14. September 2005 Einer der drei des gemeinschaftlichen Mordes an ihrer Schwester angeklagten Brüder hat am Mittwoch vor dem Berliner Landgericht überraschend ein Geständnis abgelegt und die Tat allein auf sich genommen. Ayhan Sürücü, der jüngste der Angeklagten - er ist 19 -, sagte, die Tötung seiner Schwester durch drei Schüsse in den Kopf habe er allein zu verantworten, weder seine Brüder noch seine Eltern seien in die Vorbereitungen einbezogen gewesen. Seiner Freundin Melek jedoch habe er vor und nach der Tat davon erzählt; sie hatte gegenüber der Polizei offenbar einige Aussagen gemacht, aus denen geschlossen wurde, der Mord an der Schwester gehe auf einen Beschluß der Familie zurück. Das aber bestreiten sowohl Ayhan, der sich der Tat bezichtigte, als auch seine älteren Brüder, die sich mit ihm gemeinsam wegen Mordes und unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht verteidigen müssen.
Als Nebenklägerin verfolgte eine Schwester des Opfers im Saal B 129 die Verhandlung der 18. großen Strafkammer, genau gegenüber ihren drei Brüdern, die hinter ihren Verteidigern in dem eigens für Straftäter gebauten Glaskasten saßen.
Angeklagter: Es war kein Ehrenmord
Die Tat ist als Ehrenmord im fundamentalistisch geprägten kurdischen Milieu Kreuzbergs, als Fememord bekannt geworden. Das Verfahren findet große öffentliche Aufmerksamkeit. Die Vorstellung, die Familie habe aus Glaubensgründen und um ihre vermeintlich durch den westlichen Lebensstil der Tochter gekränkte Ehre wiederherzustellen, bei den Brüdern den Tod der Schwester in Auftrag gegeben, bezeichnete Alpaslan Sürücü, der an diesem Donnerstag 25 Jahre alt wird, ausdrücklich als absurd.
Er habe die Pistole mit dem Kaliber 7,65 Millimeter nicht besorgt, wie es ihm die Anklage vorwirft, sagte der 26 Jahre alte Mutlu Sürücü, und er sei auch nicht in das Vorhaben seines Bruders eingeweiht gewesen. Ausdrücklich distanzierte sich Mutlu Sürücü von der Vorstellung, sein Bruder habe mit dem Mord die Ehre der Familie wiederhergestellt, der rechte Glaube oder die Familie habe die Tat motiviert.
Ich sehe jetzt klarer
Am 7. Februar diesen Jahres war die junge Hatin Sürücü mit drei Schüssen in den Kopf an einer Bushaltestelle in der Nähe ihrer Wohnung getötet worden. Sie war 23 Jahre alt und lebte mit ihrem Sohn aus einer gescheiterten, von den Eltern in der Türkei mit einem Cousin arrangierten Ehe allein. Ihre drei Brüder wurden am 13. Februar festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, den Mord an der Schwester gemeinsam geplant und arbeitsteilig begangen zu haben, weil sie deren eigenständigen Lebensstil mißbilligten: Mutlu habe die Waffe besorgt, Ayhan habe geschossen. Ayhan, der sich als alleinigen Täter bezeichnete, sagte, nicht alles, was er seiner Freundin Melek über die Beteiligung seiner Familie erzählt habe, entspreche der Wahrheit.
Ayhan Sürücü sagte, er habe seine Schwester allein getötet, niemand habe ihm geholfen. Er bereue die Tat. Ich sehe jetzt klarer, heißt es in seiner Erklärung, die sein Verteidiger vorlas: Er habe mit der Tat seine Familie zerstört, seinem Neffen die Mutter und seinen Brüdern die Freiheit genommen. Mit seiner Freundin Melek gemeinsam habe er nach dem Tod der Schwester den Neffen aufziehen wollen, jetzt sei ihm klar, daß es falsch sei, sein eigenes Glück auf einer so furchtbaren Sache aufzubauen. Den Lebenswandel seiner Schwester habe er stark mißbilligt. Sie habe mit Kriminellen verkehrt und zugleich immer wieder den Kontakt zur Mutter gesucht, die das sehr belastet habe. Er habe sich Sorgen um seinen Neffen gemacht. Ayhan Sürücü schilderte Konflikt mit seiner Schwester, die läppisch schienen, ihn aber sehr verletzt hätten, etwa daß sie ohne ihn Geburtstag habe feiern wollen. Seine Brüder aber hätten sich in diesem Konflikt passiv verhalten und sich um die Schwester nicht gekümmert, auch das habe ihn geärgert.
