17. April 2007 Wie lässt sich verhindern, was am Montag an der Universität Virginia Tech geschah? An Initiativen zur Vermeidung von Amokläufen und Massakern an amerikanischen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen mangelt es wahrlich nicht. Insbesondere seit dem Blutbad an der Columbine High School 1999 in Colorado gibt es in den Vereinigten Staaten eine kaum noch zu überblickende Zahl von Projekten und Programmen auf lokaler, einzelstaatlicher und bundesstaatlicher Ebene, die verhindern helfen sollen, dass Schüler und Studenten Amok laufen.
Es wurden Gesetze verabschiedet, lokale Bündnisse zur Verhinderung von Gewalttaten gegründet, Studien in Auftrag gegeben, Psychologen befragt und Sicherheitsunternehmen engagiert, die Metalldetektoren einbauten und Wachmänner an Schuleingängen postierten. Nicht zuletzt wegen der umfangreichen Medienberichterstattung über Bluttaten an amerikanischen Schulen, richteten sich die Anstrengungen der letzten Jahre vor allem darauf, Amokläufe in Klassenzimmern zu verhindern. Aber vieles, was zur Prävention von Schulschießereien aufgeschrieben und ausprobiert wurde, lässt sich auch auf Colleges und Universitäten übertragen, die nicht erst seit Blacksburg Schauplatz von Amokläufen sind.
Studie von Secret Service
Eine wichtige Studie zu präventiven Maßnahmen hat der Secret Service veröffentlicht, der sonst vor allem dafür bekannt ist, dass er den amerikanischen Präsidenten schützt. Für die Safe School Initiative untersuchte die Strafverfolgungsbehörde gemeinsam mit dem amerikanischen Bundesbildungsministerium 37 Schulschießereien im Zeitraum von 1974 bis 2000. Um besser zu verstehen, wie es zu den Gewalttaten kommen konnte, wurden auch zehn Attentäter interviewt.
Ein Ergebnis der Untersuchung war, dass Schulschießereien typischerweise einige Zeit im Voraus geplant werden. Zudem wussten in den meisten der untersuchten Fälle andere Schüler von den Attentatsplänen, ohne jedoch Eltern oder Lehrer zu informieren. Die Opfer waren dagegen meist ahnungslos oder zumindest nicht zuvor von den Tätern bedroht worden.
Es gibt kein akkurates Täterprofil
Ein weiterer wichtiger Befund der Safe School Initiative war, dass es kein akkurates Täterprofil für Amokläufer an Schulen gibt. Allerdings wurden doch gewisse Parallelen zwischen den Schulattentätern festgestellt: private Schwierigkeiten, Verlusterlebnisse, Niederlagen und Selbstmordgedanken. Auch hatten die meisten schon vor dem Attentat Waffen benutzt. Gestützt auf diese Ergebnisse empfahlen die Autoren der Studie, dass stärkere Anstrengungen unternommen werden müssten, um Anzeichen für ein drohendes Attentat rechtzeitig zu erkennen und Schüler, die etwas darüber wissen könnten, zur Kooperation zu bewegen.
Die Schulen müssten stärker darauf achten, ob Waffen mit ins Schulgebäude gebracht werden und dann entschieden handeln. In der Studie wird ferner hervorgehoben, dass die Schulen Krisenpläne entwickeln müssten, da sich gezeigt habe, dass die meisten der untersuchten Schulschießereien nicht erst durch Intervention der Polizei beendet worden seien.
Zahlreiche Taten konnten verhindert werden
Auf die zentrale Rolle, die Schulleitung, Lehrer, Schüler und Eltern bei der Verhinderung von Amokläufen spielen, wurde auch auf einer Fachkonferenz hingewiesen, zu der die amerikanische Regierung nach den Angriffen auf Schulen in Colorado, Wisconsin und Pennsylvania im vergangenen Jahr eingeladen hatte. Seit Columbine wisse man, dass die beste Prävention Warnungen und Hinweise auf drohende Gewalttaten seien, sagte Delbert Elliot, Direktor des Zentrums für das Studium und die Verhinderung von Gewalt an der Universität Bolder in Colorado. Seit dem Schulattentat an der Columbine High School hätten zahlreiche Gewalttaten an Schulen dank vorheriger Tipps verhindert werden können.
Als hilfreich habe sich in Colorado unter anderem die Schaltung einer Telefonleitung erwiesen, über die auch anonyme Hinweise entgegengenommen würden. Wichtig sei ferner, dass Alarmsignale an all jene weitergeleitet würden, die Einfluss auf potentielle Amokläufer nehmen könnten. Deshalb gebe es in Colorado gemeinsame Interventionsprogramme von Polizei, Schulbehörden, Sozialarbeitern Kirchen und Jugendorganisationen.
Schüler-Interviews zur Vorbeugung
Neue Strategien zur Einbindung von möglichen Beobachtern gefährlicher Aktivitäten erwartet Georgann Rooney, ein Fachmann für Risikoeinschätzung beim Secret Service, von einer derzeit laufenden Studie zum Verhalten von Personen, die Informationen zu früheren Schulattentaten hatten. Für die so genannte Bystander-Studie sollen Schüler dazu interviewt werden, warum sie ihr Wissen über geplante Amokläufe nicht weitergegeben haben.
In der Annahme, dass mehr Vertrauen und ein freundlicheres Klima im Umgang mit Jugendlichen geschaffen werden müssten, haben zahlreiche amerikanische Behörden und Organisationen entsprechende Empfehlungen für Schulen ausgearbeitet. Oft sei es jedoch so, dass es an der Umsetzung hapere, sagt Bundesstaatsanwalt Gregory White. Dass amerikanische Schulen neben Brandschutzübungen auch für den Fall eines Amoklaufs üben, wie dies nach Darstellung von Sheriff Jeffrey Dawsy in seinem Bezirk Beverly Hills in Florida geschieht, ist noch nicht die Regel.
Es fehlt an Personal
Zurückhaltend äußern sich amerikanische Fachleute zum Nutzen von Metalldetektoren und Überwachungskameras an Schulen. Häufig fehle es schon am Personal, um die Geräte effektiv nutzen zu können. Außerdem werde eine Atmosphäre des Misstrauens geschaffen, die dem Ziel zuwiderlaufe, Schüler und Studenten zum Reden zu bewegen. Deshalb sollten Metalldetektoren nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden, argumentiert unter anderem die Polizeiorganisation International Association of Chiefs of Police.
Speziell zur Prävention von Gewalttaten an Universitäten hat der Kongress 1998 das so genannte Jeanne Clery-Gesetz verabschiedet, benannt nach einer Studentin, die 1986 an der Lehigh-Universität in Pennsylvania in einem Studentenwohnheim ermordet worden war. Der Clery Act ergänzt frühere Vorschriften zum Schutz von Studenten um Pflichten der Hochschulen, über Kriminalität auf dem Campus zu informieren. In die Berichte für Studenten und Universitätsangestellte müssen auch Verstöße gegen Waffengesetze aufgenommen werden. Ob im Kampf gegen Gewalttaten außerdem eine Verschärfung der Waffengesetze erforderlich ist, darüber wird in den Vereinigten Staaten seit Jahren heftig gestritten. Nach dem Blutbad an der Virginia Tech rüsten sich Befürworter und Gegner strengerer Waffenvorschriften zu einem neuen Gefecht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS