12. November 2008 In dem früheren Kinderheim Haut de la Garenne auf der britischen Kanalinsel Jersey hat es keine Morde gegeben. Der neue Ermittlungschef David Warcup schloss Todesfälle im Zusammenhang mit den mutmaßlichen Kindesmisshandlungen in der Anstalt aus. Die im Keller gefundenen Knochen, auf die sich die Spekulationen um die Morde stützten, stammten von Tieren oder seien mehrere hundert Jahre alt.
Sein Vorgänger Lenny Harper habe mit der Vermutung unrecht gehabt, in dem Heim könnten Kinder ermordet und zerstückelt worden sein, sagte Warcup am Mittwoch in Jersey. Es gebe keine Annahme, dass es Tötungen gab oder Leichen zerstört wurden. Zudem sei es sehr bedauerlich, dass die Polizei Informationen herausgegeben habe, die nicht strikt akkurat gewesen seien. Somit werde nicht wegen Mordes ermittelt, die Polizei werde jedoch den Vorwürfen über Missbrauch und Folter seit den 60er Jahren weiter nachgehen, versicherte der Ermittlungschef.
Vergewaltigt, gefoltert, ausgepeitscht
Gleichzeitig entschuldigte er sich für falsche Informationen seines Vorgängers Lenny Harper, der die mehr als 4 Millionen Pfund (4,9 Millionen Euro) teuren Ermittlungen bis zu seinem Ruhestand im August geleitet hatte. Dessen damaliger Chef, Graham Power, wurde am Mittwoch von seinen Pflichten entbunden. Trotz der deutlichen Worte hielt sich der neue Ermittler Warcup mit zu harscher Kritik an seinem Vorgänger Harper zurück: Ich bin kein Richter, kein Geschworener, kein Scharfrichter - ich möchte niemandem die Schuld zuschieben.
Nach ersten Knochenfunden im Keller war das ehemalige Kinderheim weltweit schnell als Schauplatz brutaler Kindesmisshandlungen in die Schlagzeilen geraten. Bis zu 150 frühere Heimbewohner berichteten von regelmäßigen Sex- und Saufgelagen der Heimangestellten, die Mädchen und Jungen vergewaltigt, gefoltert, ausgepeitscht oder in kaltes Wasser getaucht hätten. Und als die Ermittler von fünf oder sechs Kindern sprachen, die im Keller umgebracht und deren Leichen zerstückelt worden sein könnten, nahmen die Behörden das ganze Heim und einen nahe gelegenen Bunker bis auf die Grundmauern unter die Lupe.
Hätten wir das ignorieren sollen?
Die neuen Erkenntnisse sind für den früheren Chefermittler Harper ein Schlag ins Gesicht: Keine Morde, keine Folterkeller, kein Kind wurde umgebracht, zerstückelt oder verscharrt. Ein angeblicher Schädel entpuppte sich als Kokosnuss-Schale aus viktorianischer Zeit. Die meisten anderen Knochen stammten von Tieren, ein paar Menschenknochen wurden auf eine Zeit datiert, in der es das Kinderheim noch gar nicht gab. Die angeblichen Folterkammern waren einfach Keller oder Hohlräume unter dem Fußboden, und eine Fußfessel war nichts weiter als ein rostiges Stück Metall, an dem nichts Verdächtiges gefunden werden konnte.
Die meisten der ehemaligen Heimbewohner, die die Foltervorwürfe erhoben hatten, haben die Insel vor der nordfranzösischen Küste, auf der heute fast 100.000 Menschen leben, längst verlassen. Mutmaßliche Opfer der Schänder meldeten sich aus Großbritannien und Frankreich, anderen europäischen Ländern und auch aus weit entfernten Ecken der Welt. Bislang sind wegen der Vorwürfe drei Männer angeklagt worden. Der frühere Ermittler Harper verteidigte sich dafür, dass er der Öffentlichkeit von seinem Mordverdacht erzählt hatte. Wenn wir Knochenteile und Zähne in einem Gebäude finden, in dem wir wegen Kindesmissbrauchs ermitteln, was erwarten die Menschen dann? Hätten wir das ignorieren sollen? Keine Polizei im Land hätte das verschwiegen.
Text: DPA
Bildmaterial: AFP, dpa