Eine Geisel erzählt

„Du bringst bestimmt zwei Millionen Dollar ein“

09. Mai 2006 Am 16. März 2001 stürmten bewaffnete Guerrilla-Kämpfer der marxistischen Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) das Hotel des Deutschen Lothar Hintze südlich der Hauptstadt Bogota. Der Bäcker war 28 Jahre zuvor nach Kolumbien gekommen und machte gute Geschäfte mit deutschem Brot. Später verkaufte er seine Bäckerei, um das „Seehotel Nautico“ zu eröffnen, in dem er 140 Gäste beherbergen konnte. Es gab zu dieser Zeit schon Gerüchte über Entführungen der Farc in Tolima, der Gegend seines Hotels. Doch Lothar Hintze fühlte sich sicher.

Erst fünf Jahre nach seiner Gefangennahme, am 4. April 2006, wurde der inzwischen Sechzigjährige wieder aus der Geiselhaft entlassen. „Ein Kompaktengagement meiner Freunde in Bogota“, wie er es selbst nennt, brachte ihm die Freiheit. Während seiner Geiselhaft war mehr als einmal Lösegeld bezahlt worden. Hintze lebte in mehr als 300 Lagern und hat mehr als 2000 Kilometer in Gewaltmärschen durch das kolumbianische Hochgebirge zurücklegen müssen. In der Gefangenschaft verlor er achtzehn Kilogramm Gewicht. Wir trafen ihn in Bogota, wo er mit fester Stimme von seiner Zeit im Urwald berichtete.

Mit durchgeladenem Gewehr

Auf einmal stieß mich meine Frau an: Die Guerrilla! Sie konnten mich noch nicht sehen, ich nur sie. Da standen wir wie angewurzelt. Sie stürmten herein mit ihren Maschinengewehren und mit Granaten, acht Mann insgesamt. Sie suchten mich, fanden mich aber zunächst nicht, denn ich stand hinter der Tür zu meinem Büro. Das waren lange Minuten. Ich habe überlegt, ob ich selbst zur Waffe greife. Dann kam ein Guerrillero, hat gegen die Tür geschlagen, das Gewehr durchgeladen und geschrieen: Raus! Raus! Raus! Er trieb mich zum Steg meines Hotels. Ich hatte aber nur Gummistiefel und kurze Hosen an und sagte, sie sollten mir noch etwas zum Anziehen mitgeben. Ich wurde dann in ein Boot verfrachtet und gleich bewacht. Sie brachten mir Kleider, dann sind wir los. Sie sagten mir, daß der Kommandant mit mir sprechen wolle und daß mir nichts passieren werde. Wir sind erst im Boot, dann im Wagen gefahren, bis wir zu einem Lager kamen. Ich sollte das erste Mal auf Lehmboden schlafen. Ich habe kein Auge zugemacht. Am nächsten Morgen um vier Uhr brachen wir auf in ein Zentrallager. Ich wurde vorgeführt und habe den Kommandanten gefragt, ob sie mich nicht verwechselt hätten. Er schaute mich von der Seite an und sagte: Du bringst bestimmt zwei Millionen Dollar ein.

Auf einmal ging die Reise los in den Suma Paz, eines der Hochgebirge Kolumbiens, das bis zu 3700 Meter hoch ist. Nach elf Stunden kamen wir in ein Lager, das etwas unterhalb der Gipfel lag. Schon nach ein, zwei Monaten war mir klar: Hier muß ich raus. Ich habe mich auf einen Fluchtversuch vorbereitet. Allerdings immer mit der Angst, daß ich die Hochebene, die wir auf dem Hinweg überquert hatten, wieder zurückmußte. Das war ein unüberschaubares Gelände. Es gab Mooslöcher, in die man fallen konnte. Außerdem war es dort sehr kalt. Mir war klar: Wenn ich mich hier verirren würde, dann für immer. Ich habe mir einen Umhang aus Plastik beschafft und Milchpulver. Dann kam der Tag. Ich hatte mir Regen und Nebel ausgesucht, damit es schwerer würde, mir zu folgen. Es war also dichter Nebel, richtig gespenstisch, und ich bin losgerannt. Ich war vielleicht acht Kilometer vom Lager entfernt, saß in einem Gebüsch und überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte. Ob es besser wäre, am Tag weiterzugehen oder auf die Nacht zu warten?

„Halt, Lothar, sofort halt“

Wie ich so saß, hörte ich ein Geräusch, und jemand sagte: Halt, Lothar, sofort halt. Einer meiner Bewacher hatte meine Spuren gelesen und mich gefunden. Er fragte mich, wo ich hinwollte, und ich antwortete: Nach Hause. Er machte ein Zeichen, daß ich mitkommen solle. Da bin ich also hinter ihm hergetrottelt wie ein nasser Hund. Ich war deprimiert, weil ich gerade noch träumend dagesessen hatte, und nun war alles vorbei. Aber weil ich einsah, daß man diesen Gebirgszug kaum überqueren konnte, bin ich fast schon erleichtert mit dem Guerrillero zurück ins Lager gegangen. Durchnäßt und kaputt saß ich da wie ein Frosch. Sie bestraften mich, indem sie mich acht Tage lang rund um die Uhr anketteten.

Mehr als ein Jahr hatte ich nichts von meiner Frau gehört. Drei meiner sechzehn Mitgefangenen waren auf einem Zehn-Tage-Marsch erfolgreich geflüchtet. Diese drei hatten meiner Frau von den Radiobotschaften erzählt, die Angehörige von Entführten dreimal in der Woche je eine Stunde schicken können. So ein Gruß war das erste, was ich von meiner Frau hörte. Das war sehr emotional. Sie hat mir gesagt, daß sie mich nicht allein lasse, daß sie mich nun immer begleite. Sie wissen also, wie man mich erreichen kann, dachte ich. Die Farc hatten uns Radios gegeben. Immer wenn wir in ein neues Lager kamen, hieß es erstmal: Antennen bauen. Das waren Antennen aus Draht, die wir an den Bäumen hochwarfen - oder wir sind selbst hochgeklettert. Das sah immer aus wie ein Spinnennetz, überall waren Antennen aufgebaut.

Die Botschaften der Familien halfen

Die Radios und die Botschaften unserer Familien halfen uns beim Überleben. Das war Motivation für einen Tag, eine Woche, manchmal für Monate. Nach ungefähr einem Jahr kam das erste Signal, daß ich freikomme. Meine ehemalige Frau schickte mir eine Radionachricht auf deutsch. Sie sagte: Wir haben die Sache geregelt. Sag es niemandem, auch nicht deinen Mitgefangenen. Wir erwarten dich in vierzehn Tagen. Zwei Wochen vergingen, ein Monat, zwei, drei. Und ich hatte diese Traurigkeit in mir. Im Herbst habe ich wieder durch eine Radiobotschaft meiner ehemaligen Frau erfahren, daß es nur die erste Rate gewesen war. Sie wollten mehr.

Ich hatte aufgehört, darüber nachzudenken, wie viele Stunden und Minuten ein Tag hat, obwohl die Tage streng durchorganisiert waren. Um 4.20 Uhr morgens mußten die Guerrilleros aufstehen, Gummistiefel anziehen und packen, damit sie immer fluchtbereit waren. Dann mußten alle Radio hören, und einer mußte eine Presseschau zusammenstellen. Er berichtete dann, wie viele Militärs umgekommen waren durch die Bomben und Sprengsätze, die sie gelegt hatten, wie viele bei Gefechten mit den dafür ausgebildeten Kommandos der Farc getötet worden waren. Das dauerte ungefähr zwanzig Minuten, die anderen ergänzten die Informationen.

