Tod eines Studenten

Siebenmal von hinten getroffen

Von Martin Wittmann

Nicht nur der Staatsanwaltschaft stellen sich Fragen

Nicht nur der Staatsanwaltschaft stellen sich Fragen

25. Juli 2009 So könnten sie auf Tennessee geschossen haben, sagt Anna, die auf dem Küchenboden ihrer Eltern kniet und mit den Zeigefingern der verdrehten Hände von oben auf ihren Brustkorb zielt. Eine Obduktion habe ergeben, dass eine der Kugeln vorne in den Oberkörper ihres Freundes eingedrungen und unten am Rücken wieder ausgetreten sei, sagt sie, also müsse es doch so gewesen sein. Dann steht sie auf und sagt, dass sie nicht wisse, wie es gewesen sei. Sie weiß nicht, wieso ihr Freund an jenem Morgen ein Messer in der Hand hielt, als die Polizisten zu acht vor seiner Tür standen. Sie weiß nicht, warum damals zwei der Polizisten 16 Mal auf Tennessee schossen. Wahrscheinlich wissen es nicht einmal die Polizisten, die zwölf Mal trafen und den 24 Jahre alten Studenten töteten.

Annas Vater holt den Kalender. Mit Bleistift hat er darin seine eigene Zeitrechnung festgehalten, sie beginnt mit Tennessee Eisenbergs Todestag. Annas Vater blättert zurück zum 30. April. Tennessees Mitbewohner, der ebenfalls Musikstudent am Regensburger "Music College" ist, habe an jenem Tag seine Schlagzeugprüfung verschlafen, wie er später der Polizei sagen wird. Er sei also zu spät aufgestanden und sei im Gang der Wohnung auf Tennessee getroffen. Der habe ein Messer in der rechten Hand gehalten und gesagt, er werde ihn jetzt umbringen. Nur ein Stich, dann werde er sich selbst töten. Daraufhin hätten die beiden gekämpft. Irgendwie habe er sich aus dem Haus retten können, sagte der Mitbewohner. Nur mit kurzer Hose und T-Shirt bekleidet lief er an diesem kalten Aprilmorgen in ein Sonnenstudio und rief von dort die Polizei.

In Ausnahmesituationen immer gelassen reagiert

Im Treppenhaus dieses Hinterhofs in Regensburg wurde der Student Tennessee Eisenberg am 30. April erschossen

Im Treppenhaus dieses Hinterhofs in Regensburg wurde der Student Tennessee Eisenberg am 30. April erschossen

Tennessee hielt tatsächlich ein Messer in der Hand - das scheint sicher in dieser unsicheren Geschichte. Aber für die, die nun um Tennessee trauern, ist diese Sicherheit die größte Unsicherheit. Seine Mutter, eine Schauspielerin, die ihren Sohn nach Tennessee Williams benannt hat, beschreibt ihn als feinfühlig und tiefsinnig, als einen, der in Ausnahmesituationen immer gelassen reagiert habe. Sein Vater Mahdy schreibt auf der Internetseite, die eingerichtet wurde, um Trauer zu bekunden und Geld für Anwaltskosten zu sammeln, von der sanften Art seines Sohnes.

Kreativ, offen, selbstlos, nie aufdringlich oder gar aggressiv sei er gewesen, sagt Annas Vater. Ein Asket, der Suchtmittel mied und nicht einmal Kaffee trank, sagt Tennessees Bruder Ben. Selbst im Streit, sagt Anna, sei er ruhig und konstruktiv geblieben. Deeskalierend nenne man so was wohl, sagt sie. Wer Tennesse nach seinem Tod kennen lernt, kann ihn sich schwerlich mit einer Waffe vorstellen. Wer ihn davor kennen gelernt hat, will es sich nicht vorstellen.

Die Beamten seien zurückgewichen

Der Hinterhof des Hauses, in dem der Student lebte

Der Hinterhof des Hauses, in dem der Student lebte

Über Funk wurden die Polizisten über den Notruf informiert. Jeder, der in der Nähe war, fuhr zu dem zweistöckigen Haus in der Schwandorfer Straße. Drei Streifenwagen und das Auto zweier Zivilpolizisten rückten an. Später werden sie verschiedene Aussagen darüber machen, was geschah. In der Zusammenfassung der Aussagen heißt es, die Beamten hätten den unverletzten Mitbewohner Tennessees vor dem Haus angetroffen. Er habe ihnen die Haustür aufgesperrt.

Sechs Polizisten hätten das Haus betreten und seien die nach links oben geschwungene Treppe hochgegangen, zur Wohnung im ersten Stock. Sie hätten geklingelt, niemand habe geöffnet. Sie hätten die klapprige Tür aufgedrückt. Im Gang habe Tennessee gestanden. Er war ruhig, nüchtern, hatte keine Drogen im Blut, wie später die Obduktion ergeben wird. "Messer weg oder ich schieße", rief einer der Polizisten, aber Tennessee habe nicht reagiert. Er sei mit dem Messer in der Hand mit dem nach unten ausgestreckten Arm langsam auf die Beamten zugeschritten. Die Beamten seien zurückgewichen. Tennessee habe gesagt: "Erschießt mich doch!"

Offene Fragen - nicht nur bei der Staatsanwaltschaft

Kerzen erinnern an Tennessee Eisenberg

Kerzen erinnern an Tennessee Eisenberg

Warum kamen so viele Polizisten, fragt Helmut von Kietzell. Er ist einer der drei Anwälte, die Eisenbergs Familie beauftragt hat. Nein, das Wort "Amok" sei im Notruf nicht vorgekommen, sagt er. Der Einsatz sei einfach schlecht oder gar nicht koordiniert gewesen. "Soweit ich weiß", das sagt von Kietzell oft. Denn von der Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft durften die Anwälte lange Zeit nur Teile einsehen. Bis zum Freitag mussten die Anwälte warten, bevor sie alle Kopien erhielten.

Es sei ja nicht nur die Staatsanwaltschaft, die Fragen aufwerfe, sagt Annas Vater. Warum etwa war am Abend des 30. April die Wohnung in einem aufgeräumten Zustand, wenn dort doch ein heftiger Kampf zwischen Tennessee und seinem Mitbewohner stattgefunden haben soll? Warum waren die Wände unversehrt, in die Tennessee im Wahn eingestochen haben soll? Warum gab es keinen Psychologen bei dem Polizeieinsatz? Wieso wurde Tennessee mehrere Male von hinten getroffen? Die Hinterbliebenen haben wegen dieser Ungewissheit eine zweite Obduktion in Auftrag gegeben. Es ist diese Ungewissheit, die Anna auf den Küchenboden zwingt, und die ihren Vater an den Tatort treibt.

Blutspritzer an den Wänden

Blutspritzer und Einschusslöcher, kann man noch sehen

Blutspritzer und Einschusslöcher, kann man noch sehen

Ein kleiner Hof an der Ecke Kieslgasse und Schwandorfer Straße, an dessen Ränder Teelichter und Blumen für Tennessee stehen, führt zur Haustür. Annas Vater öffnet sie, und zwischen Boden und Tür knarzt ein Stück Glas. Bei dem Einsatz der Polizisten ging die Scheibe zu Bruch. Das Treppenhaus ist klein, Annas Vater durchschreitet es mit drei Schritten. In die Wände auf dem Weg in den ersten Stock sind Löcher geschossen. Auf dem Weg nach unten geht Annas Vater langsam die helle Holztreppe hinab, wie Tennessee damals. Dann steht er unten, im Zentrum des Treppenhauses, an dem Punkt, von dem aus alle Blutspritzer an den verschiedenen Wänden zu sehen sind.

Tennessee war seit Tagen in einer starken Entscheidungssituation, sagt Anna. Er hatte nur noch drei Monate zu studieren, die Abschlussprüfung hätte der Sänger und Klavierspieler locker gepackt. Aber Tennessee wollte sein Studium abbrechen und auf eine Schauspielschule wechseln. Er habe gerade alles in Frage gestellt, sagt Anna, habe sich zurückgezogen. Auch habe er an Gewicht verloren. Ein Hemd sei er gewesen, sagt Annas Vater. Bei einer Größe von 184 Zentimeter habe er nur etwa 70 Kilo gewogen.

Wie aus einer Maschinenpistole

Die acht Polizisten wussten sich an jenem Morgen angeblich nicht mehr zu helfen. Zwei Dosen Pfefferspray wollen sie versprüht haben, Tennessee zahlreiche Schläge auf den linken Arm und seinen Oberkörper versetzt haben. Später werden zwar Spuren von Pfefferspray am T-Shirt gefunden, nicht aber in seinem Gesicht. Der Zombie, wie ihn eine Polizistin nannte, sei weiter auf sie zugeschritten. Die Polizisten hätten sich schließlich im engen Treppenhaus verteilt. Einem der Beamten sei der Rückzug von einer Couch versperrt gewesen. Tennessee sei auf ihn zugekommen. Dann hörten die Nachbarn 16 Schüsse, wie aus einer Maschinenpistole. Zwei Polizisten schossen ihre Magazine leer.

Sie haben ihm in die nackte Haut geschossen, sagt Anna. Vom Tod Tennessees erfuhr sie von seinem Mitbewohner. Der rief sie an, als sie gerade im Zug nach Regensburg saß. Sie wohnte wegen eines Vorstudiums in Nürnberg, aber sie wollte am Wochenende mit Tennessee feiern. Am Tag nach seinem Tod wären sie zwei Jahre zusammen gewesen. Ihr Vater saß an diesem Tag zufällig im selben Zug wie Anna. Wortlos umarmten sie sich.

Insgesamt 16 Schüsse

Am vergangenen Mittwoch, Tag 85 in der Zeitrechnung von Annas Vater, veröffentlicht der leitende Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel eine Pressemitteilung. Die Kriminalpolizei-Inspektion Amberg habe ihre Ermittlungen vorläufig abgeschlossen und die Akten mit einem Schlussbericht der Staatsanwaltschaft vorgelegt, heißt es darin. In den Akten, die inzwischen mehr als 800 Blatt umfassen, befänden sich gerichtsmedizinische sowie ballistische Gutachten.

"Danach wurden aus 2 Waffen insgesamt 16 Schüsse abgegeben, wovon 11 Herrn Eisenberg trafen und einer ihn streifte. 3 Schüsse trafen den linken Arm, 2 Schüsse die Beine, 6 Schüsse, wovon einer vorher den Arm durchschlagen hatte, den Oberkörper und ein Streifschuss den linken Unterschenkel. Sieben dieser Schüsse wurden von einer Schützenposition aus abgegeben, die bezogen auf den Getroffenen sich schräg links hinten befunden haben muss."

Todesursache: „Volumenmangelschock“

Als Todesursache wurde "Volumenmangelschock" festgestellt. Tennessee ist verblutet. Die Polizisten, gegen die wegen Totschlags ermittelt wird, sind am Donnerstag in den Innendienst versetzt worden. Sie haben die Aussage zu den Geschehnissen in der Schwandorfer Straße verweigert, aber die Staatsanwaltschaft gab kurz nach dem Tod Eisenbergs bekannt, sie hätten den Aggressor aus Notwehr oder Nothilfe töten müssen. Absurd nennt Annas Vater diese Vorstellung. Die Polizisten müssten demnach einem anderen, einem falschen Tennessee begegnet sein. Aber der richtige, der fehlt nun trotzdem.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder

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