
Ohne den Sachverhalt relativieren zu wollen: Wenn ich mich recht erinnere, sind z.B. in Köln (~1 Mio. Einwohner) in den letzten Jahren im Durchschnitt fast 50 Menschen jährlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen (Mord, Totschlag usw.). Also etwa einer pro Woche...

Kommentare von Touristen wie Captain Capitalism David Rogge sind da so fehl am Platze wie man es sich nur denken kann. Einige Male in London gewesen zu sein zeigt einem vom Leben in London gar nichts. Wer sich auf die „schönen“ Innenstadtbereiche für schnöselige City Boys beschränkt kriegt ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Zudem sei gesagt, dass die BBC gerade gestern von Messerattacken am Oxford Circus berichtete. Die Rechnung von London ist nicht und wird nicht aufgehen - Kapital um jeden Preis, obszön dargestellt und mit perfider Arroganz von einigen wenigen zur Religion erklärt – muss zu sozialen Missständen führen, die letztlich in der brutalen Gewalt des Mobs enden. Die Lesermeinungen im heutigen Independent drücken es deutlich aus : In London ist jegliches Sozialgefüge verloren gegangen. Ein Verglich mit Hamburg oder Berlin ist geradezu lächerlich obwohl auch dort viele Probleme dringend einer Lösung bedürfen.

Zugegeben, der Artikel ist nicht besonders informativ und auch was man als „dürre“ bezeichnen kann. Der grauenhafte Mord an zwei französischen Studenten in SE14 ist wohl der absolute Gipfel aller Abscheulichkeiten. Es ist wohl war, die Ermordeten waren keine Minderjährigen doch sitzt ein 21 Jahre alter Mann derzeit als Verdächtiger in Polizeigewahrsam. Für mich fällt das in dieselbe Kategorie. Leider wird der bestialische Doppelmord hier nichteinmall erwähnt. Der interessierte Leser sollte sich die Artikel im Independent oder dem Guardian durchlesen um mehr über dieses schreckliche Verbrechen zu erfahren. Für jemanden, der seit mehreren Jahren in London und leider keine zehn Minuten per pedes vom Ort des Verbrechens wohnt, sind diese Nachrichten entsetzlich. London ist nirgendwo sicher. Sieht man von einigen wenigen Innenstadtberiechen ab so kann eigentlich Alles Überall passieren. Laut der Statistik der Met. Police sind es gerade Vorzeigebezirke wie Greenwich (und andere), die im letzten Jahr eine immense Steigerung der Kriminalitätsrate zu verzeichnen hatten. (weiter in Teil 2)

Da steht am Anfang, dass dies kein Vorort- oder Unterschichtfaenomen ist und einen Absatz darunter steht, dass ein(mehr oder weniger) bekannter Mann in einer Bar niedergestochen wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich bei der Bar um den Londoner Golfclub gehandelt hat. Im naechsten Artikel wurde ein Schauspieler in einem VORORT niedergestochen. Wie kann man seine Behauptung noch besser widerlegen? Dass die Opfer evtl. aus anderen Kreisen stammen kann sein, sie gehen aber auch nicht in die Oeffentlichkeit in der Absicht, erstochen zu werden. Mitglieder der Mittel- bzw Oberschicht stechen niemanden wegen eines Handys nieder, dies wuerde sie automatisch disqualifizieren. Aber das ganze wurde ja netterweise durch die Schleichwerbung fuer den neuen Harry Potter wieder gutgemacht. Also wirklich! Sommervikare sollen Post sortieren und Kaffee kochen. Oder war da jemand bereits mit seinen Gedanken auf Mallorca?

Hier wir mehr verschwiegen, als gesagt: dass soundsoviel Jugendliche ermordet wurden, könnte auch mit einem Satz gesagt werden. Was aber sind die sozialen und kulturellen Hintergründe von Tätern und Opfern? Wie verlaufen diese 'Streits' an deren Ende der Mord steht? Inwieweit waren die Täter schon vorher auffällig geworden? Meine Vermutung ist, dass es sich bei der sog. Londoner Mordserie um Hassverbrechen handelt, bei denen geraubte Mobiltelefone bestenfalls als Trophäen fungieren. Ich glaube, wir werden z.Zt. Zeugen eines Niedergangs des sog. Qualitätsjournalismus, der nicht imstand ist, das Problem einer kulturellen Erschütterung Europas in seiner Ganzheit darzustellen und stattdessen Nebelkerzen zündet. Dieser Artikel ist so eine Nebelkerze.

Ich finde es ein bisschen verrückt hier über London zu berichten, denn London ist die sicherste Großstadt in der ich jemals war (ich war mehrere Male in London). Hier in Hamburg muss man Abends schon echt Angst haben als junger Mensch U-Bahn zu fahren weil man fast immer auf extrem betrunkene, aggressive Jugendliche trifft. Und so perfide es klingt: 26 Jugendliche in einer 8Mio. Stadt mit einer 15mio Metropolregion sind wenig, ich will nicht wissen wie die wahren Zahlen z.B. in Berlin (unsere glorreiche Haupstadt...) aussehen... Damit will ich die Gewaltwelle in London nicht relativieren, sondern nur sagen, dass es hier in Wahrheit viel schlimmer ist, wie andere Bürger aus anderen Städten, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen bestimmt auch festgestellt haben.

Diese Ereignisse erinnern stark an die Kinderbanden in den Favellas in Rio de Janeiro. Diese rücksichtslose Vorgehensweise macht mich völlig sprachlos. Es gibt mittlerweile immer Menschen, die keinen Respekt mehr vor menschlichem Leben haben und sogar wegen ein paar Handys bereit sind zu töten. Völliges Versagen der Eltern? Angefixt durch die totale Konsumwelt? Keine Gewissensentwicklungsmöglichketen? Bei den Jugendlichen in London geht es wohl kaum ums Überleben, mehr um die Durchsetzung des Recht des Stärkeren. Dieses gesellschaftliche Zeitbombe muss angegangen werden und zwar durch Investittionen in Schulen und Kindergärten. In Deutschland fällt leider dazu nur Kindergelderhöhung ein, obwohl man davon ausgehen kann, dass diese Maßnahmen die sozialen Probleme im besten Fall nur verfestigt. Denn man kann davon ausgehen, dass die Haushalte, die wirklich darauf angewiesen sind, es nicht immer das Geld in ihre Kinder investieren.