Lesestunden mit Marx, Engels und Lenin

Um acht Uhr wurde Kultur gemacht. Dann wurde Doktrin vorgelesen, Marx, Engels, Lenin und die verschiedenen Satzungen. Die Guerrilleros mußten entweder selbst lesen oder eben zuhören. Das geschah zweimal täglich, und immer gab es unterschiedliche Themen. Ab und zu wurden mittwochs und sonntags eine Stunde lang Spiele organisiert. Normalerweise blieben sie dabei unter sich, aber weil ich ein paar gute Ideen hatte, wie beispielsweise Kerzenauspusten mit Milchpulver, wurden ich und meine Mitgefangenen dazu eingeladen. Ein paar Mal war ich sogar Veranstalter. Bei den Farc ist alles streng geregelt. Beispielsweise können sie nicht einfach einen Gefangenen erschießen. Sie brauchen dafür die schriftliche Genehmigung von der Führungszentrale. Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn das Militär ein Lager angreift, um Geiseln zu befreien, dann gilt die Order, zuerst die Entführten zu töten.

Die Tage und Monate vergingen. Ich hatte mir immer Zeithorizonte gesetzt. Erst drei Monate, dann sechs, dann zwölf, dann 24 und schließlich 48. Meine Mitgefangenen sagten mir, daß ich spinne. Am Ende waren es 60 Monate und zwanzig Tage. Ich resignierte immer mehr. Ich habe natürlich mit meinem Weltempfänger die Deutsche Welle gehört. Zweimal wurde ich erwähnt. Die Botschaft war: Wir haben Lothar Hintze nicht vergessen. Aber ich habe mich schon gewundert, warum das so selten passierte. 2001 wurden in Kolumbien drei Deutsche entführt. Alle möglichen Mittel wurden eingesetzt, um sie freizubekommen. Ich wurde nicht einmal erwähnt. Ich verstand das nicht. Ich war doch auch Deutscher. Warum wurde nicht anstatt von drei von vier entführten Deutschen gesprochen? Dann wurde an der Küste Kolumbiens, in Santa Marta, eine Deutsche entführt. Und ich? Keine Silbe. Ich habe geglaubt, ich sei vergessen. Es wurde von den Sahara-Geiseln berichtet, jeden Tag von den Entführten im Irak. Ich habe zu meinen Mitgefangenen und zu den Guerrilleros gesagt: Ich bin überhaupt nichts wert.

Die letzten Monate waren die schlimmsten

Fast, fast, das war das Wort, das ich mehr als ein Jahr hörte, fast bist du frei, Lothar. Ich habe über meine Zähne geklagt. Ich hatte eine Wurzelentzündung und brauchte eine Behandlung. Für was? haben sie mich gefragt. Das kannst du dann zu Hause erledigen. Aber es zog sich hin. Fast jeden Monat machten sie mir Hoffnungen. Selbst der Kommandant sagte mir, daß es ja nicht meine Schuld sei, daß Lösegeld abhanden gekommen sei. Anfang Januar 2006 sollte es soweit sein. Ich habe nicht mehr daran geglaubt. Ich hatte meine Hochs und Tiefs, dann habe ich abgebaut. Die Belastung wurde zu groß, die Tage immer länger, die Nächte immer dunkler. In mir wurde es auch immer dunkler. Im März hieß es: Nur noch ein paar Tage. Und dann wieder: Die Sache hat sich verkompliziert. Alles ist in mir zusammengebrochen. Die letzten Monate waren die schlimmsten der ganzen fünf Jahre. Das Warten auf die Freilassung bedeutete einen Streß, den ich fast nicht mehr aushalten konnte. Ich habe den Farc-Leuten kein Wort mehr geglaubt und das auch gesagt.

Bis plötzlich auf unseren Märschen neue Wege eingeschlagen wurden. Wir liefen nicht mehr nur im Kreis, sondern talwärts. Meine Gruppe wurde aufgelöst, der Kommandant verabschiedete sich und sagte mir, ich solle mein Leben neu leben. Ich bin dann mit acht Bewachern einen anderen Weg gegangen. Das ließ mich dann doch wieder glauben, daß es in Richtung Freiheit ging. Es war allerdings gefährlich, denn wir mußten uns durch militärische Linien schleichen. Jeder Schritt war nur ein Gedanke: Freiheit. Am Vortag der geplanten Übergabe sah ich die Straße, auf der ich in die Freiheit entlassen werden sollte. Doch dann mußten wir noch einmal den Berg hinauf und uns verstecken, denn die letzten Stunden vor einer Übergabe sind für die Farc gefährlich.

„Es warten einige Landsleute auf dich“

Dann kam der Tag: Am 4. April, einem Dienstag, um 8.55 Uhr, wurde ich freigelassen. Zwei kolumbianische Vermittler und ein Pfarrer erwarteten mich. Ich stieg in ein Auto, schaute zurück und sah die Berge, diese riesigen Berge. Die Rückkehr war irgendwie übergangslos. Ich konnte nicht weinen, nichts. Nach eineinhalb Stunden erreichten wir die Zivilisation in einem kleinen Dorf. Dort realisierte ich, daß es wahr war, daß ich frei war. Wir fuhren weiter, und ich wußte nicht, wohin es ging. Ich fragte, ob man mir Geld leihen könnte. Nein, sagte der Pfarrer, denn es warten einige Landsleute auf dich.

Der deutsche Botschafter nahm mich in Empfang. Ich kam an wie eine Vogelscheuche mit schulterlangen Haaren, Bart und diesen alten Klamotten, die mir die Farc gegeben hatten. Ich wurde von Ärzten betreut. Am nächsten Tag konnte ich meine Frau sehen. Ich hatte mir Blumen und ein Geschenk besorgt, doch natürlich spürten wir eine Distanz zwischen uns. Das Band ist lockerer, aber es ist nicht gerissen. Ich muß jetzt einfach erst einmal wieder stehen lernen. Ich war immer ein Wirbelwind, aber das ist vorbei. Es herrscht Stillstand in mir.

Hintergrund:

Die Farc gibt es seit mehr als 40 Jahren. Am 27. Mai 1964 eroberte das kolumbianische Militär die „Republik Marquetalia“, eine kommunistische Enklave, die während der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Konservativen entstanden war. Unter den Bauern, die den Angriff überlebten, befand sich Manuel Marulanda Velez. Zwei Jahre später, 1966, wurden die Farc offiziell als militärischer Arm der kommunistischen Partei gegründet.

Die Farc bezeichnen sich bis heute als marxistisch-leninistisch und bolivarianisch. Wegen des Einsatzes von Anti-Personen-Minen, der Anschläge auf Zivilpersonen und Einrichtungen wie Strommasten gelten die Farc als Terrororganisation. Sie finanzieren sich hauptsächlich aus Schutzgelderpressung, dem Verkauf von Koka und Lösegeldern. Bei den Entführungen wird unterschieden zwischen politischen Geiseln - die prominenteste ist die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt - und der sogenannten Finanzgruppe („Grupo Financiero“). Hier geht es allein darum, Lösegelder zu erpressen. Allein darum ging es auch bei Lothar Hintze.

In Kolumbien befinden sich noch immer mehr als 5000 Geiseln in der Hand ihrer Entführer. Besonders jetzt, vor der Präsidentenwahl Ende Mai, ist der Gefangenaustausch ein kontroverses Thema. Es gibt eine Liste von entführten Politikern wie Ingrid Betancourt, drei Amerikanern und 45 Militärangehörigen, die die Farc im Austausch gegen alle Guerrilleros in kolumbianischen Gefängnissen freilassen sollen. Auch Lothar Hintze erschien Ende 2004 kurz auf dieser Liste. Er wurde von der kolumbianischen Regierung aufgenommen, wenige Tage bevor er angeblich freigelassen werden sollte. Dazu kam es damals nicht.

Die deutsche Regierung befand sich während der ganzen Zeit in einem Zwiespalt: Je prominenter Hintze als Geisel wurde, desto höher wurde sein Marktwert. Nach der Freilassung zeigte man Hintze nach dessen Angaben die Akten über die diplomatischen Bemühungen im Hintergrund. Er war überrascht, wie viele Ordner er gefüllt hatte, bis es dann endlich soweit war.



Bildmaterial: F.A.Z. Archiv, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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