Nachahmungstäter

Punkte sammeln in der Clique

Von Alex Westhoff

Tatort: Blumensträuße über der Autobahn nahe Oldenburg

Tatort: Blumensträuße über der Autobahn nahe Oldenburg

30. März 2008 Bitte nicht mehr winken! Nicht von Autobahnbrücken. Die Polizei in Recklinghausen bittet darum, das Winken zu unterlassen, um Autofahrer nicht zusätzlich zu verunsichern. Wer auf Autobahnbrücken stehen bleibt, ist in diesen Tagen, so weit ist es schon gekommen, per se verdächtig. Quer durch die Republik wurden in der vergangenen Woche Autos und S-Bahnen gezielt mit Gegenständen beworfen: mit Pflastersteinen, Kalksandsteinen, Lehmklumpen, Schneebällen, Getränkekartons - viele Scheiben gingen zu Bruch. Und das kurz nachdem am Ostersonntag eine junge Mutter auf dem Beifahrersitz vor den Augen ihrer Kinder und ihres Mannes erschlagen wurde - von einem Holzklotz, der von einer Autobahnbrücke geworfen worden war.

Nicht trotz, sondern wegen des aufsehenerregenden Falles auf der A 29 bei Oldenburg fühlten sich Nachahmer auf den Plan gerufen, sagen Kriminologen. Das sei „leider unvermeidbar“, sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Es müsse immer damit gerechnet werden, dass durch die Berichterstattung über solche Ereignisse Nachahmereffekte ausgelöst würden.

„Der Schrecken übt für manche eine ungeheure Faszination aus“

Doch was treibt diese Menschen an, eine Mordtat so eilig zu kopieren? „Der Schrecken übt für manche eine ungeheure Faszination aus“, sagt Rudolf Egg. Für den Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden sind die Täter auf „außergewöhnliche Aufmerksamkeit, Macht und Ansehen in gewissen Kreisen“ aus, wollen einmal Herr über Leben und Tod sein. „Es gibt überall den ,good guy' und den ,bad guy'“, so Egg, „das fängt doch schon im Kasperltheater an.“ Und negativer Ruhm sei schließlich auch eine Art Ruhm. Kurzum: je „spektakulärer“ die Tat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie nachgeahmt wird.

Vor wenigen Tagen noch wäre ein Steinewerfer, der eine Delle in einem Autodach zu verantworten hat, kaum eine Kurzmeldung in der Lokalpresse wert gewesen. Deshalb müssen Trittbrettfahrer unmittelbar nach dem eine breite Öffentlichkeit berührenden Fall ans Werk gehen. Kriminologe Pfeiffer: „Dann können sie sich genüsslich zurücklehnen, die Berichterstattung genießen und sagen: ,Das war ich.'“ Relativ geringer Aufwand, hoher Ertrag an öffentlicher Wahrnehmung. Erfahrungsgemäß, meint der Kriminalpsychologe Egg, würden Nachahmungstaten etwa zwei bis drei Wochen nach dem gravierenden Ereignis in dem Maße abflauen, wie der Umfang der Berichterstattung nachlässt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Polizei vielerorts über offensichtliche Nachahmungstaten nicht oder nur in sehr geringem Umfang berichtet - solange niemand zu Schaden kommt. „Nichts frustriert Nachahmer mehr als die Nichtbeachtung durch die Presse“, sagt Pfeiffer.

„In der Regel erfolglose, ichschwache Versagertypen“

Beispiele von Taten, die zahlreiche Nachahmer auf den Plan riefen, gibt es viele in der jüngeren Vergangenheit. So häuften sich nach dem Amoklauf in einer Schule in Emsdetten Ende 2006 - 37 Menschen wurden verletzt - überall die Androhungen, es dem Täter gleichzutun. Er richtete sich damals selbst. Als kurz nach dem 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten Briefumschläge mit dem Milzbranderreger Anthrax aufgetaucht waren, machten sich auch hierzulande Leute einen makabren Spaß daraus, mit einem weißen Pulver gefüllte Umschläge zu verschicken.

Wer sind diese Menschen? „In der Regel erfolglose, ichschwache Versagertypen, die mit solchen Taten ihr Selbstwertgefühl aufpolieren wollen“, sagt Pfeiffer. Dabei kommt es auch vor, dass schon ein Fernsehfilm Nachahmer anregen kann - auch zur Gewalt gegen sich selbst. Ein Beispiel war der ZDF-Film „Tod eines Schülers“ im Jahr 1995, in dem sich ein Junge vor einen Zug warf. Der Streifen wollte aufrütteln. Gleichwohl stieg nach seiner Ausstrahlung die Zahl der Eisenbahnsuizide unter Jugendlichen in der Altersgruppe der Filmfigur stark an.

„An fehlender Strafhöhe mangelt es nicht“

Auch die letzte tödlich verlaufene Steinewerferattacke im Jahr 2000 auf einer Brücke bei Darmstadt zog eine Serie von Nachahmertaten nach sich. Die Täter der tödlichen Attacke: drei amerikanische Schüler, die zuvor noch nie negativ aufgefallen waren. Sie gaben an, aus Langeweile gehandelt zu haben an einem angeblich öden Nachmittag - zwei Frauen starben. „Töten wollen Nachahmer eigentlich nicht“, sagt Rudolf Egg, „aber sie sind sich über mögliche Folgen durchaus im Klaren. Nach dem schrecklichen Geschehen am Ostersonntag sei schon das Andeuten einer Wurfbewegung auf einer Brücke eine Nachahmertat, sagen die Fachleute - inklusive der Freude darüber, wenn Autofahrer das Steuer verreißen oder ein Ausweichmanöver starten. Das könne schon mal ein paar Pluspunkte in der Clique bringen.

Was diese Trittbrettfahrer von ihren Plänen abhalten könnte? „Abschreckung findet in erster Linie durch ein erhöhtes Risiko des Erwischtwerdens statt“, sagt Pfeiffer. Mit größerer strafrechtlicher Ächtung sei ihnen kaum beizukommen. „An fehlender Strafhöhe mangelt es im deutschen Recht auch nicht.“ Die gesellschaftliche Ächtung, nimmt man den Fall der an Ostern ermordeten jungen Mutter, sei auch so schon sehr groß, hebt Pfeiffer hervor. Die Berichte über die freundliche Verkäuferin, die wenige Tage zuvor im westfälischen Telgte noch hinter der Fleisch- und Käsetheke stand, werden viele Menschen berührt haben. Von dem vom Boulevard zum „feigen Brücken-Teufel“ stilisierten Täter fehlt nach wie vor jede Spur.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 16
Bildmaterial: dpa

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