Italien

Gemeinsam gegen die Mafia

Von Tobias Piller, Rom

30. August 2007 Die Schüsse in Duisburg haben Deutschland aufgeweckt. Wähnten sich die Deutschen mehrheitlich doch auf einer sicheren Insel, um die herum das organisierte Verbrechen - in Russland, auf dem Balkan, in Italien und anderswo - sein Unwesen treibt. Diese Einschätzung traf schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu.

Der italienische Justizminister Clemente Mastella wird am 5. September in Berlin Bundesjustizministerin Brigitte Zypries treffen und über die gemeinsamen Bemühungen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu sprechen.

Fachleute urteilen: Ein reiches, wohlorganisiertes und noch dazu etwas blauäugiges Land besitzt große Anziehungskraft auf Verbrechensorganisationen. Hier lassen sich Gewinne aus dunklen Kanälen gut investieren, aber auch zusätzliche Mittel verdienen oder erpressen.

Zu viel Geld durch Kokain

Schon seit den neunziger Jahren soll deshalb die „'Ndrangheta“, die Mafia aus Kalabrien, in Deutschland zahlreiche Immobilien gekauft haben. Die Gewinnspannen der kalabresischen Mafia allein aus ihrem europäischen Kokainmonopol sind schließlich so riesig, dass es nicht vorstellbar wäre, die Gewinne ganz allein in der süditalienischen Heimatregion anzulegen.

Die Staatsanwälte berichten, dass aus einem Kilogramm reinem Kokain, gekauft an der Quelle in Kolumbien für 1.600 Euro, auf dem europäischen Endverbrauchermarkt, im grammweisen Absatz, schließlich bis zu 360.000 Euro werden. Die Menge Kokain, die jedes Jahr in den Handel kommt, bemisst sich in Tonnen.

Die Einnahmen aus vielerlei kriminellen Aktivitäten schaffen nicht nur Rivalitäten und Fehden wie die in Duisburg. In aller Stille können sich die Verbrechensorganisationen Machtbasen in ganz Europa aufbauen und sich auch in staatlichen Organisationen Verbündete kaufen.

Dürftige Resultate im Kampf gegen die Mafia

Die Bekämpfung der Mafia und ihrer Geschäfte in ganz Europa kann deshalb nicht allein Aufgabe Italiens bleiben. Denn trotz jahrzehntelanger Bemühungen hat Italien bisher nur dürftige Resultate im Kampf gegen die Mafia vorzuweisen. Während der vergangenen Jahre konzentrierten sich die Achtungserfolge vor allem auf Sizilien und die dortige „Cosa Nostra“, in deren Schatten sich die kalabresische „'Ndrangheta“ zu einer weit mächtigeren und gefährlicheren Organisation entwickeln konnte.

Die Schuld an diesem Versagen verteilt sich auf viele Institutionen und Personen, weshalb es auch keine Hoffnung gibt, mit einer kleinen Reform alle Hindernisse im Kampf gegen das organisierte Verbrechen aus dem Weg zu schaffen. Zum einen besitzen die schnell wechselnden Zentralregierungen in Rom noch immer kein erfolgversprechendes Konzept für die wirtschaftliche Entwicklung Süditaliens.

Längst hätte Süditalien zu einem ernstzunehmenden Anbieter auf dem Tourismusmarkt werden können. Doch auf diesem Feld fehlen strategische Weichenstellungen, während die vielen Entwicklungsmilliarden der Europäischen Union ohne Effekt versickern. Bei den Polizeikräften sparten die römischen Regierungen zuletzt auch am Benzin und den Reparaturen für liegengebliebene Polizeiautos. Die Staatsausgaben verringerten sich damit um einige Dutzend Millionen Euro, während andererseits diversen Wählergruppen Milliardenbeträge in den Rachen geworfen werden.

Von Versagern und Gefangenen

Die mit Abstand größten Versager sind die süditalienischen Regionalregierungen. Sie werden von den wechselnden Koalitionsregierungen in erster Linie als Selbstbedienungsladen für die eigenen Parteien und deren Seilschaften verstanden. Dass zudem keiner der - teilweise hochbezahlten - Regionalbeamten entlassen werden kann, auch wenn er nicht arbeitet oder nichts zuwege bringt, ist wiederum die Schuld der nationalen italienischen Gewerkschaften.

Unter den Staatsanwälten hat es viele Vorbilder gegeben, etwa in Sizilien, aber auch tragische Opfer von Anschlägen - die allerdings zu ihren Lebzeiten wenig Unterstützung fanden. Zugleich gibt es aber auch viele Richter, die mit ihrer geruhsamen Arbeitsweise Prozesse über Jahre oder Jahrzehnte verschleppen. Daher wirkt statt des langsamen Staates und Gesetzes vielerorts die schnelle Schlichtung der Mafiabosse. Sie hat freilich ihren Preis.

Zudem können Opfer oder Zeugen von Verbrechen nicht erwarten, dass die Übeltäter schnell hinter Schloss und Riegel kommen und dort unschädlich bleiben. Vielmehr ist es umgekehrt: Manche wichtige Zeugen, eigentlich unbescholtene Bürger, werden gehalten wie Gefangene und verlieren ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage.

Absolution für faule Kompromisse

Als strategische Fehler erwiesen sich schließlich die Bemühungen einzelner Staatsanwälte, ihr politisches Engagement in fruchtlose Ermittlungen und Prozesse gegen nationale Politiker umzumünzen. Untersuchungen gegen Silvio Berlusconi brachten zwar Schlagzeilen, aber nicht einmal einen Prozess. Der Prozess gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti beschäftigte Palermo elf Jahre lang und endete doch mit einem Freispruch, aus der Sicht vieler Italiener einschließlich einer Absolution von politischer Verantwortung für viele faule Kompromisse.

Ermittler und Richter aus Deutschland oder generell aus Nordeuropa können gegen die Mafia - noch - unbefangen von all den italienischen Verwicklungen agieren. Sie werden in Italien immer auch engagierte Partner für ihre Arbeit finden. Allerdings brauchen sie auch noch einige von den Instrumenten, die Italiens Mafiajägern längst zur Verfügung stehen: Es geht nicht an, dass in Deutschland der Mafiaboss nur im Büro, aber nicht im Wohnzimmer abgehört werden darf - wenn überhaupt.

In den scheinbar undurchdringlichen Parallelgesellschaften von Ausländern können neue Kronzeugenregelungen weiterhelfen. Schließlich muss es leichter werden, illegal erworbenes Vermögen von Verbrechensorganisationen generell zu beschlagnahmen und nach Verurteilungen auch zu konfiszieren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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