Inzestfall von Amstetten

Eine Amstettner Missbrauchschronik

Von Reinhard Olt

28. April 2008 Am 19. April wird Kerstin, die Neunzehnjährige, in das niederösterreichische Landesklinikum Amstetten eingeliefert. Angeblich war die Schwerstkranke zuvor wie aus dem Nichts vor dem Wohnhaus der Großeltern aufgetaucht. Das Mädchen hatte einen handgeschriebenen Brief bei sich, in welchem die leibliche Mutter Elisabeth F. um Hilfe für ihre Tochter bat.

In den polizeilichen Ermittlungen stellte sich die Sachlage bis dahin wie folgt dar: Die 42 Jahre alte Elisabeth F. war seit dem 29. August 1984 als „abgängig“ gemeldet. Aus einem Brief, der etwa einen Monat nach ihrem Verschwinden auftauchte, ging die angebliche Bitte der damals 18-Jährigen hervor, nicht nach ihr zu suchen. Schon damals nahm man als gegeben an, das Mädchen könnte sich bei einer Sekte aufhalten.

Drei Kinder im Haus „abgelegt“

Am 19. Mai 1993 wurde ein neun Monate altes Mädchen im Haus der Familie gefunden. Abermals kam ein handschriftlicher Brief der Vermissten zum Vorschein, in dem sie dartat, bereits eine Tochter und einen Sohn zu haben, so dass kein Platz für ein weiteres Kind sei. Unter ähnlichen Umständen kam am 15. Dezember 1994 ein weiteres Kind zum Vorschein, ein zehn Monate altes Mädchen. Und am 3. August 1997 wurde ein 15 Monate alter Junge an derselben Stelle „abgelegt“, wie es im österreichischen Amtsdeutsch heißt. In einem wohl 2003 verfassten Brief schrieb Elisabeth F., sie habe am 16. Dezember 2002 einen weiteren Sohn zur Welt gebracht.

Um die bereits komatöse Neunzehnjährige sachgemäß behandeln zu können, brauchten die Ärzte Kenntnisse über den Krankheitsverlauf. In der Hoffnung, die seit Jahren im Sekten-Milieu geglaubte Mutter Elisabeth F. damit zu erreichen, ergingen ärztliche Appelle über die Medien. Urplötzlich tauchte diese am Samstagabend an der Seite ihres 73 Jahre alten Vaters in der Nähe des Klinikums auf, woraufhin beide - aufgrund einer bei der Polizei eingegangenen vertraulichen Mitteilung - zur Polizeiinspektion Amstetten gebracht wurden.

Totes Kind verbrannt

Dort machte die Frau bei der Befragung einen äußerst verstörten psychischen und einen auffälligen physischen Eindruck. Nach einem längeren Gespräch und der Zusicherung, dass es zu keinem Kontakt mit dem Vater mehr komme und auch für ihre Kinder gesorgt werde, war sie, wie es in der polizeilichen Darstellung heißt, zu einer umfassenden Aussage bereit. Demnach wurde sie seit ihrem elften Lebensjahr vom Vater wiederholt sexuell missbraucht.

Dieser lockte seine Tochter am 28. August 1984 in den Keller des Hauses, betäubte sie, legte ihr Handschellen an und sperrte sie in einem Raum ein. In den seitdem vergangenen 24 Jahren der Gefangenschaft sei sie fortwährend von ihrem Vater missbraucht worden. Aus dem erzwungenen Geschlechtsverkehr seien sieben Kinder hervorgegangen. 1996 habe sie Zwillinge zur Welt gebracht, beide hätten gelebt, jedoch mangels genügender Versorgung sei das eine der beiden Kinder einige Tage nach der Geburt verstorben. Ihr Vater habe den toten Körper aus dem Keller entfernt und verbrannt.

Ehefrau habe nichts davon gewusst

Drei Kinder sind den Aussagen zufolge „durch vorgespielte Kindesweglegung“ (so das Protokoll im geltenden Amtsdeutsch) als Adoptiv-, respektive Pflegekinder von den Eltern der Elisabeth F. angenommen und also behördlich registriert und im weiteren verzeichnet worden. Kerstin, die im Krankenhaus mit dem Tod ringende Neunzehnjährige, sowie ihre beiden Brüder im Alter von 18 und fünf Jahren seien seit ihrer Geburt zusammen mit ihrer Mutter in den Kellerräumen eingesperrt gewesen, gab sie zu Protokoll.

Schließlich holte der Mann seine Tochter sowie deren und seine Söhne aus dem Keller-Verlies und erklärte seiner Frau, Elisabeth F. sei mit den beiden Kindern nach Hause gekommen. Letztere sagte aus, sie und die Kinder seien ausschließlich vom Vater mit Nahrung und Kleidung versorgt worden. Seine angetraute Frau habe von aller Gefangenschaft nichts gewusst und damit auch nichts zu tun. Sie und alle Opfer des Dreiundsiebzigjährigen wurden zur stationären psychologischen Betreuung in die Landesnervenklinik Mauer verbracht, der mutmaßliche Täter wurde festgenommen und am Montag dem Haftrichten in der Landeshauptstadt St. Pölten vorgeführt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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