Fragen an: Wolfgang Williard, Leiter der JVA Rottenburg

"Mehr als Arbeit, Tristesse und dünne Suppe"

24. Juli 2008 Die britische Rockband Uriah Heep tritt heute im Rottenburger Gefängnis auf - ohne Gage. Anstaltsleiter Williard berichtet im Gespräch mit FAZ.NET über Freizeitangebote, Alkoholverbote und den Umgang mit aggressiven Insassen.

Herr Williard, in Ihrem Gefängnis treten am Donnerstagnachmittag die Rocker von Uriah Heep auf. Wie kam es dazu?

Das war Zufall. Wir sind immer auf der Suche nach Ideen für die Freizeitgestaltung unserer Insassen. Die gesetzliche Strafe ist für diese Menschen der Entzug der Freiheit, das muss nicht ergänzt werden um schlechtes Essen und Langeweile, im Gegenteil. Unser Beauftragter für Freizeitgestaltung hat erfahren, dass Uriah Heep ganz bei uns in der Nähe am Freitag auf dem Rockfestival "Rock of Ages" spielt. Er hat dem Manager der Band eine E-Mail nach England geschickt, mit wenig Hoffnung, da wir ja keine Gage zahlen können.

Und dann hat die Band zugesagt?

Ja, die Musiker fanden die Idee großartig, und wir waren total überrascht. Nun mussten wir erst einmal ganz schnell unsere Aufsichtsbehörde um Erlaubnis fragen. Doch dann fingen die Probleme erst an: So eine internationale Rockband, die schickt ihnen einfach eine Liste, was sie alles an Ausrüstung besorgen müssen. Licht, Ton, große Bühne und so weiter, da war einiges an Organisationstalent gefragt. Zudem waren wir uns von Anfang an einig, dass wir für das Konzert keine Haushaltsmittel aufwenden. Zum Glück haben sich einige Sponsoren gefunden.

Wo genau im Gefängnis findet die Veranstaltung statt?

Die Bühne wird auf unserem Anstaltshof aufgebaut. Das sind zwei Sportfelder und etwas Grünfläche, also genug Platz für rund 500 Gefangene, einige Gäste und das Sicherheitspersonal. Stehplätze natürlich, wie bei jedem anständigen Rockkonzert. Die Musiker werden ungefähr eine Stunde spielen. Essen und Getränke soll es nicht geben, das wäre einfach zu viel Aufwand. Wer will, kann sich ja was zu trinken aus der Zelle mitnehmen. Nur keinen Alkohol, der ist schon seit Jahren in unserer Anstalt verboten.

Dürfen denn alle Insassen zum Konzert auf den Hof?

Ein paar wenige Einschränkungen mussten wir leider machen. Es gibt einige Freigänger, die tagsüber arbeiten und nicht dabei sein können. Andere werden bedroht, und wieder andere sind aggressiv und damit nicht gemeinschaftsfähig. Die dürfen dann nicht in die große Menge, hören die Musik aber sicher noch in ihrer Zelle. Die meisten freuen sich schon auf die Show.

Auch die Wärter?

Natürlich ist es für uns eine Ausnahmesituation, wenn sich so viele Personen gemeinsam im Hof aufhalten. Wir haben uns ein Sicherheitskonzept überlegt. Es sind rund 160 Vollzugsbeamte sowie der Werkdienst im Einsatz. Viele freuen sich und wollten sogar ihre Familie mitbringen. Das geht aber leider nicht. Die Wärter müssen an diesem Tag auf alles gefasst sein, sogar auf Fans von draußen, die sich vor die Gefängnistore stellen, um die Musik zu hören.

Haben die Gefangenen die Möglichkeit, die Mitglieder der Band zu treffen?

Wenn alles nach Plan läuft, kommen die Musiker schon am Morgen in die Anstalt, machen einen Rundgang und lernen unser Haus kennen. Auch ein Mittagessen in unserer Kantine steht auf dem Programm. Da wird es schon für den ein oder anderen Gefangenen die Möglichkeit geben, den Rockern die Hand zu schütteln.

Macht Ihre Anstalt öfter solche Unterhaltungsangebote?

Von dem Kaliber natürlich nicht. Wir versuchen unseren Gefangenen aber immer mal wieder etwas zu bieten, was das Herz erfreut. Der Alltag im Gefängnis soll mehr sein als nur Arbeit, Tristesse und dünne Suppe. Daher veranstalten wir jedes Jahr ein Hoffest, bei dem eine Band aus der Umgebung auftritt. Sonst bieten wir Sprachkurse, Schach und verschiedene Sportarten an. Natürlich haben wir auch eine Anstalts-Band. Damit erfüllen wir unseren gesetzlichen Auftrag, das Leben im Vollzug den Verhältnissen draußen anzupassen.

Wer sitzt denn bei Ihnen in Rottenburg im Kreis Tübingen ein?

Unsere Justizvollzugsanstalt gehört zu den größten in Baden-Württemberg. In unserer Hauptanstalt haben wir allein 660 Gefangene, nur Männer. Da ist alles dabei - vom Dieb bis zum Mörder, im Alter von 21 bis 70 Jahren.

Haben Sie denn keine Angst, dass einer ihrer Schützlinge die Gelegenheit nutzt und Ihnen bei all dem Trubel entwischt?

Ich bin seit eineinhalb Jahren hier, und bis jetzt ist noch kein Gefangener geflohen. Toi, toi, toi! Ich hoffe, dass das auch weiter so bleibt. Auch wegen der Musik von Uriah Heep muss niemand flüchten. Ich habe schon mal in die neue CD reingehört - das klingt ganz anders als das, was die Band vor 15 Jahren gespielt hat.

Das Gespräch führte Julia Roebke.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, privat

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