Von Michael Stabenow
25. April 2008 Kaum jemand dreht sich um, als kurz vor zwölf Uhr der Konvoi mit Motorrädern und Kombi-Limousinen französischer Bauart unter Sirenengeheul am Rathaus von Charleville-Mézières nach links abbiegt. Kurz darauf verstummt der Lärm.
Die beiden Angeklagten entsteigen den Fahrzeugen und werden in den Justizpalast geführt. Gut eine Stunde später eröffnet der Vorsitzende Richter Gilles Latapie, an dessen Seite die neun Geschworenen Platz genommen haben, die Verhandlungen.
Zum Abschluss der vierten Woche nach Beginn des spektakulären Mordprozesses in Nordfrankreich geht es zwei Tage lang um die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung der bei ihrem Tod 18 Jahre alten Schülerin Céline Saison im Mai des Jahres 2000.
Sieben Morde
Hinter einer Glasscheibe sitzt, scheinbar unbeteiligt, der Hauptangeklagte Michel Fourniret. Er muss sich in Charleville-Mézières wegen sieben Morden an jungen Frauen und Mädchen in den Jahren 1987 bis 2001 verantworten.
Erst Mitte 2003 war Fourniret nach der Entführung eines 13 Jahre alten Mädchens, das sich aus seiner Gewalt befreien konnte, unweit der belgischen Stadt Namur festgenommen worden. Erst als seine Ehefrau Monique Olivier ein Jahr später auspackte und Fourniret die Morde gestand, wurde das ganze Ausmaß der Verbrechensserie deutlich.
Das Ardennenungeheuer
Neben dem 66 Jahre alten Ardennenungeheuer, wie Fourniret in Frankreich und im nahegelegenen Belgien zuweilen bezeichnet wird, sitzt seine sieben Jahre jüngere Ehefrau.
Obwohl Monique Olivier von der Anklage keine Mitschuld an der Ermordung von Céline zur Last gelegt wird, äußert sich die blasse Frau mit den kurzen grauen Haaren auch an diesem Tag wieder - stockend, um Präzisierung von Fragen bittend, sich wiederholt mit der Hand an die Nase fassend.
Keine eiskalte Komplizin
Den Geschworenen, Richtern, Anwälten und Zuhörern im engen Gerichtssaal muss bekannt vorkommen, was Monique Olivier sagt. Sie zeigt sich nicht in der Rolle der eiskalten Komplizin, die, wie im Falle der 1989 ermordeten kleinen Belgierin Elisabeth Brichet, Opfer nicht nur in die Falle gelockt, sondern auch für die Greueltaten ihres Mann geradezu zugerichtet haben soll.
Abermals stellt Olivier sich selbst als Opfer dar. Sie wiederholt, wie sie es aus schierer Angst vor ihrem Mann nicht gewagt habe, das Schweigen zu brechen und die Polizei zu informieren. Er hatte mich in seiner Gewalt. Man durfte ihm nicht zeigen, dass man nicht einverstanden war, sagt die Frau mit dem fahlen Gesicht, deren Blick unruhig in den Gerichtssaal geht.
Fourniret weist Mordvorwurf zurück
Offenbar ungerührt verfolgt der neben ihr sitzende Hauptangeklagte das Geschehen. Schon seit Prozessbeginn am 27. März hat er sich Stillschweigen auferlegt, das er nur selten bricht. Zu Beginn des Verhandlungstages ist es zu einem kurzen Wortwechsel gekommen.
Nachdem Richter Latapie den Hauptangeklagten aufgefordert hat, sich zu erheben und die Vorwürfe der Entführung, Vergewaltigung und Ermordung von Céline Saison in Erinnerung gerufen hat, entgegnet Fourniret, den zweiten Vorwurf weise er zurück.
Schließen sie nicht die Augen
Latapie hakt, die Stimme kaum erhebend, nach: Sie bestreiten die Vergewaltigung? Ja, antwortet Fourniret und hüllt sich fortan wieder in Schweigen. Später berichten zwei Ermittler haargenau, wie sich Fourniret in seiner Jagd auf Jungfrauen nach seiner Festnahme damit gebrüstet habe, wie er die Schülerin in seinen Lieferwagen gelockt, zum Geschlechtsverkehr gezwungen und schließlich erdrosselt hat.
Auch als ein Anwalt ihn ausfragen will, was er genau unter Vergewaltigung verstehe, starrt Fourniret, der in seinem blaukarierten Pullover, mit dem Vollbart und den nach hinten gekämmten grauen Haaren größer wirkt als auf Fotos, scheinbar unbewegt vor sich hin.
Das ist an diesem Prozesstag nicht immer so. Nicht ausweichen kann Fourniret dem Blick von Célines Vater. Jean-Pierre Saison ist ein großgewachsener grauhaariger Mann um die Fünfzig. Mit ruhiger Stimme, seine Frau Maryline eng an sich geschmiegt, ruft er die Erinnerungen an seine Tochter wach. Dann wendet sich Jean-Pierre Saison nach rechts, geht einige Schritte auf Fourniret zu und sagt: Schließen Sie nicht die Augen.
Ich empfinde so viel Hass
Sie haben sie auch nicht geschlossen, als Sie sie von hinten mit einer Schnur ermordet haben. Irgendwann kreuzen sich die Blicke Saisons und Fournirets. Dann schließt Célines Vater mit den Worten: Ich empfinde so viel Hass. Wenn es mir das Leben erlaubt, dann werde ich auf Ihr Grab spucken. Ehe Saison und seine Frau wieder zu ihren Plätzen gehen, sagt Richter Latapie: Vielen Dank. Sie sind sehr mutig gewesen.
Auf einem Bildschirm im Gerichtssaal erscheint ein Foto, das Céline kurz vor ihrem Tod zeigt - eine unbeschwert wirkende Schülerin mit wachem Blick, einer ovalen Brille, kleinen Ohrringen und einem sportlichen Kurzhaarschnitt.
Wie eine kleine Schwester
Sie sei wie seine kleine Schwester gewesen, erzählt ihr in den Zeugenstand gerufener Onkel David, zehn Jahre vor Céline und zwölf Jahre nach ihrer Mutter Maryline, seiner Schwester, geboren. Céline sei zurückhaltend schüchtern gewesen.
Sie wäre nur mit jemandem mitgegangen, dem sie hätte vertrauen können. Selbst wenn Céline zwischen zwei Schulstunden bei ihm in seinem Bekleidungsgeschäft in Charleville-Mézières vorbeischaute, habe sie zuvor zu Hause telefonisch Bescheid gegeben, sagt der heute 36 Jahre alte Mann.
Anwalt: Die Wahrheit kommt nie ans Licht
In der anschließenden Verhandlungspause äußert sich Hervé Dupuis, der die Familie Saison vor Gericht vertritt, anerkennend zum Auftritt seiner Mandanten. Er schränkt allerdings ein, dass sich die genauen Umstände der Ermordung Célines niemals genau klären ließen: Wir werden nur die Wahrheit von Michel Fourniret haben. Leider haben wir keine weiteren Erkenntnisse.
Kurz darauf erscheint Jean-Pierre Saison im Foyer des Gerichtsgebäudes. Die Anspannung ist ihm noch anzumerken, aber er wirkt sichtlich erleichtert. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Kopf so stark sein könnte und so in mir ruhend.
Er habe an Céline gedacht, als er Fourniret angeblickt habe. Céline hatte meine Augen. Ich glaube, es gab heute mehr als zwei Augen, die ihn angesehen haben. Und wie hat Fourniret in diesem Moment auf ihn gewirkt? Er hat Augen, die nichts darstellen. Sie haben keine Seele.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
