Von Johannes Leithäuser, London
20. Juli 2008 Fast fünfzehn Monate nach dem Verschwinden der damals knapp vier Jahre alten Madeleine McCann steht die Untersuchung des Falles in Portugal und England vor dem amtlichen Ende. Obwohl das Mädchen oder ihr Leichnam nicht gefunden wurde, hat die beispiellose Suche der Eltern und die Aufmerksamkeit der Zeitungen vielerlei Effekte und Ergebnisse erzeugt.
Das Mitleid und die Sensationslust, die das Schicksal Madeleines hervorrief, sind zum Teil mit Geld aufgewogen worden. Kate und Gerry McCann richteten einen Spendenfonds ein, um die Suche nach ihrer Tochter zu finanzieren. Er erreichte ein Volumen von mindestens 1,5 Millionen Euro, vorsichtig geschätzt, und hätte sich noch um ein Vielfaches vergrößern lassen, wenn Madeleines Eltern Angebote wahrgenommen oder eigene Ideen verwirklicht hätten, die Eigentumsrechte ihres eigenen Leides und des vermuteten Leides ihrer Tochter an einen Buchverlag oder eine Filmfirma zu verkaufen.
Entschädigung für Eltern und Robert Murat
Stattdessen haben die Eltern, die im vergangenen September von der portugiesischen Polizei in den Status von Verdächtigen“ gerückt worden waren, jene britischen Zeitungen auf Schadensersatz verklagt, die in ihrer Berichterstattung den Eindruck erweckten, Kate und Gerry McCann seien tatsächlich selber die Täter gewesen. Das Urteil speiste den Findet Madeleine“-Fund mit weiteren rund 750.000 Euro.
Auch Robert Murat, ein Engländer, der nahe jener portugiesischen Ferienanlage in Praia da Luz lebt, aus der Madeleine verschwand und der schon vor den Eltern in den Verdacht geriet, der Entführer des Kindes zu sein, erhielt in dieser Woche eine Entschädigungssumme. Gleich elf verschiedene Zeitungen wurden verurteilt, insgesamt rund 800.000 Euro an Murat auszuzahlen – ein Betrag, den dieser für hoch genug hielt, um seine Reputation wiederherzustellen.
Sensationswert der Maddie-Story fällt mittlerweile
Madeleines Eltern hoffen unterdessen auf weitere immaterielle Folgen der Einstellung des Verfahrens: Sie beanspruchen die Ermittlungsakten der portugiesischen Polizei und der Polizeikollegen aus dem heimatlichen Lancashire, die im Fall Madeleine unterstützend tätig gewesen sind. Auch die Analyse diverser DNA-Spuren im Ferienappartement und in einem Leihwagen, den die Eltern später in Portugal gemietet hatten, war von einem forensischen Institut in England vorgenommen worden.
Der portugiesische Untersuchungsrichter, der nach dem formellen Abschluss der Ermittlungen an diesem Montag die Polizeiakten in Empfang nehmen wird, hat allerdings schon wissen lassen, es könne bis Mitte August dauern, bis seine Bewertung zur Einstellung des Verfahrens verfertigt sei. Der Sprecher der Eltern, der ihre öffentlichen Bemerkungen und Auftritte lenkt, seit sie im vergangenen Herbst selber unter Verdacht gerieten, hat mitgeteilt, die Freigabe der Akten sei wichtig, um mit privaten Ermittlern die Suche nach Madeleine auch in Portugal fortsetzen zu können. Dort hätten die Detektive nicht ans Werk gehen können, solange die Polizei ihre Nachforschungen nicht offiziell für beendet erklärte.
Das Ende des Verfahrens löscht auch den Verdächtigen-Status der Eltern und des Nachbarn Murat. Gerry und Kate McCann hoffen, dass dann wieder mehr Menschen dazu bewogen werden, ihre Suche nach der Tochter durch finanzielle Zuwendungen zu unterstützen. Die letzte größere Überweisung speiste sich aus den Filmrechten für eine zweistündige Fernsehdokumentation: Der britische Fernsehsender ITV spendete nach eigenen Angaben rund 12.500 Euro für das ausführliche Interview und die Kamerabilder aus dem Haus der Familie in Lancashire und dem Leben der Eltern mit den beiden jüngeren Zwillingsgeschwistern der verschwundenen Madeleine. Die Größe der Summe, die dieser private Fernsehkanal für zwei Stunden Programm zum Fall Madeleine zahlte, gibt einen deutlichen Hinweis, dass der Sensationswert der mysteriösen Maddie-Story“ mittlerweile fällt.
Dennoch halten die Eltern die öffentliche Erinnerung an das verschwundene Kind aufrecht, um eigene Wunschvorstellungen nicht begraben zu müssen. Noch immer finden sie Resonanz: Der Fernsehfilm zeigt Kate und Gerry beim Sortieren der Post: Ein Teil geht in den Karton mit der Aufschrift verrückt“, ein anderer in die Kiste mit böse“, der größte Teil in die Box, auf der Gute Wünsche“ steht. Und um in Verbindung zu bleiben mit diesem wohlmeinenden Teil des anteilnehmenden Publikums, machen die McCanns auch ihre Selbstanklage öffentlich: Das Schlimmste sei, dass sie an dem Abend, an dem Madeleine aus dem Ferienappartement verschwand, das Kind mit den Zwillingen beinahe doch nicht allein gelassen hätten, um in ein nahes Restaurant mit Freunden essen zu gehen, sagte Gerry McCann dem Fernsehsender. Und seine Frau ergänzte: Eigentlich wollten sie mit den Freunden und allen Kindern in ein anderes Lokal zum Abendessen, aber das sei weiter weg gewesen, und sie hätten keinen Kinderwagen zur Hand gehabt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP