Von Sascha Lehnartz, Rio de Janeiro
20. Mai 2007 Man könnte diese Kreuzung im Stadtteil Penha für idyllisch halten, wären nicht die Einschusslöcher im Hähnchengrill. An der Ecke Rua Professor Otávio do Freitas und Avenida de Nossa Senhora da Penha befindet sich eine Bar ohne Namen. Stammgäste, ausnahmslos Männer, tragen brasilianische Tracht – Surfshorts, Flipflops, ärmellose T-Shirts – und trinken mittags Bier. Die Tankstelle auf der anderen Straßenseite heißt Posto Nossa Senhora de Lourdes, und die Motorrad-Taxi-Station schräg gegenüber hat sich den Wahlspruch auf die Mauer gesprüht: Wenn Gott mit uns ist, wer wagt dann noch, gegen uns zu sein?“ Scheinbar eine gutkatholische Gegend.
Dann, es ist kurz vor elf, brettert ein gepanzerter Mannschaftswagen mit Schießscharten und Geschützturm um die Kurve. Sekunden später ein zweiter. Schwarz, die Scheiben von Einschüssen zersplittert, auf der Seite ein Totenkopf vor gekreuzten Pistolen und einem Dolch – das Logo der BOPE, der Spezialeinheit zur Bekämpfung des Drogenhandels. Es dauert keine zwei Minuten, da explodieren in geringer Ferne einige Böller. Mit Feuerwerkskörpern warnen sich die Mitglieder des Drogenkartells, wenn der Feind naht. Einen Feind – und hier gilt jeder Fremde als Feind – nennen die Dealer Alemães, Deutsche. Denn in den meisten amerikanischen Filmen, die sie gesehen haben, waren die Bösen Deutsche.
Schüsse vom Berg herab und den Berg hinauf
Wahrscheinlich, so raunen die Gäste im Lokal, geht es gleich wieder los. Die Polizisten werden versuchen, die Barrikaden zu entfernen, welche die Drogenhändler errichtet haben, um sie vom Eindringen in die Favela abzuhalten. Betonteile liegen auf der Straße, die den Berg hinaufführt in die Favela Vila Cruzeiro, Fässer und Autowracks. Außerdem ist die Straße mit Öl verschmiert. Sobald die BOPE-Einheit die Barrikaden erreicht, werden die Traficantes schießen. Von oben, vom Berg herab. Und die BOPE wird zurückfeuern, den Berg hinauf. So geht das hier seit zwei Wochen. In den Zeitungen gibt es inzwischen eine feste Rubrik A Guerra do Rio – Krieg in Rio.
Die jüngste Schlacht dieses Krieges begann in den Abendstunden des 1. Mai. Da wurden im Ortsteil Oswaldo Cruz in der Rua João Vicente zwei Militärpolizisten vermutlich von Drogendealern erschossen.
Der Straßenname rief bei den Bewohnern Rios sofort die Erinnerung an ein anderes Verbrechen wach, das sich hier drei Monate zuvor zugetragen hatte. Da hatten in ebendieser Straße drei junge Männer eine Mutter und ihre Tochter gezwungen, aus ihrem Auto zu steigen, und waren mit dem Wagen davongerast. Dass der sechsjährige Sohn der Fahrerin sich beim Versuch auszusteigen in den Sicherheitsgurten des Kindersitzes verfangen hatte, wollten die Täter nicht bemerkt haben. Über sieben Kilometer schleiften sie das Kind zu Tode. Die barbarische Tat löste eine Diskussion darüber aus, ob man jugendliche Gewalttäter künftig wie Erwachsene bestrafen sollte, denn einer der Täter, die rasch gefasst wurden, war erst 16 Jahre alt.
Balas perdidas - verirrte Kugeln
Dass dieses aufsehenerregende Verbrechen und die Polizistenmorde in der gleichen Straße geschahen, mag ein Grund dafür gewesen sein, dass die Polizeikräfte jetzt mit geballter Wucht zurückschlagen. Seit dem 2. Mai führen verschiedene Verbände Einsätze im Complexo do Alemão hierão durch, einer Ansammlung von mehreren Favelas in der Nordzone Rios, zu denen auch Vila Cruzeiro gehört. Ziel ist es, die Polizistenmörder zu fassen und dem organisierten Drogenhandel einen Schlag zu versetzen. Die Bilanz nach 19 Tagen dieser Operationen, die häufig in wüsten Schießereien enden: 16 Tote und 50 Verletzte. Die rund 100.000 Einwohner des Complexo do Alemão leben seither im Belagerungszustand. Strom und Wasser funktionieren nur sporadisch. Rund hundert Tonnen Müll türmen sich auf den Straßen. Schulen bleiben geschlossen.
Die mutmaßlichen Polizistenmörder wurden bislang nicht gefasst. Bei einigen der Toten und bei der Mehrheit der Verletzten handelt es sich jedoch weder um Polizisten noch um Drogenhändler, sondern um offenbar unbeteiligte Bewohner der Favela, die in die Schusslinien gerieten und von Querschlägern getroffen wurden, die man hier balas perdidas nennt – verirrte Kugeln. Eine solche Kugel traf auch den Hähnchengrill.
Die hohe Zahl unschuldiger Opfer und fehlende Erfolge lassen manchen inzwischen nach dem Sinn der Einsätze fragen. Die Polizei glaubt, dass viele der Kugeln sich keinesfalls verirrt haben, sondern dass die Traficantes absichtlich auf Unbeteiligte schießen – um die Opfer dann der Polizei anzulasten. Insbesondere die Polícia Militar hat in Brasilien einen ausgesprochen schlechten Ruf. Sie gilt als tendenziell korrupt und schlecht ausgebildet. Statistiken scheinen das zu untermauern: Jährlich sterben mehr als tausend Menschen durch Polizeieinsätze. Allein im Februar waren es neunzig. Hier ist es schlimmer als im Irak, sagt ein Fotograf, der für die Tageszeitung Dia im Complexo do Alemão unterwegs ist. Im Irak weiß man wenigstens, wo die eigenen Leute stehen. Hier wird man von überall beschossen.
Journalisten wagen sich nicht mehr in die Favelas
Der Complexo do Alemão gehört zu einem Gebiet im Norden Rios, das im Volksmund inzwischen Gaza-streifen genannt wird. Von Caju bis Pavuna umfasst dieser Streifen 33 Viertel, in denen mehr als eine Million Menschen wohnen. Zwei Drittel aller Überfälle auf Autofahrer und fast die Hälfte aller Morddelikte Rios finden in der Zona Norte statt. Im Süden, wo die Wohlhabenderen leben und die Touristen sich in Ipanema, Leblon oder Copacabana vergnügen, sind viermal so viele Polizeibeamte im Einsatz wie im Norden. In der Zona Norte gibt es ganze Viertel, wo sich die Polizei höchstens bei militärischen Einsätzen blicken lässt. Favelas wie jene im Complexo do Alemão werden vom Drogenkartell Comando Vermelho vollständig beherrscht. Überall hier weisen die auf Mauern gesprühten Initialen C.V. darauf hin, wer hier die Macht besitzt.
Selbst Journalisten wagen sich in diese Favelas kaum mehr hinein, seit vor bald fünf Jahren der Fernsehreporter Tim Lopes bei einer Undercover-Recherche im Complexo do Alemão von Drogenhändlern entführt wurde. Der C.V.-Kommandant Elias der Verrückte folterte den Journalisten mit einem Samurai-Säbel zu Tode.
Man kann den Drogenhandel nicht eliminieren
Vor dem Mord an Tim Lopes folgten die ,Traficantes‘ noch minimalen ethischen Grundregeln, erzählt die Reporterin Taís Mendes, während sie die Zufahrten zum Complexo do Alemão für die Tageszeitung O Globo umkreist – im gepanzerten Firmen-Golf und mit schusssicherer Weste. Sie ließen Journalisten in ihre Favelas, denn wir haben ja auch über korrupte Polizisten berichtet. Aber die jetzige Generation der Anführer sei unberechenbar. Im Gegensatz zu den Chefs der ersten Generation seien die jüngeren nämlich selbst auf Drogen und berauschten sich zusätzlich an ihrer Macht über Leben und Tod.
Das Comando Vermelho entstand einst als eine Art Zusammenschluss von linken oppositionellen und gewöhnlichen Gefangenen unter der Militärdiktatur. Das Motto der Organisation klingt heute wie Hohn: Freiheit – Gerechtigkeit – Friede. Inzwischen übt der C.V. längst selbst eine Diktatur aus. Manche Medien erwähnen daher nicht einmal mehr den Namen des Kartells, um ihm nicht den Anschein von Legitimität zuzubilligen.
Fast alle der frühen Anführer des Comando Vermelho sitzen inzwischen in Hochsicherheitsgefängnissen oder sind tot. Geholfen hat es nichts. Entweder führten sie ihre Geschäfte aus dem Knast weiter, oder jüngere, brutalere Nachfolger übernahmen das Kommando. Man kann Drogenhändler eliminieren, aber nie den Drogenhandel. Den Krieg in Rio wird niemand gewinnen.
Zehnjährige tragen Revolver
Für die Bewohner der Favelas ist der Drogenhandel zu oft die einzige Hoffnung auf einen Ausweg aus der Armut. Achtjährigen zahlen die Traficantes hier 60 Reais (etwa 24 Euro) in der Woche, einfach nur dafür, dass sie Augen und Ohren offenhalten. In einem Land, wo der Mindestlohn gerade auf 380 Reais angehoben wurde, eine zu verführerische Summe für Kinder, die kaum eine Chance auf eine Ausbildung und einen Beruf haben. Mit dem Alter wachsen die Aufgaben und die Einnahmen. Zehnjährige tragen dann Revolver.
750 Favelas gibt es in der Stadt, und ihre Zahl wächst ständig weiter. Man schätzt, dass ein Viertel der acht Millionen Einwohner im Großraum Rio in Favelas lebt, die meisten Bewohner sind aus dem armen Nordosten des Landes in die Stadt gezogen. Nicht alle, aber viele Favelas werden vom Comando Vermelho oder konkurrierenden Kartellen wie dem Terçeiro Comando oder den Amigos dos Amigos beherrscht. Der Druck, den sie auf die Bewohner ausüben, lässt sich im Complexo do Alemão daran ablesen, dass fast kein Bewohner offen mit Journalisten spricht. Aus Angst. Ein Sprecher einer Bewohnervereinigung“ von Vila Cruzeiro forderte indes am Mittwoch ein Ende der polizeilichen Belagerung des Viertels und der Verkehrsbeschränkungen. Diese Maßnahmen hinderten die Bewohner daran, ihrer Arbeit nachzugehen, und beschränkten ihre Menschenrechte. Inwieweit der Sprecher der Anlieger ein Instrument in den Händen der Traficantes ist, lässt sich schwer ermessen. Der Gouverneur des Staates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, sagte am gleichen Tag, er erhalte von vielen Anliegern Zuspruch für die von ihm verantworteten Polizeiaktionen. Sie würden fortgesetzt. Angesichts von jährlich 6000 Mordopfern in seinem Staat spürt er Handlungsbedarf.
Am Donnerstagabend fehlte von den Mördern der beiden Polizisten weiterhin jede Spur. Die BOPE räumte einige Barrikaden in Vila Cruzeiro, ausnahmsweise ohne beschossen zu werden. Und im Innenhof seiner Kaserne präsentierte das 16. Bataillon der Militärpolizei stolz sechzig Kilogramm Maconha – kräftig duftendes Haschisch, das man an diesem Nachmittag beschlagnahmt hatte. Ein Tropfen auf den heißen Stein.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP