Wende im Fall Madeleine

Familie und Freunde im Fokus der Ermittler

Von Leo Wieland, Alex Westhoff und Jürgen Dunsch

Maddy McCann: Starb sie schon in der Ferienwohnung?

Maddy McCann: Starb sie schon in der Ferienwohnung?

07. August 2007 Schon seit dem 11. Juni war das Apartment in Portugal, aus dem Madeleine vor drei Monaten verschwunden war, nicht mehr als Tatort gesichert. Es war längst gereinigt und an andere Familien vermietet worden. Und dann kamen in den vergangenen Tagen die britischen Ermittler mit ihren Cockerspanieln doch noch hinein. Spürhunde, in Deutschland sind es meist Schäferhunde, können bis zu sieben Jahre alte Blutspuren aufspüren, auch in sehr geringen Mengen: Wird nur ein Tropfen Blut in einen Eimer Wasser gemischt, ausgekippt und mit einem Lappen sofort wieder aufgenommen – die Hunde können Spuren des Blutes noch immer erschnuppern. Die britischen Cockerspaniel schlugen an einer Stelle der Wand an.

Daraufhin dunkelten die Ermittler den Raum ab, suchten die Stelle mit einer Ultraviolett-Taschenlampe ab – und entdeckten in geringer Höhe an der Schlafzimmerwand Blutspuren. Und nun reagierten die Portugiesen plötzlich schnell. Am Dienstag berichtete die portugiesische Zeitung „Diario de Noticias“, die Polizei wisse, „dass Madeleine McCann in der Nacht des 3. Mai in dem Apartment des Hotels Ocean Club gestorben ist“. Sie habe daher die Vermutung aufgegeben, dass das vier Jahre alte Mädchen entführt wurde. Die Ermittler konzentrierten sich nun „auf Familienkreis und Freunde“.

Blutspuren können mit der Tat nichts zu tun haben

Internationale Suche, doch nun gibt es Zweifel an einer Entführung

Internationale Suche, doch nun gibt es Zweifel an einer Entführung

Der Fall des britischen Kindes, das aus dem Zimmer verschwand, in dem es mit seinen beiden jüngeren Geschwistern Sean und Amelie schlief, während ihre Eltern in einem Restaurant des Hotels zu Abend aßen, nahm binnen weniger Tage eine überraschende Wende. Dabei ist mit den Blutspuren allein nichts gesagt. „Die Gefahr, dass die Blutspuren überhaupt nichts mit der Tat zu tun haben, ist sehr groß“, sagt der Leiter der DNA-Abteilung des hessischen Landeskriminalamts, Harald Schneider. Gerade in einer Ferienwohnung mit ständig wechselnden Besuchern können die Blutspuren, die auch von einem Schnitt in den Finger herrühren könnten, sehr alt sein.

Die Polizei in Leicestershire untersucht derzeit, ob das Blut von Madeleine stammt. Das Ergebnis wird erst in den nächsten Tagen herauskommen. Erst dann kann die Polizei der These nachgehen, dass Madeleine möglicherweise in der Ferienwohnung zu Tode gekommen ist – obwohl seine Geschwister anwesend waren. Das würde auch dazu führen, dass die Eltern Kate und Gerry McCann, die seit nahezu hundert Tagen eine internationale Kampagne für das Wiederauffinden ihres Kindes führen, abermals vernommen werden müssten. Nach Angaben der Zeitung „Público“ untersuchten Polizeiexperten zehn Autos, die von den Eltern und deren Freunden an der Algarve benutzt worden waren, auf Spuren des Mädchens.

Haben die portugiesischen Ermittler gepfuscht?

Schon jetzt richten sich aber Fragen an die portugiesischen Ermittler. DNA-Fachmann Schneider findet es „sehr seltsam“, dass monatelang nur an der Entführungsthese festgehalten und ein Tötungsdelikt so lange generell ausgeschlossen wurde. Es sei unverständlich, dass Familienangehörige und Verwandte bei den Ermittlungen so lange außen vor geblieben seien. Und in britischen Ermittlerkreisen ist laut „Telegraph“ abermals Kritik an vorherigen Ermittlungsfehlern der portugiesischen Polizei laut geworden. Eine solche Blutspur, so die Meinung der britischen Polizei, hätte in den ersten Tagen entdeckt werden müssen. Hundeführer der britischen Polizei hatten ihre Expertise den portugiesischen Behörden schon im Mai angeboten – waren aber nicht zugelassen worden.

Und noch eine Spur brachte am Dienstag Bewegung in den Fall Madeleine. Denn in Portugal und Großbritannien wurde eine Verbindung hergestellt zu einem Entführungsfall, der seit einer Woche die Öffentlichkeit in der Schweiz bewegt. Inzwischen steht aufgrund von DNA-Analysen fest, dass der zuletzt in Spanien lebende Urs Hans von Aesch die fünfeinhalbjährige Ylenia in Appenzell entführt hat. Von dem Mädchen fehlt jede Spur, Aesch selbst hat noch am Tag der Entführung Selbstmord begangen. Auch am Dienstag setzte die Polizei die Suche nach Ylenia rund um den Ort des Selbstmords in der Nähe von Uzwil (Kanton St. Gallen) fort – ohne Ergebnis, wie der Sprecher der Kantonspolizei bekannt gab. Eine Sonderkommission namens „Rebecca“ prüft, ob Verbindungen zu dem Verschwinden von insgesamt fünf Kindern, davon drei aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau, zwischen 1981 und 1986 bestehen.

