05. März 2006 Ein fünfzehnjähriger Berliner wird von einer Gruppe Jugendlicher gestellt, die ihn beraubt, zusammentritt, erpreßt, seit er mit seiner Mutter nach Neukölln gezogen ist. Diesmal schaffen seine Peiniger ihn in ein Parkhaus. Setzen ihn auf einen Stuhl, stülpen ihm einen Blecheimer über den Kopf.
Der türkischstämmige Anführer läßt sich die Augen verbinden. Wo ist mein Löffel? brüllt er und greift den gereichten Baseballschläger. Er dreht sich. Macht einen Schritt nach vorne. Schwenkt suchend seine Keule durch die Luft, streift ein parkendes Auto, trümmert darauflos. Als er den Fünfzehnjährigen erwischt, krachen die Hiebe, bis der Junge unter dem Eimer reglos am Boden liegt. Topfschlagen, nennt die Bande das - eine Szene aus dem neuen Detlev-Buck-Film mit dem programmatischen Titel Knallhart, der am Donnerstag in die Kinos kommt.
Wenn die Polizei in Berlin morgen ihre Kriminalstatistik für das Jahr 2005 vorstellt, lautet der vielleicht wichtigste Befund: Die Gewaltkriminalität nimmt ab. Erstmals seit den späten Neunzigern ist die Zahl der sogenannten Roheitsdelikte unter Jugendlichen gesunken. Schon im voraus hat der Polizeipräsident von einer Trendwende gesprochen und die neue Konsequenz im Umgang mit minderjährigen Straftätern gerühmt.
Ein heftiger Februar
An der Lage in einem Stadtteil wie Neukölln jedoch ändert dieser Wandel zunächst nicht viel. Im Dezember erstach ein angetrunkener Achtzehnjähriger im Bus einen Gleichaltrigen, weil der sich schützend vor seine Freundin gestellt hatte. Im Januar griffen am Richardplatz dreißig mit Knüppeln bewaffnete Jugendliche fünf Schüler an. Und Rainer Noack, Leiter des Kommissariats Jugendgruppengewalt unter anderem im Bezirk Neukölln, sagt: Wir hatten einen heftigen Februar. Mehr als hundert registrierte Raubtaten in gerade mal vier Wochen, dazu knapp vierzig Fälle von gefährlicher Körperverletzung, Kreuzberg inklusive. Das war relativ viel, sagt Noack.
Dabei ist der Mann so einiges gewohnt. Mit ausgebeulten Jeans und Kapuzensweatjacke ähnelt der 43 Jahre alte Kriminalhauptkommissar weniger einem uniformierten Staatsbeamten als der eigenen Klientel: Jugendlichen, wie sie der Buck-Film erfindet und von denen Noack weiß, daß sie in Wirklichkeit oft aus kinderreichen Familien stammen, die in zweieinhalb Zimmern in der Neuköllner Altstadt hausen. Wohnzimmer, Elternschlafkammer plus der Raum, in dem tagsüber sechs Matratzen für die Geschwister hochgeklappt werden. Während die ausländischen Mädchen nach der Schule nach Hause müssen, sind die Jungs unterwegs, solange irgend geht. Noack sagt: Die haben die Straße.
Gerüchte von Massenschlägereien
Vergangenen Dienstag abend wurden zwei dieser Halbstarken gefaßt, die eine Serie von Überfällen begangen haben sollen. Ein kleiner Dicker und ein langer Dünner sitzen jetzt in der Zelle, machen einen auf beleidigt und wollen nichts sagen, so Noack. Am Mittwoch schon sind die Beamten bei den Opfern und legen Fotos vor, die Täter werden eindeutig identifiziert. Einer der Jungen pflegte sich eine grobgliedrige Kette um die Hand zu wickeln, bevor er seinem Opfer das Gesicht zerschlug. Am Donnerstag dann, mittags um zwölf, sind die Spezialisten des Kommissariats gleich zu zwei Schulen unterwegs, weil Gerüchte von geplanten Massenschlägereien die Runde machen.
