16. Dezember 2008 23 Mal stach der Bruder laut Anklage auf seine Schwester ein. Das war am späten Abend des 15. Mai in Hamburg, auf einem Parkplatz hinter dem Bahnhof Berliner Tor. Eine halbe Stunde lang versuchten die Notärzte, das Leben der 16 Jahre alten Morsal O. zu retten.
Vergeblich. Zwei Stiche hatten das Herz, zwei die Lunge getroffen. Der 24 Jahre alte Bruder Ahmad-Sobair O. wurde am nächsten Tag vor der Tür seines Anwalts gefasst und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Seit Dienstag steht er vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Die Verteidigung sieht eine verminderte Schuldfähigkeit des Täters. Der Angeklagte selbst will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
Vater als Kampfflieger gegen die Taliban
Der Fall hatte viel Aufmerksamkeit erregt, weil er einmal mehr die Frage aufwarf, wie gut in der Bundesrepublik lebende Ausländer integriert werden können. Denn der Bruder hatte nach den Ermittlungen seine Schwester umgebracht, weil er deren Lebenswandel für unzüchtig und sie sogar für eine Prostituierte hielt.
Das Gericht wird sich mit der Frage beschäftigen, ob die Tat etwas mit einem Ehrenmord zu tun hatte. Schwester und Bruder entstammen einer afghanischen Familie, die seit 1994 in Hamburg lebt, im Stadtteil Rothenburgsort. In Afghanistan gehörte die Familie zu den Wohlhabenderen. Morsals Vater war Kampfpilot. Er stand auf der Seite der Sowjetunion im Kampf gegen die Taliban.
Als diese immer weiter vorrückten, setzte er sich nach Deutschland ab. Er bat in Hamburg um Asyl und bekam eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Bald folgte die Familie. Der Vater arbeitete zunächst als Busfahrer, kam aber mit den deutschen Verhältnissen nicht zurecht, vor allem nicht mit der deutschen Sprache. Er wurde arbeitslos, als er betrunken am Steuer erwischt wurde. Seitdem unterhält er einen Handel mit Bussen.
Schule galt ihm nicht viel
Auch sein Sohn Ahmad-Sobair O. hatte von Anfang an Schwierigkeiten mit Deutschland. Die Schule galt ihm nicht viel. Schon bald fiel er durch Gewalt auf. Mehr als 30 Einträge gab es schon bei der Polizei vor dem Tod seiner Schwester: Raub, Körperverletzung, Diebstahl. 2004 wurde er selbst von einem Landsmann niedergestochen. Am 15. Mai aber sollte Ahmad-Sobair O. eigentlich im Gefängnis sitzen, nachdem er einen Bekannten mit Messerstichen schwer verletzt hatte.
Aber dann wurde ihm auf Antrag seines Anwalts sechs Wochen Haftaufschub gewährt. Auch seine jüngere Schwester Morsal war für die Familie längst zu einem Problem geworden. Sie rebellierte gegen ihre Eltern und versuchte immer wieder, die Familie zu verlassen.
Ihr Vater und ihr Bruder schlugen sie, weil sie ein eigenes Leben nach westlichen Maßstäben leben wollte. Auch Morsal hielt von der Schule nicht viel. Sie kaufte sich kurze Röcke, schminkte sich stark und war vor allem mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt.
In der Familie erwarteten sie brutale Schläge
Längst auch hatten die Behörden die Familie im Blick. Morsal O. lebte eine Zeit lang in einer Jugendhilfeeinrichtung in Schleswig-Holstein. Es soll ihr dort sogar gefallen haben. Dennoch kehrte sie zur Familie zurück, wo sie abermals brutale Schläge erwarteten. Im Mai erstattet sie Anzeige gegen ihren Vater.
Im Krankenhaus wurden ihre Verletzungen dokumentiert: Blutergüsse, Brandwunden von Zigaretten, Narben in der Haut. Morsal O. sagte damals, einige der Wunden habe sie sich selbst beigebracht. Einmal soll ihr Bruder sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben, nachdem sie schon ihr Vater geprügelt hatte.
Ein Cousin der Geschwister vermittelte schließlich am 15. Mai das Treffen auf dem Parkplatz. Morsal war ihrem Bruder bis dahin aus dem Weg gegangen. Bruder Ahmad-Sobair kam um 23.20 Uhr, zückte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sofort sein Messer und ließ sich auch von dem Cousin nicht abhalten.
Der Schwester blieb keine Chance. Bis einschließlich 5. Februar hat das Gericht zehn Verhandlungstage anberaumt. 27 Zeugen und drei Sachverständige wurden geladen. Zum Verfahren wegen Mordes kommen weitere Verfahren hinzu, die ohnehin gegen den Angeklagten anhängig waren - wegen Bedrohung seiner Schwester und mehrerer Körperverletzungen.
Alle Kriterien eines Mordes klar erfüllt
Für die Anklage sind alle Kriterien eines Mordes klar erfüllt. Der Anwalt von Ahmad-Sobair O. sprach hingegen von einer affektähnlichen Tat. Sein Mandant ist einem Gutachten zufolge psychisch krank und vermindert steuerungsfähig. Das Verbrechen habe nichts mit dem zu tun, was man landläufig unter dem Begriff ,Ehrenmord‘ versteht.
Ein weiteres Gutachten sieht den Angeklagten indes schuldfähig. Einen Tag vor Prozessbeginn hatte der Hamburger Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) mitgeteilt, dass afghanischen Staatsangehörigen, die sich seit mehr als anderthalb Jahren im geduldeten Aufenthalt befinden, nunmehr Aufenthaltserlaubnisse erteilt würden.
In Hamburg leben etwa 20 000 Afghanen. So würden deren Integrationschancen - insbesondere auf dem Arbeitsmarkt - und die aufenthaltsrechtliche Situation verbessert. Ahlhaus fügte hinzu: Ich erwarte im Gegenzug aber auch, dass sich die betroffenen Afghanen in unsere Gesellschaft integrieren, die deutsche Sprache lernen, um Arbeit bemühen und unsere Gesetze beachten.
Selbsternannte Wächter der Sittlichkeit
In Deutschland wurden bisher vor allem Musliminnen im Namen der Familienehre misshandelt oder getötet. Spätestens der Mord an der Deutsch-Türkin Hatin Sürücü im Februar 2005 in Berlin setzte eine bundesweite Debatte über die sogenannten Ehrenmorde an muslimischen Frauen in Gang. Nach Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes sind die Taten allerdings kein religiöser, sondern ein patriarchalischer Exzess.
Wie die 23 Jahre alte Berlinerin mussten in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland etwa 50 Frauen sterben, weil sie aus Sicht der Familie traditionelle Normen verletzt hatten: Sie trugen keine Kopftücher mehr, lehnten den für sie ausgesuchten Ehemann ab, ließen sich scheiden oder führten ein westliches Leben. Die Ehrlosen, wie die 16 Jahre alte Morsal aus Hamburg, wurden von Verwandten umgebracht, die sich zu Wächtern der Sittlichkeit berufen fühlten.
Auch in Tübingen wurde 2003 ein 16 Jahre altes Mädchen aus dem Kosovo getötet, weil sie die Familienehre beschmutzt hatte. Ihr Vater erwürgte sie, weil sie in die Disco ging und nicht von ihrem Freund lassen wollte. Der Mann wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine junge Frau aus Ingolstadt kam mit dem Leben davon. Sie war mit 16 Jahren zwangsverheiratet und bis 1998 sechs Jahre lang von der Familie ihres Mannes schwer misshandelt worden. (FAZ.NET)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Christine Böer, ddp