“ geerbt hatte. Seinen Vorgänger, auch er war Ägypter, hatte die CIA mit einer Rakete getötet.

Als das berüchtigtste Talent Al Qaidas, der 9/11-Chefplaner Chalid Scheich Mohammed (sein Kürzel: KSM), 2003 verhaftet wurde, rückte Abu Obeida bereits in einen engen Kreis von Kämpfern auf, denen die Aufgabe zufiel, Anschläge im westlichen Ausland vorzubereiten.

Wie KSM hatte auch Abu Obeida bald ambitionierte Pläne: Vor zwei Jahren sollten pakistanischstämmige Briten flüssigen Sprengstoff in Flaschen der Softdrinkmarke „Oasis“ in mindestens sieben Flugzeuge schmuggeln. Vor einer Woche begann in London der Prozess gegen die acht mutmaßlichen verhinderten Attentäter.

Märtyrervideo als Geständnis

Sie waren von britischen Ermittlern nahezu rund um die Uhr überwacht, abgehört und bei ihren Planungen zum Teil sogar gefilmt worden. Fast alle hinterließen Märtyrer-Videos.

Wie häufig bei Al Qaida und anderen islamistischen Terror-Netzwerken waren auch Abu Obeidas Pläne kühn, die Ausführung durch blutjunge Rekruten jedoch amateurhaft. Die britische Zelle lagerte ihre Märtyrervideos in der Garage und im Auto eines Mittäters - und dies zu einem Zeitpunkt, als die Planung gerade erst angelaufen war. Den Ermittlern wurden die Geständnisse quasi frei Haus geliefert.

Als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen wollte Abu Obeida später möglichst viele Dänen durch dänische Islamisten töten lassen. Doch auch diese Zelle wurde ausgehoben, nachdem sie umfassend überwacht worden war.

Erfolgloser Terrorplaner

Die Möchtegern-Attentäter hatten einander sogar mit ihren Handys in einem Trainingscamp in Pakistan fotografiert und den Ermittlern auch sonst die Arbeit leichtgemacht. Sie wurden im September 2007 am gleichen Tag wie die Verdächtigen im Sauerland verhaftet, eine Verbindung zwischen beiden Zellen bestehe jedoch nicht, so Ermittler.

Abu Obeida soll aber vor allem auch für die Planung von Selbstmordanschlägen in Pakistan und Afghanistan verantwortlich gewesen sein; er war ein ehrgeiziger, aber in Europa letzten Endes erfolgloser Terrorplaner. „Unter anderen Umständen wäre er nicht so schnell aufgestiegen, aber alle anderen Kandidaten waren nun einmal tot oder in Haft“, berichtet ein amerikanischer Geheimdienstler.

Der entscheidende Faktor für seine Karriere bestand offenbar darin, dass man Abu Obeida vertrauen konnte, stand er doch einem der Chefs der Organisation besonders nahe: dem Al-Qaida-Vordenker Ayman al Zawahiri, jenem ägyptischen Kinderarzt mit Eulengesicht und dicken Brillengläsern, der die ägyptischen Kämpfer in den Reihen Al Qaidas anführt.

Gut vernetzt

Abu Obeida war mit Zawahiris Schwiegersohn eng befreundet, den er in Deutschland kennengelernt hatte, als jener Elektrotechnik in Krefeld und Köln studierte. Gemeinsam mit Abu Obeida ging er schließlich nach Afghanistan; die beiden kämpften zusammen, und auch Zawahiris Schwiegersohn machte bei Al Qaida Karriere, nämlich als Computer-Experte - bis er bei einem Luftangriff der Amerikaner ums Leben kam.

Aus italienischen Ermittlungsakten geht hervor, dass sowohl Abu Obeida als auch Zawahiris Schwiegersohn engen Kontakt mit einem Mann pflegten, der später der gefragteste Zeuge in deutschen Terrorprozessen werden sollte: Shadi Abdallah.

Der ehemalige Informant aus dem Drogenmilieu kannte sich ungewöhnlich gut in der deutschen und afghanischen Terrorszene aus und konnte auch Informationen über Abu Obeida liefern, als dieser immer wichtiger für Al Qaida wurde. Demnach kannte der Ägypter viele notorische Islamisten in Deutschland persönlich, insbesondere Landsleute, von denen viele in Bayern lebten.

Aus Abschiebehaft entkommen

Wie viele andere Islamisten hatte auch AUM die Schwächen des deutschen Systems sehr schnell erkannt. Er kam 1995 nach Deutschland, nachdem in seiner Heimat wegen etlicher Anschläge auf Touristen der Druck auf Islamisten deutlich erhöht worden war.

Obwohl der Asylsuchende von den Behörden in die neuen Bundesländer geschickt worden war, lebte er in Bayern, unternahm Erkundungsfahrten durch das ganze Land und reiste sogar nach England, damals Treffpunkt vieler Islamisten.

Zudem stand AUM damals bereits in Kontakt zu jordanischen Terroristen, die später Gefolgsleute von Abu Musab al Zarqawi werden sollten, dem selbsternannten Terrorfürsten des Iraks. Nach einer seiner - für einen Asylsuchenden illegalen - Reisen nach England wurde Abu Obeida in Deutschland verhaftet. Unter ungeklärten Umständen konnte er jedoch aus der Abschiebehaft in Bayern entkommen.

Abu Obeidas gelehriger Schüler

Abu Obeidas wissbegierigster Schüler soll ein 45 Jahre alter Edelsteinhändler aus Germersheim in der Pfalz gewesen sein, der im Juni vergangenen Jahres in Pakistan verhaftet und wohl auch gefoltert wurde. Seinen Aussagen zufolge hat Abu Obeida ihn nicht nur selbst rekrutiert, sondern auch persönlich im Gebrauch von Sprengstoff unterwiesen.

Nach Mir Ali, in den pakistanischen Rückzugsort, hat es freilich noch etliche andere deutsche Rekruten verschlagen, die sich in Pakistan zu Terroristen ausbilden lassen wollten. Viele von ihnen, wie die verhinderten „Sauerland-Attentäter“, gerieten jedoch an die ominöse usbekische Dschihad-Union.

Was übrigens ein sicheres Zeichen dafür ist, dass der Einfluss Al Qaidas stark nachgelassen hat. Mir Ali ist heute ein Ort, an dem sich Spione, potentielle Terror-Rekruten und verschiedene Terrorgruppen tummeln - und wo demnächst ein neuer Mann der Al Qaida die Zuständigkeit für externe Operationen übernehmen wird.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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