Trauer in Winnenden

„Der Tod hat Einzug gehalten“

Die Frage des Abends

Die Frage des Abends

11. März 2009 Bei einem Amoklauf in der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart hat am Mittwoch ein 17-Jähriger 15 Menschen getötet. Bei den Opfern handelt es sich nach Angaben der Polizei um neun 15 bis 16 Jahre Schüler, drei Lehrerinnen und drei Passanten. Der Täter tötete sich nach einem Schusswechsel mit Polizisten offenbar selbst. Sein Motiv blieb zunächst unklar.

Nach der Tat herrschte in der baden-württembergischen Kleinstadt Fassungslosigkeit. Am Abend gedachten bei einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst mehrere hundert Menschen der Opfer des Amoklaufs. „Es herrscht Ratlosigkeit, Ohnmacht und blankes Entsetzen“, sagte der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz. „Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden“, sagte der evangelische Landesbischof Frank Otfried July in der Kirche St. Karl Borromäus: „Jeder Tote, jeder Verletzte ist ein Fragezeichen, auch der Täter.“

Einige hatten noch die Schulstifte in den Händen

Wie die Polizei mitteilte, hatte der 17-jährige Tim K. aus Leutenbach gegen 9.30 Uhr ein Schulzentrum in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) betreten. In zwei Klassenräumen erschoss er mit einer Pistole der Marke Beretta sieben Schüler sowie im Physikraum der Schule eine Lehrerin. Zwei weitere Schüler starben nach Angaben der Polizei im Krankenhaus. Unter den getöteten Schülern befinden sich acht Schülerinnen und nur ein Schüler.

Anschließend flüchtete der Täter durch die Schule und erschoss zwei weitere Lehrerinnen. Die Opfer seien von der Tat offenbar überrascht worden. Einige Schüler hätten noch die Schulstifte in den Händen gehabt, hieß es. Zudem habe der Täter nicht wahllos um sich geschossen, sondern einige der Opfer durch gezielte Kopfschüsse getötet.

„Frau Koma kommt“ warnte der Rektor

Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Schule vor dem Amokläufer gewarnt: „Frau Koma kommt“, habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin in der ZDF-Sendung „heute“. Sie fügte hinzu: „Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen.“

An der Schule trafen laut Rech innerhalb von zwei Minuten nach dem ersten Notruf erste Einsatzkräfte ein. Dadurch sei eine „weitere Tateskalation“ verhindert worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter über das angerichtete Blutbad hinaus noch weitere Angriffe in der Schule geplant hatte. Auf dem Fluchtweg seien „unzählige leere und auch nicht abgefeuerte Patronen“ gefunden worden, was darauf hindeute.

Die Tatwaffe nahm er aus dem Schlafzimmer der Eltern

Nach Verlassen des Gebäudes tötete der 17-Jährige den Angaben zufolge einen Mitarbeiter einer angrenzenden psychiatrischen Klinik und kidnappte dann ein Auto. Dessen 61 Jahre alten Fahrer gelang im 40 Kilometer entfernten Wendlingen nach einem Unfall an einer Autobahnauffahrt die Flucht (Siehe: Zur Fluchthilfe gezwungen: Der Amokläufer saß auf der Rückbank).

Der 17-jährige soll sich daraufhin in ein Autohaus begeben haben, wo er einen Mitarbeiter sowie einen Kunden tötete. Anschließend kam es zu einem Schusswechsel mit der Polizei, bei dem zwei Beamte verletzt wurden. Der Täter tötete sich gegen 12.30 Uhr vermutlich selbst (siehe: Der zweite Tatort: Mitten im Verkaufsgespräch schießt der Attentäter).

Kleidung, Computer und bevorzugte Musik werden ausgewertet

Der Täter hatte im vergangenen Jahr an der Albertville-Realschule Winnenden die Mittlere Reife abgelegt und eine Ausbildung begonnen. Nach Angaben der Polizei ist der Vater des Jugendlichen Mitglied in einem Schützenverein und verfügt legal über mehrere Waffen, die sich mehrheitlich in einem Tresor befunden haben sollen. Die Tatwaffe sowie mehrere hundert Patronen soll der Täter im Schlafzimmer seiner Eltern an sich genommen haben.

