Neue Erkenntnisse im Inzestfall von Amstetten

F. vergewaltigte seine Tochter im Beisein der Kinder

03. Mai 2008 Die 24 Jahre lang in einem Kellerverlies ihres Elternhauses im österreichischen Amstetten eingesperrte Elisabeth F. hat ihre Mutter Rosemarie ausdrücklich entlastet. In den Jahren ihrer Gefangenschaft sei sie ausschließlich von ihrem Vater versorgt worden, sagte die 42-Jährige nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ gegenüber der Polizei aus. Ihre Mutter habe nichts gewusst. Dem Bericht zufolge hat Josef F. seine Tochter offenbar in den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer warnte die internationalen Medien davor, ganz Österreich und seine Bewohner zu verurteilen.

Wie der „Spiegel“ aus der Polizeivernehmung weiter zitierte, bestand Elisabeths Kellerverlies in den ersten neun Jahren aus einem einzigen Raum. Erst 1993 habe ihr Vater einen weiteren Raum eingerichtet. Davor wurden offenbar auch die bis dahin im Keller geborenen drei Kinder zu Zeugen der immer wiederkehrenden Vergewaltigungen. Im Gegensatz zu den Aussagen des inzwischen 73-Jährigen berichtete Elisabeth laut „Spiegel“ weiter, ihr Vater habe sie zunächst zwei Tage lang mit Handschellen an einen Pfosten gefesselt und dann bis zu neun Monate angeleint, damit sie wenigstens eine Toilette erreichen konnte.

Der Polizei aus Angst vor F. nichts gesagt

Offenbar gab es viel mehr Zeugen der Vorgänge in Elisabeths Elternhaus als zunächst angenommen. Ein ehemaliger Mieter in dem Mehrfamilienhaus sagte dem österreichischen Fernsehsender ATV, Elisabeth sei vor ihrer Einkerkerung mit einer Jugendfreundin nach Wien geflüchtet, jedoch wieder zurückgebracht worden. Die Freundin und Nachbarin habe ihm von den Vergewaltigungen berichtet. Demnach hätten die beiden Frauen damals aber der Polizei aus Angst vor F. nichts gesagt.

Für gelegentliche Bekannte war Josef F. ein netter Kerl, mit dem man gerne mal ein Bier trank, der obszöne Witze erzählte und laut lachte. Nach Berichten ehemaliger Nachbarn hat der 73-jährige Österreicher, der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang im Keller eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll, seine er Familie und seinen Haushalt wie ein Diktator geführt. So warf er Leute von dem Campingplatz, den er besaß, wenn sie ihren Stellplatz nicht sauber hielten. Stück um Stück setzt sich das Mosaik zusammen und ergibt das Bild eines durchtriebenen Lügners und zwanghaften Tyrannen.

Eine Regel - und aus!

„In der Familie war er sicher der Herr des Hauses“, berichtet Anton G., der ihm am Mondsee ein Stück Land verpachtet hatte. „Er war unflexibel. Er hatte keine Sensibilität. Wenn man krank war, wenn man irgendetwas hatte, war es ihm egal. Eine Regel - und aus!“ Das Bild von F., das allmählich Gestalt annimmt, zeigt einen Menschen mit einem erstaunlich regen kriminellen Gehirn. Um so viele Geburten zu organisieren und sich so viele Alibis auszudenken und dabei eine Atmosphäre zu verbreiten, in der es niemand wage, Fragen zu stellen, müsse man bei wachem Verstand und intelligent sein, erklärt der österreichische Psychiater Reinhard Haller.

F. verband dabei seine Betrügereien mit einem autoritären Kontrollsystem. So gelang es ihm, Familienmitglieder und Mieter in seinem Haus von dem Verlies fernzuhalten, in dem er Elisabeth und drei seiner Kinder gefangenhielt. „Er war offensichtlich ein Tyrann“, sagt Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith. Wenn die Familie immer wieder gehört habe, dass der Keller tabu sei, habe sich niemand getraut, das in Frage zu stellen: „Sein Wort war wie das Wort Gottes.“

Gutaussehend, jung, ernst

F. wurde am 9. April 1935 in Amstetten geboren. Von seinem jungen Jahren ist nicht viel bekannt. Ein Klassenfoto von einem Schulausflug aus dem Jahr 1951 zeigt den 16-Jährigen als großen und gutaussehenden jungen Mann, ernst, mit dunklem Haar. Ein früherer Klassenkamerad erinnert sich, dass F. als Jugendlicher „ein bisschen anders“ gewesen sei. In Erinnerung blieb ihm F.s unmoderne Frisur.
Spätere Arbeitskollegen und Arbeitgeber berichten, F., der den Beruf des Elektrikers erlernte, habe sich beruflich Respekt erworben.

Die Diskussion um die strafrechtlichen Konsequenzen aus dem Verbrechen dauerte am Samstag an. Der Vorsitzende der rechtspopulistischen Oppositionspartei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), Peter Westenthaler, forderte in der Tageszeitung „Österreich“ eine Zwangssterilisierung von Sexualstraftätern. Auch der Justizsprecher des konservativen Koalitionspartners ÖVP, Heribert Donnerbauer, sprach sich dafür aus, die zwangsweise Einnahme triebunterdrückender Medikamente im Strafrecht zu verankern. Die sozialdemokratische Justizministerin Maria Berger lehnt bisher eine Verschärfung der Strafgesetze ab, befürwortet aber längere Verjährungsfristen für Sexualstraftaten.



Text: AFP/AP
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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