06. September 2007 Der 17-jährige Marco aus Uelzen bleibt weiter in türkischer Untersuchungshaft. Der Prozess sei abermals vertagt worden, teilte der Anwalt Matthias Waldraff nach der nicht-öffentlichen Gerichtsverhandlung im türkischen Antalya am Donnerstag mit: Ich kann das gar nicht begreifen. Ich halte das für grob rechtswidrig. Die Entscheidung habe den 17-Jährigen und seine Eltern mitten ins Herz gestochen. Es sei völlig unbegreiflich, dass er als Anwalt des Schülers am Donnerstag keine Möglichkeit zum Vortrag eines Gutachtens gehabt habe. Wir sind in großer Sorge um den Jungen, für ihn ist wieder eine Welt zusammengebrochen.
Er und seine Kollegen seien bestürzt über die Entscheidung, da sie auf eine Freilassung des Inhaftierten gehofft hätten, sagte Waldraff. Marco selbst gehe derzeit durch die Hölle. Auch er habe sich große Hoffnungen gemacht. Trotz der herben Niederlage gehe es nun darum, nach vorn zu schauen, damit der Junge endlich aus der Untersuchungshaft freikomme. Wir werden die Ärmel hochkrempeln, weiter kämpfen und neu durchstarten, sagte Waldraff.
Marcos zweiter deutscher Anwalt, Michael Nagel, sagte: Ich bin im wahrsten Sinne geschockt, es ist ein klassisches Fehlurteil.
Richter nicht überzeugt
Die Verteidigung hatte gehofft, durch ein neues Rechtsgutachten Marcos Freilassung erwirken zu können. Dieses sollte belegen, dass die seit fast fünf Monaten andauernde U-Haft nach türkischem, deutschem und europäischem Recht unzulässig ist. Doch die Richter überzeugte dies nicht. Sie gaben ein neues medizinisches Gutachten in Auftrag, um die Widersprüche zwischen den Aussagen Charlottes und ihrer Mutter und einem ärztlichen Gutachten auszuräumen.
Zudem machten die Anwälte der 13-jährigen Charlotte deutlich, dass sie weiter eine hohe Strafe für Marco W. durchsetzen wollen. Sie zweifelten ein medizinisches Gutachten an, das Marco W. entlastet hatte, und forderten ein neues. Das könnte den Prozess weiter verzögern. Charlotte war in den vergangenen Wochen im Rahmen eines Rechtshilfeabkommens zwischen der Türkei und Großbritannien in ihrem Wohnort Manchester von britischen Beamten vernommen worden. Bei einer Verhandlung am 8. August hatte ein Gutachter bereits ausgesagt, dass ihm zufolge die 13-jährige Charlotte nicht vergewaltigt wurde. Auch habe er keine Anzeichen für Geschlechtsverkehr feststellen können.
Seit fünf Monaten in Untersuchungshaft
Das Festhalten der türkischen Justiz an der Untersuchungshaft ist aus Sicht des Stuttgarter Rechtswissenschaftlers Christian Rumpf allerdings nicht zu beanstanden. Die Einschätzung von Marcos Anwälten, dass dies grob rechtswidrig sei, teile er auf keinen Fall, sagte der auf türkisches Recht spezialisierte Anwalt. Solange dem Gericht in Antalya nicht alle Beweismittel wie die Aussage der jungen Britin Charlotte und beantragte Gutachten vorlägen, könne es das Verfahren nicht ordnungsgemäß abschließen.
Marco W. wird vorgeworfen, die 13 Jahre alte Britin sexuell missbraucht zu haben. Der Junge bestreitet den Vorwurf. Er sitzt bereits seit fünf Monaten in Untersuchungshaft.
Türkischer Gynäkologe stützt Marcos Aussage
Marcos Darstellung wurde inzwischen vom türkischen Gynäkologen Levent Hekim gestützt, der die 13-Jährige im April untersucht hatte. Sie sagte, er sei ihr Freund und nichts sei gegen ihren Willen geschehen, sagte Hekim unlängst dem ARD-Magazin Panorama. Mein erster Eindruck war, dass sie 16 bis 17 ist, berichtete der Arzt. Erst im Aufnahmeprotokoll habe er gelesen, dass das Mädchen erst 13 gewesen sei. Ich konnte das gar nicht glauben. Ich habe noch mal extra nachgefragt, sagte Hekim.
Wegen des Alters des Mädchen kündigte der Arzt an, die Polizei einschalten. Das Mädchen habe daraufhin gesagt: Das ist nicht nötig. Es ist nichts passiert, sagte der Gynäkologe.
Für den dritten Verhandlungstag war Marcos Verteidigerteam um zwei Anwälte aus Hannover und einen türkischen Kollegen verstärkt worden. Kurz vor der Verhandlung hatte es in Justizkreisen geheißen, die Aussage des mutmaßlichen Opfers sei noch nicht beim Gericht in Antalya angekommen.
Aussage des Mädchens noch nicht angekommen
Marco und das Mädchen hatten sich im Badeort Side kennengelernt und waren nach einem Discoabend mit anderen Jugendlichen im Hotelzimmer des 13 Jahre alten Mädchens gelandet. Die Initiative zu den Zärtlichkeiten sei von dem Mädchen ausgegangen, das sich als älter ausgegeben habe, sagte Marco. Sie habe ihr Alter mit 15 angegeben.
Kurz vor der Verhandlung am Donnerstag hatte Waldraff schwere Vorwürfe gegen deutsche Politiker erhoben. Die Einmischung der Politik in das Verfahren habe dem 17-Jährigen geschadet. Man hat hier versucht, sich auf dem Rücken des Jungen, der hilflos in Haft war, politisch zu profilieren, sagte er.
Ich finde das sowas von ätzend
In Marcos Heimatstadt reagierten viele Menschen empört. Das kann ja wohl nicht wahr sein, sagte eine Mitarbeiterin der Taxizentrale, für die Marcos Vater gearbeitet hatte. Ich finde das sowas von ätzend, empörte sich eine Frau aus Marcos Nachbarschaft. Dass ein harmloser Teenagerflirt in einer solchen Situation ende, sei unvorstellbar. Die ganze Stadt denkt an ihn. Hier kennt doch fast jeder jeden. Er muss dort endlich raus. Bürgermeister Otto Lukat zeigte sich betroffen, dass die Hoffnung der Familie abermals enttäuscht worden sei. Andererseits müsse man sagen, dass die Umstände des Vorfalls aus der Ferne derzeit nicht bewertbar seien.
Das Strafverfahren werde nun am 28. September fortgesetzt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, ddp, dpa