Drogen

Neues aus der Drogenküche

Von Anna v. Münchhausen

Gestand im Jahr 2001 den Konsum von Ketamin

Gestand im Jahr 2001 den Konsum von Ketamin

30. April 2006 Kokain, Speed oder Ecstasy sind für drogenerfahrene Partygänger Schnee von gestern - mehr oder weniger in jedem Club erhältlich und in der Wirkung meist zuverlässig. Doch wie in der Konsumgesellschaft üblich, gilt auch auf diesem Markt: Abwechslung erwünscht. Aus diesem Grund rücken jetzt Substanzen wie Crystal Meth, Ketamin oder Liquid Ecstasy ins Visier.

Wenn von den Modedrogen der Raver-Generation die Rede ist, klingt es allerdings mitunter, als sei auch die Berichterstattung künstlich beschleunigt worden: „Special K statt Angel Dust“, heißt es in einem Szene-Magazin, und der „Spiegel“ machte unlängst eine „Partydroge aus dem Pferdestall“ ausfindig. Aber harte Fakten gibt es kaum. Unstrittig ist jedenfalls, daß die sogenannten neuen Partydrogen drei Gemeinsamkeiten haben: Sie sind nicht teuer, sie stammen überwiegend aus der Pharmazie, und die meisten Profi-Ermittler ahnen nur vage, wer sie konsumiert und wer damit dealt. „Anders als in den Vereinigten Staaten haben wir in Europa mit Crystal noch kein großes Problem. Aber wir beobachten das sehr genau“, sagt etwa Jörg Mölling von der Rauschgiftabteilung der Europol in Den Haag.

„Alkohol und Cannabis sind die Partydrogen Nummer eins“

Wenig Konkretes, viele Mythen, ein Mangel an Erkenntnis. Der Berliner Psychologe und Drogenforscher Peter Tossmann, Verfasser mehrerer Studien zum Thema Jugendliche und Drogenkonsum, stellt mit Bedauern fest: „Wir wissen nicht genau, welche neuen Substanzen aktuell verbreitet oder auf dem Vormarsch sind.“ Fundierte Feldforschung finde praktisch nicht statt, seine jüngste Untersuchung für die sächsische Landesregierung stammt aus dem Jahr 2002 - und ist vier Jahre später kaum noch aussagekräftig. Laut Tossmann gilt allerdings immer noch: „Alkohol und Cannabis sind die Partydrogen Nummer eins.“

Zugenommen habe offenbar die Zahl der „Mischkonsumenten“, die verschiedene Substanzen kurz hintereinander einnehmen und ihre Wirkungen mehr oder weniger gezielt kreuzen. Erkenntnisse über erwünschte und unerwünschte Wirkungen dieser Methode werden über das Internet ausgetauscht. „Das junge Publikum weiß über die Nebenwirkungen gut Bescheid“, sagt George Trendelenburg, Neurologe an der Berliner Charite. Wird in den Rettungsstationen ein kollabierter Raver eingeliefert, ist es für Ärzte nicht leicht zu erkennen, welcher Drogenmix zum Zusammenbruch führte - häufig sind Blutdruck und Puls unauffällig.

Keine dramatische Zunahme

Wer Drogen konsumiert, hat aber nicht nur mit Nebenwirkungen wie Schweißausbrüchen oder Herzrasen zu rechnen, sondern möglicherweise auch mit Halluzinationen, Angstzuständen oder epileptischen Symptomen. Auch das ist in den Foren inzwischen ein Thema geworden.

Eine dramatische Zunahme neuer Partydrogen hat der Rauschgiftexperte Bernd Hackl vom Landeskriminalamt Bayern nicht beobachtet. Substanzen wie Ketamin und Crystal seien den Fahndern bereits bekannt gewesen, bevor verschiedene Medien darüber berichteten. Mit den Kollegen jenseits der Grenze zu Tschechien, wo es wegen der entsprechenden Gesetzeslage relativ einfach ist, Ausgangssubstanzen zu bekommen, und kleine Drogenküchen durchaus verbreitet sind, klappt die Zusammenarbeit gut. Vor drei Jahren wurden in Bayern 3,9 Kilogramm Crystal sichergestellt, 2005 waren es 2,6 Kilogramm. Keine Mengen, die große Unruhe im LKA auslösten.

Kaum regionale Brennpunkte

Rauschgift-Experte Jörg Mölling sieht die Funktion seiner Europol-Abteilung hauptsächlich darin, die Produktion synthetischer Drogen zu verhindern. „Wenn es keine Chemikalien und keine Laborausrüstung gibt, werden auch keine synthetischen Betäubungsmittel produziert. Der Schwerpunkt der Herstellung liegt in den Niederlanden und in Belgien, auch Drogenlabore in Polen und Tschechien spielen eine Rolle. Da hat sich in den vergangenen Jahren wenig geändert.“

Deutschland kennt als klassisches Transitland kaum regionale Brennpunkte, was die Belieferung mit diesen Rauschmitteln angeht. „Belastet ist natürlich immer das Grenzgebiet durch den Schmuggel, der durchgeht“, so Mölling. Sein Resümee zum Thema neue synthetische Betäubungsmittel: „Es gibt sie, sie werden auch konsumiert - aber im Vergleich zu Mitteln wie Ecstasy oder Amphetaminen sind sie nicht erheblich.“ Was nicht heißt, daß das immer so bleiben muß.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.04.2006, Nr. 17 / Seite 61
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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