Wie die Polizei weiter mitteilte, gibt es keine Hinweise darauf, dass die Tat angekündigt oder absehbar gewesen sei. Es würden Kleidung, Computer und bevorzugte Musik des Jugendlichen ausgewertet, um Hinweise auf ein Motiv zu finden. Ob er sich möglicherweise von dem Amoklauf im amerikanischen Bundesstaat Alabama (siehe auch: Elf Tote bei Amoklauf in Alabama), wo in der Nacht zu Mittwoch elf Menschen getötet wurden, beeinflussen ließ, war zunächst unklar.

Die Schule bleibt zunächst geschlossen

Mehr als 15 Notfallseelsorger waren schon kurz nach dem Amoklauf in der Stadt im Einsatz. Die seelsorgerische Hilfe muss nach Angaben der kirchlichen Notfallseelsorge in solchen Fällen möglichst schnell geleistet werden. Wichtig sei, Kinder in einer solchen Extremsituation nicht allein zulassen und ihren unmittelbaren Reaktionen Raum zu geben. Das Schulzentrum Winnenden werde in den kommenden Tagen geschlossen bleiben, hieß es. Schulpsychologen auch aus anderen Bundesländer betreuen dort Schüler und Lehrer.

Erschüttert äußerte sich Bundespräsident Horst Köhler über die Tat. Seine Frau und er seien in Gedanken bei den Opfern und ihren Familien und Freunden, erklärte Köhler in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einem „Tag der Trauer für ganz Deutschland“. Es sei unfassbar, dass durch dieses entsetzliche Verbrechen Unbeteiligte binnen Sekunden ihr Leben verloren hätten. Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und zahlreiche weitere Politiker äußerten sich tief betroffen.

Eine äußerst seltene Form extremer Gewalt

Unterdessen entzündete sich eine Debatte über Konsequenzen aus der Bluttat. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach warnte, Schulen zu „Hochsicherheitstrakten“ auszubauen. „Das wollen auch die Schulen nicht“, sagte er der „Rheinischen Post“. Amokläufe stellen nach den Worten des Dortmunder Soziologen Friedrich-Wilhelm Stallberg in Deutschland bislang eine äußerst seltene Form extremer Gewalt dar. „Öffentlich mag das anders erscheinen, weil mit einer nie gekannten Intensität über sie berichtet wird“, sagte Stallberg.

Die Bluttat ruft Erinnerungen an den Amoklauf von Erfurt wach: Am 26. April 2002 hatte ein ehemaliger Schüler des Gutenberg-Gymnasiums innerhalb weniger Minuten 16 Menschen und dann sich selbst erschossen (siehe: Amoklauf von Erfurt: „Wir wissen, welch schwieriger Weg nun bevorsteht“).


Protokoll des Amoklaufs von Winnenden:
9.30 Uhr: Der 17-jährige Tim K. dringt in Winnenden in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts neun Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr: Ein Notruf aus der Realschule geht bei der Polizei ein.
9.40 Uhr: Zwei Interventionsteams der Polizei dringen in das Gebäude ein und finden die zwölf Leichen. Sie durchsuchen die Schule nach dem Täter, der bereits geflohen ist und auf dem Weg in die Innenstadt einen Passanten erschießt.
9.41 Uhr: Eine Großfahndung auch mit Hubschrauber wird eingeleitet.
9.45 Uhr: Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt ein Auto, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
10.00 Uhr: Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger erfährt im Landtag von dem Amoklauf und macht sich per Hubschrauber auf den Weg nach Winnenden.
12.00 Uhr: Der Täter stellt das gestohlene Auto auf der Autobahn ab und lässt die Geisel zurück. Der 17-jährige geht zu Fuß zum nahegelegenen Industriegebiet. Der Fahrer benachrichtigt die Polizei.
12.01 Uhr: Der Täter betritt ein VW-Autohaus und erschießt einen Angestellten und einen Kunden.
12.05 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet er das Feuer auf die Polizei. Er verletzt zwei Beamte schwer und erschießt sich schließlich selbst, nachdem er zuvor selbst getroffen wurde.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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