Neukölln rockt - der Aufkleber, der die Filmplakate entlang der Karl-Marx-Straße ziert und zur Premierenparty von Knallhart lädt, zeugt von merkwürdigem Lokalstolz. Natürlich ist ein Spielfilm Fiktion und Neukölln als Handlungsort nur Chiffre für ein gewisses Großstadtmilieu, das überall denkbar ist. Neukölln ist auch nicht die deutsche Bronx, wie der Spiegel einst schrieb, während verantwortungsbewußte Politiker, Polizisten und Sozialarbeiter predigen, daß die Gewalttäter bei einer Population von 300.000 Menschen eine verschwindend kleine Gruppe darstellten. Auch die Jugend dürfe man nicht insgesamt unter Generalverdacht stellen.
Die Branche wechseln
Zugleich jedoch leben in Neukölln mehr Arbeitslose, Ausländer und Sozialleistungsempfänger als anderswo. Und der Film, der eine Spur zu gradlinig die Geschichte eines weichgesichtigen deutschen Jungen erzählt, der vom Opfer zum Täter wird, kommt in seinen Details der Realität sehr nah. Ja, es gibt Schüler, die von Klassenkameraden erpreßt werden, bis sie sich nicht mehr in die Schule trauen. Es gibt Jungs, die andere Jugendliche um die Ecke nehmen - sprich: zusammenschlagen -, um sich mit ihrer Stärke und Brutalität vor der eigenen Crew zu profilieren. Und da sind die jungen Männer, die der Zuständigkeit des Kommissariats Jugendgruppengewalt entwachsen sind und die Branche wechseln, wie Rainer Noack sagt. Denn wer mit den Jahren begriffen hat, daß ein Wohnungseinbruch nur ein Vergehen ist, während das jugendübliche, weniger lukrative Abziehen von Handys als Raub geahndet und viel schwerer bestraft wird, sattelt irgendwann um.
So lange aber schlagen die Jugendlichen die Zeit auf der Straße tot und schauen den Mädchen hinterher. Mit der U-Bahn-Linie 7, die sich wie eine Hauptschlagader einmal längs durch den Stadtteil zieht, pendeln sie in Grüppchen von Nord nach Süd und wieder zurück. Irgendwo muß doch etwas los sein. Gegen Abend sind die Gropius-Passagen ein beliebter Aufenthaltsort, jedenfalls jetzt, da es in den Grünanlagen noch so unwirtlich ist. Vor den Glastüren des gigantischen Einkaufszentrums, dem Sicherheitspersonal ein Stück entzogen, stehen, schubsen, feixen ein paar junge Araber und Türken herum, ein Pole ist auch dabei. Wenn man sie auf das Thema Jugendgewalt anspricht und glaubhaft von der Presse kommt, plustern sich die Jugendlichen auf. Soll ich Ihnen zeigen, wie man klaut? fragt der Kleinste, ein Dreizehnjähriger mit Sommersprossen und Kinderlachen. Er zieht eine silberne Halskette aus der Tasche, von der er behauptet, sie heute erst einem anderen abgenommen zu haben. Und wenn der was macht, verpaßt du ihm einfach eine! Er deutet einen Schlag an, einen Box, wie sie hier sagen, eine Bombe. Als plötzlich sein großer Bruder die Rolltreppe heraufkommt, flüchtet der Kleine um die Ecke.
Kreuzberg gegen Neukölln
Auf ihren Fotohandys haben sie Bilder gespeichert, auf denen sie selbst ein Messer in der Hand halten oder breitbeinig posieren, außerdem ist da dieser Film aus dem Volkspark Hasenheide: Zwei Gruppen, etwa doppelte Klassenstärke, rennen aufeinander zu und verkeilen sich, bis die eine Seite abzieht. Die Jungs überschlagen sich vor Aufregung: Das war Kreuzberg gegen Neukölln.
Zwei Deutschtürken, die vor dem S-Bahnhof Neukölln herumlungern, erklären, worauf es ankommt. Erhan sagt: Man muß respektiert werden. Aber das ist schwer. Wenn du in einer Gegend berühmt werden willst, mußt du schon dafür sorgen, daß dein Name berühmt wird. Das gehe am besten, indem andere von den eigenen Großtaten berichteten, von Schlägereien vielleicht. Wenn man nicht mitmacht, wird man als Loser bezeichnet, sagt der Achtzehnjährige, und sein Freund Umut ergänzt: Damit ihre Ehre hochgeht, stechen die einen ab. Mit der ständigen Abzieherei sei es ähnlich. Wegen den Freunden macht man's eigentlich. Um zu beweisen, daß man's drauf hat.
Ethnisch gemischte Gangs
Das ist alles im Prinzip bekannt. Aber es gibt neue Entwicklungen in der Welt der Jugendgewalt und so etwas wie Modeerscheinungen. Die Banden von heute zum Beispiel, die sich nach der Gegend benennen, in der die Mitglieder wohnen, sind weniger straff organisiert und ethnisch gemischter als die Gangs der späten Achtziger, die auch durch gemeinschaftliche Embleme auffielen. Es gibt weniger Einzelkämpfe und mehr Gehaue im Rudel, wovon die Polizei nur gelegentlich erfährt. Mannbarkeitsrituale, schnaubt Rainer Noack, völlig normal. Typischstes Phänomen der Gegenwart: Myriaden winziger, loser Grüppchen, die spontan einen Raub begehen, weil sich gerade die Gelegenheit bietet. In den Schulferien sinken die Fallzahlen. Dann sind viele potentielle Opfer verreist.
Die Qualität der Gewalt erschreckt bisweilen auch die Polizei. In der Altstadt wird das Schmerzmittel Tilidin seit knapp vier Jahren als Modedroge gehandelt, was die Brutalität ins Unermeßliche steigert, weil im Rausch keine Verletzung mehr weh tut. Zur Zeit, sagt Noack, seien Totschläger im Kommen, dreigliedrige schlanke Knüppel, die zusammengeschoben im Ärmel verschwinden. Messer sind in. Nachdem das neue Waffengesetz die alten Butterfly- und Springmesser verboten hatte, waren die Jugendlichen zunächst mit rasierklingenscharfen Teppichschneidern unterwegs. Noack sagt: Irgendwann hat auch die Polizei begriffen, daß die nicht alle Auszubildene im Teppichgewerbe waren. Jetzt sind Küchenmesser verbreitet, Kartoffelschälmesser, Brotmesser, Schlachtermesser.
Im Knast werden sie nicht besser
Die größten Sorgen jedoch bereiten der Berliner Polizei die sogenannten Intensivtäter, das Gros davon aus den Stadtteilen Mitte, Nord und - natürlich - Neukölln. Das sind derzeit 480 gewaltbereite Jugendliche, die zunächst wie andere in der Gruppe randaliert, geprügelt, geraubt haben, aber das so oft und so schwer, daß sie seit 2003 in einer speziellen Kartei landen. Dadurch kommen sie schneller vor den Richter und früher in Haft. Aber eine Lösung, sagt Susanne Bauer, Präventionsbeauftragte der Berliner Polizei, sei das nicht. Wir wissen alle, im Knast werden sie nicht besser. Und so schlimm die sind - man darf die nicht verteufeln. Sonst haben die keine Chance mehr. Wir können die ja nicht alle einsperren für ihr Leben.
Der Junge zum Beispiel, der allein an der Glaspforte der Gropius-Passagen lehnt, ist doch erst Zwanzig. Er ist klein, fast ein bißchen schmächtig, und hat so schöne, dunkle, sanfte Augen. Er war den klassischen Weg der Jungkriminellen gegangen. Dann hat er in einer Disko zugestochen. Ins Herz, sagt er. Warum? Ist halt so passiert. Drei Jahre und drei Monate sitzt er jetzt im Gefängnis, versuchter Totschlag. Heute hat er Freigang. Sein Blick weicht aus. Er wartet auf seine Freundin.
Nächste Woche: Jugendgewalt in Neukölln Teil II - Die allgemeine Verrohung nimmt zu
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.03.2006, Nr. 9 / Seite 61
Bildmaterial: F.A.Z.-Matthias Lüdecke