Du bist ja jetzt ein Killer
Eine Waffe habe er schon immer besitzen wollen und von einem Russen - den er zwar identifizieren könne, es aus Angst jedoch nicht tun werde - für 800 Euro am Bahnhof Zoo gekauft. Im Beisein seiner Freundin Melek habe er Schießübungen im Görlitzer Park in Kreuzberg veranstaltet. Am 7. Februar sei seine Schwester wieder bei seiner Mutter gewesen und habe angekündigt, sie komme jetzt öfter, das habe ihn aufgeregt. Am Abend habe ihn sein Bruder Alpaslan, mit dem er verabredet gewesen sei, versetzt. Er sei daraufhin allein zu Hatin gegangen, habe mit ihr gestritten, sich halbwegs versöhnt, dann habe er ihr den Müll rausgetragen und sie habe ihn zur Bushaltestelle begleitetet. Unterwegs habe sie zu ihm gesagt: Ich ficke, wen ich will, das habe ihn abermals wütend gemacht, und er habe auf sie geschossen. Im Bus sei er später am Tatort vorbeigefahren, habe dann zwei verschiedene Taxis genommen und unterwegs noch eine SMS an Melek geschickt: Es sei alles gut gegangen.
Auch die Brüder Alpaslan und Mutlu Sürücü ließen ihre Verteidiger Erklärungen vorlesen. Alpaslan schildert, daß sein Bruder Ayhan ihn am Abend des 7. Februar vor dem Blumenladen im U-Bahnhof Kottbusser Tor versetzte, er daraufhin allein nach Hause zu seiner Frau fuhr. Er habe erst am folgenden Morgen vom Tod seiner Schwester erfahren und bei einem Treffen mit dem Bruder Ayhan und dessen Freundin Melek den Eindruck gehabt, dieser habe etwas mit dem Tod der Schwester zu tun. Du bist ja jetzt ein Killer habe er zu ihm gesagt, Ayhan habe erwidert: Denkt ihr etwa, es war leicht für mich, es war doch auch meine Schwester. Alpaslan Sürücü nannte seinen Bruder fehlgeleitet, er sei verliebt gewesen und habe heiraten wollen. Er habe anders als Ayhan zu seiner Schwester seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Auch Mutlu Sürücü sagte, er habe seit fünf Jahren keinen Kontakt mit seiner Schwester gehabt. Seinen jüngeren Bruder Ayhan nannte er unreif. Anders als in anderen spektakulären Strafprozessen wichen die Verteidiger der drei Brüder dem Gespräch mit der Presse aus; auch die Vertreter der Nebenklagen wollten sich nicht äußern.
Erziehung zu Toleranz an den Schulen
Das Gericht hörte am Mittwoch nachmittag acht Zeugen, die am Tatabend aus verschiedenen Gründen in der Nähe waren. Ein Polizist berichtete von seinem Einsatz an diesem kalten - neun Grad minus - Abend. Ein junger Hausmeister arbeitete in der Nähe an seinem Motorrad, als die Schüsse fielen. Er habe unmittelbar danach jemanden um die Ecke gucken sehen, ohne jedoch näheres erkennen zu können. Zwei junge Männer, die zufällig vorbeigefahren waren, berichteten von ihrer Wahrnehmung einer menschlichen Gestalt, die sich rasch von dem Ort entfernte, an dem die junge Frau starb. Ein Ehepaar kam später im Auto vorbei; die Frau sagte, sie habe einen Schuß gehört und gesehen, wie ein Mann fortrannte. Über die Reihenfolge dieser Wahrnehmung war sie sich jedoch nicht sicher; bei der Polizei hatte sie angegeben, erst den Schuß gehört und dann eine Person gesehen zu haben.
Zwei Schwestern, die mit ihrer Familie nahebei im ersten Stock wohnen, berichteten, was sie von Fenstern und vom Balkon aus gesehen und gehört hatten: Schüsse, ein schwarzes Auto, in das jemand einstieg und das dann davonfuhr, später auch das Auto der Jungs. Die Mädchen verwickelten sich in Widersprüche zu den Aussagen, die sie unmittelbar nach der Tat bei der Polizei gemacht hatten; was sie tatsächlich gesehen hatten, erwies sich zumindest bei der jüngeren als nicht zu klären. Die ältere aber bekräftigte, sie habe zwei Autos gesehen: Eines sei bald nach den Schüssen fortgefahren, ein anderes habe den Männern gehört, die auch als Zeugen gehört worden waren, den Jungs.
Die Berliner CDU forderte nach dem Geständnis des jungen Ayhan einen verbindlichen Werteunterricht durch die Religionsgemeinschaften an den Schulen: Schüler müßten zu Toleranz und Selbstbestimmung erzogen werden. Die Berliner Grünen riefen nach mehr Rechten für zwangsverheiratete Ausländerinnen. Ehefrauen müßten ein eigenes Aufenthaltsrecht; gegen ihren Willen im Ausland verheiratete Frauen müßten ein längeres Rückkehrrecht nach Deutschland bekommen.
Text: F.A.Z., 14.9.2005
Bildmaterial: REUTERS