Führt Spur in der Schweiz in die richtige Richtung?

Bisher gibt der Entführungsfall zahlreiche Rätsel auf – nicht zuletzt wegen der Person des mutmaßlichen Einzeltäters. Der seit 1990 mit seiner Ehefrau im spanischen Benimantell lebende Urs Hans von Aesch tauchte Anfang Juli wieder in seiner Heimat auf. In der Ostschweiz suchte er offenbar nach Wohnraum, unter anderem in Appenzell. Sein weißer Renault Traffic stand am Dienstag vor einer Woche auch auf dem Parkplatz des Hallenbades, wo Ylenia zuletzt gesehen wurde. Danach fuhr der 67 Jahre alte Mann Richtung Westen. In der Nähe von Uzwil versuchte er dann zur Mittagszeit aus unerklärlichen Gründen, einen Sechsundvierzigjährigen beim Mittagsschlaf zu erschießen, ehe er ungefähr zweieinhalb Stunden später in einem nahegelegenen Wald mit einer anderen Waffe Selbstmord beging.

Wurde Maddy gar nicht entführt, müssen sich Kate und Gary McCann Fragen gefallen lassen

Wurde Maddy gar nicht entführt, müssen sich Kate und Gary McCann Fragen gefallen lassen

In der Nähe fand die Polizei Fahrradhelm, Kickboard und Rucksack von Ylenia, in dem zudem alle Kleidungsstücke des Mädchens geordnet verpackt waren. Urs Hans von Aesch, der bei seiner geschiedenen Mutter aufwuchs, wurde von einem Bekannten als cholerisch geschildert. Die „Neue Zürcher Zeitung“ erinnerte an eine Verurteilung zu 15 Monaten Haft vor dem Zürcher Obergericht im Jahr 1961. Von Aesch hatte versucht, von einem Kaufmann 10 000 Franken zu erpressen. Im anderen Fall, so drohte er, werde dessen kleiner Sohn „nicht mehr vom Kindergarten heimkehren“. Der Gerichtspsychiater charakterisierte den kaum Zwanzigjährigen damals als „mangelhaft entwickelten, infantilen Psychopathen“. Nach Polizeiangaben aus der Schweiz gibt es aber keine Hinweise darauf, dass von Aesch mit dem Entführungsfall in Portugal etwas zu tun hat.

McCanns äußern sich nicht zum Blutspuren-Fund

Es wäre nicht die erste Spur im Fall Madeleine, die sich in Luft auflöst. So hatte die portugiesische Polizei am Wochenende das Haus des bisherigen Hauptverdächtigen Robert Murat abermals untersucht. Die zweitägige Suche in der Villa des Mannes, die unmittelbar neben der Ferienanlage liegt, erbrachte aber offenbar keine neuen Hinweise. Unter anderem fanden auch Grabungen auf dem Gelände statt. Mit Scannertechnik versuchte man herauszufinden, ob in den vergangenen Wochen Erdreich bewegt worden war. Der 33 Jahre alte Murat war seit dem 10. Mai, als er vorübergehend festgenommen wurde, der Tat verdächtig. Für einen Haftbefehl reichten die Verdachtsmomente aber nicht aus. Und auch die Beschreibungen eines weiteren Verdächtigen bleiben vage. Es handle sich dabei um einen etwa 40 Jahre alten dunkelhäutigen Mann eventuell afrikanischer Abstammung mit englischer Staatsangehörigkeit. Er soll nach Augenzeugenberichten in jener Mai-Nacht dabei beobachtet worden sein, wie er ein angeblich schlafendes Mädchen aus dem Apartment der Ferienanlage trug.

Blutspuren in der Ferienwohnung: Wurde Maddy Opfer eines Mordes oder eines Unfalls?

Blutspuren in der Ferienwohnung: Wurde Maddy Opfer eines Mordes oder eines Unfalls?

In Großbritannien sind für Hinweise auf Madeleines Verbleib Belohnungen in Höhe von mehr als vier Millionen Euro ausgesetzt worden - wohl Grund genug für Augenzeugenberichte wie jener aus Belgien, wo eine Zeugin in der Stadt Tongeren das Kind gesehen haben will. Die Anwälte der Familie McCann haben außerdem schon mehr als eine Million Euro an Spenden für die Suche gesammelt. Ungeachtet der aktuellen Entwicklung, die auch sie selbst wieder in den Kreis der Verdächtigen rücken könnten, sagten die McCanns am Dienstag unbeirrt: „Wir glauben fest daran, dass Madeleine noch am Leben ist.“ Vater Gerry McCann sagte einem britischen Fernsehsender, dass er nicht an einen Mord glaube. Zu den Blutspuren im Ferienapartment der Familie wollte er nichts sagen: „Wir äußern uns nicht zu kriminaltechnischen Einzelheiten und werden dies nicht tun, auf keinen Fall wollen wir die Ermittlungen gefährden.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche