Von Reinhard Olt, Wien
20. April 2008 Natascha Kampusch ist entsetzt. Ich verlange bedingungslose Aufklärung darüber, wer diese Indiskretion zu verantworten hat. Auch ihr Anwalt ist tätig geworden. Er wird wegen der Veröffentlichung intimer Details über die Jahre der Gefangenschaft seiner Mandantin Klage erheben, zumindest gegen jenes Blatt, das derlei am Wochenende publizierte.
Die Indiskretion besteht aus Aussagen, welche Frau Kampusch - die Neunzehnährige war im Alter von zehn auf dem Schulweg in Wien entführt und acht Jahre lang im Keller eines Hauses in Niederösterreich festgehalten worden - nach ihrer Selbstbefreiung im Sommer 2006 machte. Die Aussagen gegenüber einer Polizistin, die seinerzeit als Erste mit ihr gesprochen, und dem Arzt, der sie als Erster untersucht hatte, sind in einer Aktennotiz der Polizei enthalten und Teil der umfangreichen, partiell gesperrten Ermittlungsakte in der Causa Kampusch.
Die Suche nach der undichten Stelle
Der Fall, mit dem sich eigens eine Kommission unter Leitung des früheren Verfassungsgerichtshofspräsidenten Ludwig Adamovich befasst, ist auch Gegenstand eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, in dem es - im Rahmen von Vorwürfen gegen das Innenministerium - unter anderem um angebliche polizeiliche Ermittlungspannen geht.
Weil jetzt plötzlich aus dieser als Vertraulich eingestuften Aktennotiz Passagen an die Öffentlichkeit gelangten, stellt sich mindestens ebenso sehr wie die Frage nach dem Schutz der Person Natascha Kampuschs auch jene, wo die undichte Stelle zu suchen ist - zwischen Ministerium, Kommission, Staatsanwaltschaft, Parlamentspräsidium, den im Untersuchungsausschuss wirkenden Abgeordneten, ihren Mitarbeitern und der sie publizierenden Wiener U-Bahn-Zeitung Heute.
Bezichtigungen gibt es zuhauf. Laut Staatsanwaltschaft ist noch nicht abzusehen, wie groß der Kreis möglicher Verdächtiger ist, weil schwer einzugrenzen sei, wie viele Personen Zugriff auf die Kampusch-Akten hatten und haben.
Kein Hinweis auf Mittäter
Laut veröffentlichter Notiz aus der an den Untersuchungsausschuss weitergeleiteten Originalakte des Wiener Straflandesgerichts (Aktenzeichen 222 UR 59/03-K) hatte besagte Polizistin zu Protokoll gegeben, nach Mittätern bei der Entführung gefragt zu haben, worauf Natascha Kampusch geantwortet habe, keine Namen zu kennen. Frau Kampusch wies dies nach Bekanntwerden am Wochenende zurück: Es gibt keinen Hinweis auf Mittäter. Priklopil war auch laut Psychogramm der Ermittlungsbehörden ein Einzeltäter. Sodann führte die Beamtin laut Notiz aus, Frau Kampusch habe ihr gegenüber bemerkt, zwischen dem Entführer Wolfgang Priklopil - er brachte sich am Tag der Selbstbefreiung seines Opfers um - und ihr habe ein freiwilliges Verhältnis bestanden. Andererseits soll er es jedoch zu sexuellen Handlungen gezwungen haben.
Am Wochenende machten auch - nicht von dieser Notiz gedeckte, aber dennoch publizistisch wieder aufgewärmte - Spekulationen die Runde, wonach es Hinweise darauf gegeben habe, dass Priklopil in der Sado-Maso-Szene unterwegs gewesen sein und Natascha zum Mitmachen gezwungen haben soll. Darauf deuten auch in den Ermittlungsakten dokumentierte und - vom Grünen-Abgeordneten Peter Pilz unter anderem zur Untermauerung seiner Ermittlungspannen-These - veröffentlichte Angaben aus dem anonymen telefonischen Hinweis eines Hundeführers der Wiener Polizei über den Aufenthaltsort des Kampusch-Entführer bei den Ermittlern hin; sie wurden jedoch offenbar nicht weiterverfolgt.
Priklopil wohl in der Sado-Maso-Szene unterwegs gewesen
Nachgegangen sind die Ermittler allerdings der wohl brisantesten Frage, die sich aus der jetzigen Veröffentlichung ergibt: War die Entführte von ihrem Peiniger schwanger? In der Akte Kampusch gibt es dazu einen Vermerk des Arztes, wonach sie gefragt habe, wie lange danach eine Schwangerschaft nachzuweisen sei. Die Polizei suchte Priklopils Garten deswegen mit Sonden ab, ja sie ließ ihn wochenlang umgraben, um eventuell sterbliche Überreste eines möglichen Neugeborenen aufspüren zu können. Und sie ermittelte, ob im fraglichen Zeitraum Babys in sogenannten Kinderklappen aufgefunden wurden. Frau Kampusch selbst hatte in den nachfolgenden Ermittlungen sowohl die sexuelle Beziehung zu Priklopil als auch eine Schwangerschaft bestritten.
Laut dem Gratisblatt Heute sollen Fahnder in dessen Haus Datenträger mit Bildern seines Opfers gefunden, eine Auswertung auf Weisung von oben indes unterlassen haben. Die Fahnder hätten auch die Anweisung erhalten, alle persönlichen Gegenstände der Kampusch unausgewertet zu versiegeln. Zudem sollen die der Adamovich-Kommission übergebenen 160 Aktenordner Details über die Sex-Vorlieben des Entführers enthalten.
Aber trotz gegenteiliger höherer Weisung hätten die Fahnder weiter ermittelt und seien tief in die Sado-Maso-Szene vorgestoßen. Eine Zeugin habe angegeben, in entsprechenden Lokalen mit Priklopil verkehrt zu haben: Seine Vorliebe waren Sklavinnen in Schuluniform. Ein Zeuge habe zu Protokoll gegeben, er habe seine Frau 2001 für einen Tag an Priklopil vermietet. Der sei so brutal zu ihr gewesen, dass der Mann seine extrem verängstigte und übel zugerichtete Frau vorzeitig habe abholen müssen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa