Paul Tuohy zum Fall „Maddy“

„Die Wahrscheinlichkeit sinkt mit jedem Tag“

Madeleine

Madeleine

24. Mai 2007 Die kleine Madeleine McCann verschwand vor drei Wochen in einer Ferienanlage in Portugal. Die Suche wurde auf ganz Europa ausgeweitet. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt Paul Tuohy, Leiter einer privaten Hilfsorganisation, wie man ein Kind auf einem ganzen Kontinent sucht.

Herr Tuohy, Sie leiten die britische Wohltätigkeitsorganisation "National Missing Persons Helpline", die in Vermisstenfällen hilft. Vor drei Wochen verschwand die kleine Madeleine (Maddy) McCann in einer Ferienanlage in Portugal. Wie groß sind die Chancen, sie noch zu finden?
Schwer zu sagen, weil es sich um einen sehr ungewöhnlichen Fall handelt. Kindsentführung kommt zum Glück selten vor. Gewiss sinkt die Wahrscheinlichkeit, das Kind zu finden, mit jedem Tag. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Paul Tuohy leitet eine private Hilfsorganisation, die Angehörige vermisster Personen unterstützt

Paul Tuohy leitet eine private Hilfsorganisation, die Angehörige vermisster Personen unterstützt

Die Suche wurde auf ganz Europa ausgedehnt. Auch Ihre Organisation hilft. Wie sucht man ein vier Jahre altes Kind auf einem Kontinent?
Wenn eine Person vermisst gemeldet wird, arbeiten wir eng mit der Polizei und den Behörden zusammen. Am wichtigsten ist die öffentliche Aufmerksamkeit. Dazu arbeiten wir mit Unternehmen wie der Bahngesellschaft National Express zusammen, die jetzt an Bahnhöfen in 27 Ländern Fotos von Madeleine aufgehängt hat. Außerdem sprechen wir gerade mit den Eltern über die Veröffentlichung von Bildern, die zeigen, wie Madeleine möglicherweise heute aussieht. Vermutlich tun die Entführer alles, um Madeleines Aussehen zu verändern, etwa die Haare schneiden oder färben.

Seit der Entführung sind bei Ihrer Organisation 800 Kinder und Jugendliche in Großbritannien als vermisst gemeldet worden. Ist diese Zahl nicht erschreckend hoch?
Die meisten sind schockiert, wenn sie die Zahl hören. Dass wir hier vor einem ernsten Problem stehen, ist den meisten Leuten gar nicht bewusst. Wir arbeiten seit kurzem mit allen nationalen Polizeistationen zusammen. Außerdem erfassen wir jeden Anruf, der bei uns eingeht. Daraus bekommen wir ein vollständiges Bild der Lage. Sie ist übrigens in Großbritannien nicht viel anders als in anderen europäischen Ländern.

Was ist der häufigste Grund für das Verschwinden?
Meist laufen Kinder - in der Regel ältere als Madeleine - weg. Viele sind bei Pflegeeltern untergebracht, bei denen sie unglücklich sind. Depressionen, Missbrauch, Gewalt, Angst vor Strafe und Schulangst können weitere Gründe sein. Das Risiko ist höher, wenn Kinder nicht in einer liebevollen Familie aufwachsen.

Wie lange dauert es, bis die Kinder wiedergefunden werden?
Meist ist das eine Angelegenheit von Stunden. Wenn es sich um eine Entführung durch Familienangehörige handelt, kann es länger dauern. Manchmal werden Kinder auch erst nach Jahren wiedergefunden. Eine Entführung durch Fremde, wie vermutlich bei Madeleine, ist ein besonders ernster Fall. Drei Wochen sind eine sehr lange Zeit.

Für die Eltern ist das Verschwinden eines Kindes das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Wie helfen Sie Eltern wie den McCanns?
Die große Aufmerksamkeit der Medien gibt Madeleines Eltern Hoffnung. Viele Eltern, die Ähnliches durchmachen, fühlen sich allein gelassen, wissen nicht, was sie tun sollen. Wir helfen bei der Suche, ermöglichen über eine 24-Stunden-Hotline Gespräche mit Psychologen. Bis man weiß, was mit dem Kind geschehen ist, oder bis es zurück ist, klammern sich Eltern an die Hoffnung. Die McCanns sind überzeugt davon, dass das Kind ins Ausland gebracht wurde. Wir unterstützen sie in dieser Hoffnung - auch wenn die Statistiken dagegen sprechen.

Keine Spur von Madeleine

Keine Spur von Madeleine

Viele Eltern haben Angst, dass ihnen so etwas passieren könnte. Einige britische Familien haben sich schon danach erkundigt, ob sie ihre Kinder elektronisch "taggen" können. Plädieren Sie für eine solche Überwachung?
Man darf nicht den Blick für die Realität verlieren. Was mit Madeleine passiert ist, ist ein extrem seltener Fall. Deswegen sein Kind einer Dauerüberwachung zu unterziehen, ist übertrieben. Wir müssen ein normales Leben führen, auch wenn solch schreckliche Dinge passieren.

Die Fragen stellte Claudia Bröll.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, National Missing Persons Hotline, REUTERS

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