Von Katja Gelinsky, Washington
19. März 2008 Als Unbekannte am 30. November 1994 den Rapper Tupac Shakur anschossen, bevor dieser sich mit Christopher Wallace, besser bekannt als The Notorious B.I.G.“, und Sean Combs, besser bekannt als Puff Daddy“, in einem Studio am Time Square in New York treffen konnte, kam das einer Kriegserklärung gleich.
Bei der erbitterten Fehde zwischen Rappern von der amerikanischen Ostküste und von der Westküste, die auf den Überfall hin losbrach, wurden zahlreiche Musiker von Kugeln getroffen, viele von ihnen tödlich. Auch Shakur und B.I.G. gehören zu den Mordopfern. Auf Shakur wurde zwei Jahre nach den Schüssen in New York in Las Vegas geschossen; dieses Mal erholte sich der Rapper nicht mehr von seinen Verletzungen. Sechs Monate später wurde Notorious B.I.G.“ von unbekannten Tätern ermordet.
FBI stützt Theorie vom Auftragsmord
Das alles wäre düstere Geschichte, hätte die Zeitung Los Angeles Times“ nicht dieser Tage einen Bericht veröffentlicht, in dem schwere Anschuldigungen gegen Sean Diddy“ Combs und Vertraute des Hip-Hop-Moguls erhoben werden, der längst nicht mehr nur Rapalben produziert, sondern sich als Unternehmer, Restaurantbesitzer und Modedesigner etabliert hat. Vertraute von Combs seien für den Überfall auf Shakur vor den Quad Recording Studios“ verantwortlich, heißt es in dem Bericht, der sich unter anderem auf Unterlagen der Bundespolizei FBI stützt.
Demnach sollen zwei Figuren aus der New Yorker Hip-Hop-Szene, James Jimmy Henchman“ Rosemond, der mittlerweile CEO der Plattenfirma Czar Entertainment“ ist, und Combs früherer Mitarbeiter James Sabatino, der gegenwärtig wegen anderer Geschichten hinter Gittern sitzt, Drahtzieher des Attentats auf Shakur gewesen sein.
Aus einer Prügelstrafe wurde tödliche Schießerei
Angeblich handelte sich es um eine Strafaktion, da Shakur sich mit der Konkurrenz zusammengetan hatte. Eigentlich sollte Shakur nur zusammengeschlagen werden, aber als dieser eine Waffe zog, kam es zu der folgenschweren Schießerei. Von dem Plan, Shakur eine Lektion zu erteilen, hätten Combs und The Notorious B.I.G.“ gewusst, wird in der Los Angeles Times“ unter Berufung auf ungenannte Quellen behauptet.
Der Hip-Hop-Mogul und B.I.G.“ hätten sich, umgeben von zahlreichen Mitarbeitern von Combs’ Plattenfirma Bad Boys Entertainment“ und anderen Leuten aus der Rap-Szene, im zehnten Stock des Quad Recording Studios“ aufgehalten, als Shakur um kurz nach Mitternacht das Gebäude betreten habe.
Combs habe sich über die Schüsse, die bis in den zehnten Stock zu hören gewesen seien, nicht besonders beunruhigt gezeigt, zitiert die Times“ einen FBI-Informanten, der sich in Combs Entourage eingeschlichen hatte. Die Szene danach könnte aus einem Krimi stammen. Der blutüberströmte Shakur habe sich in das Studio geschleppt, und Rosemont beschuldigt, das Attentat eingefädelt zu haben.
Ein Song als Beweis für das Attentat
Später wiederholte Tupac die Vorwürfe immer wieder – und er hatte Grund dazu. Denn kurz nach der Schießerei veröffentliche B.I.G. den Song Who Shot Ya?“, den man in diesem Zusammenhang verstehen konnte. Tupac meinte darin den Beweis für die Mittäterschaft von Wallace und Combs zu erkennen. Die beiden bestritten aber vehement, etwas damit zu tun zu haben, der Song sei auch schon vor der Schießerei aufgenommen worden.
Wie stark der Hass zwischen Ostküsten- und Westküsten-Rappern war, erkannte man an einem Auftritt von Suge Knight von 1995 bei den Source Awards. Knight, der mit Dr. Dre an der Westküste Death Row Records“ gegründet hatte, rief den Zuschauern zu, jeder, der in der Rapszene etwas werden wolle, ohne dauernd einen Produzenten im Bild zu haben (und damit war eindeutig Combs gemeint), solle zu Death Row“ kommen.
Dummerweise fand die Veranstaltung in New York statt – er wurde ausgebuht und später von Snoop Dogg lächerlich gemacht. Damals gab sich Combs als Vermittler und würdigte vom Podium aus noch die Konkurrenz. Das scheint bisher überhaupt seine Strategie gewesen zu sein: sich aus den ärgsten Händeln zwischen den verfeindeten Rapper-Gruppen herauszuhalten und gewissermaßen über allem zu schweben.
Rudfmordkampagne oder schlicht die Wahrheit?
Jetzt allerdings nimmt er deutlich Stellung. Mehr als lächerlich und komplett falsch“, sagte Sean Combs über den Bericht der Los Angeles Times“. Weder er noch The Notorious B.I.G.“ hätten etwas von dem Überfall gewusst. Die ganze Geschichte basiere nur auf Lügen. Nicht weniger empört äußerte sich Rosemond über das Stück Müll“ der Zeitung. In den vergangenen 14 Jahren sei er nicht ein einziges Mal wegen des Attentats auf Shakur von Strafverfolgern befragt, geschweige denn angeklagt worden.
In der Hip-Hop-Szene hat der Bericht offenbar alte und schlecht verheilte Narben wieder aufgerissen. Diejenigen, die Combs und The Notorious B.I.G.“ hinter dem Überfall vermuten, sehen sich durch den Bericht des Journalisten Chuck Phillips bestätigt. Combs’ Fans hingegen sprechen von der Rufmordkampagne eines Reporters, der früher schon falsche Anschuldigungen verbreitet habe.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS
