Thomas Glavinic macht sich so seine Gedanken

Ein ganzes Land sitzt im Keller

Die Tage von Amstetten / Von Thomas Glavinic

Dunkle Wolken über dem Haus der F.s in Amstetten

Dunkle Wolken über dem Haus der F.s in Amstetten

03. Mai 2008 Im Autoradio laufen Nachrichten. Amstetten. Stündlich neue Details. „Vierundzwanzig Jahre in einem Keller, das muss man sich einmal vorstellen“, sagt der Taxifahrer. „Wem fällt so was ein?“ Den meisten, denke ich, nur merken sie es nicht; aber das sage ich lieber nicht laut. Der Taxifahrer ist ungepflegt, betrunken und von einer geradezu kindlichen Herzlichkeit. Er lässt meine Freundin und meine Tochter erst aussteigen, als wir vor der Tür stehen, obwohl die Gasse hier eng ist und wir ihm angeboten haben, uns schon an der Ecke rauszulassen. Er erzählt mir noch eine Geschichte, der ich nicht ganz folgen kann, dann sind wir im Haus. Zwei Minuten später übergeben wir Nina, die Geburtstag hat, Blumen und Geschenke, es ist nicht irgendein Geburtstag - sie wird zehntausend Tage alt. Ich bekomme ein Bier und setze mich auf die Terrasse, während Marie von Nina die Wohnung vorgeführt bekommt. Ich sage: Ich schaue später.

Auf der Terrasse reden alle über Amstetten - ein Synonym für eine bestimmte Art von Horror, die ein Mensch anderen Menschen angetan hat. Was weiß man? Gibt es etwas Neues? Ein Riesenkerl mit Bart hat einen Laptop dabei und liest uns Nachrichten vor. Eigentlich will er Bundesligafußball am Livestream mitverfolgen, aber jetzt ist er bei Amstetten hängengeblieben. Mir langt es bald. Ich bin auf einer Geburtstagsparty, und nun sitze ich hier und höre mir Geschichten über Leute an, die mehr als zwanzig Jahre lang in Kellern eingesperrt waren.

So lange, wie Christian Klar eingesperrt ist

Ich verziehe mich nach drinnen. Während es an der Tür klingelt, Neuankömmlinge Geschenke überreichen, gehe ich durch die Wohnung, staune über ihre Ausmaße, beglückwünsche meine Freunde zu ihrem Geschmack. Amstetten geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Vierundzwanzig Jahre in einem Keller, das ist länger, als man real in einem österreichischen Gefängnis sitzen kann, selbst wenn man jemanden umgebracht hat. Vierundzwanzig Jahre, das ist die Zeit, die Christian Klar eingesperrt ist. Aber von Isolationsfolter würde ich eher bei der Frau im Keller sprechen wollen.

Ich hole mir noch ein Bier, ich beteilige mich an einer Runde am Star-Wars-Flipper, aber ich merke, heute ist nicht mein Tag. Neben den gerade eingetroffenen Freunden Holger und Sepp, die ich länger nicht gesehen habe, komme ich in Gedanken von Amstetten zu Natascha Kampusch, dem Mädchen, das acht Jahre am Stadtrand von Wien in einem Verlies gefangen gehalten wurde. Der Mann in Amstetten heißt Josef Fritzl. Der Entführer von Kampusch hieß Wolfgang Priklopil. Die heißen also noch dazu gleich. Menschen, die zu Hause sitzen und so ihre Ideen haben. Da war noch ein dritter Österreicher, der zu Hause saß und Dinge ausheckte, er hieß Franz Fuchs und war ein Neonazi, der in den neunziger Jahren mit Sprengfallen vier Roma tötete und das Land mit Briefbombenterror überzog. Der hieß also auch gleich, die heißen alle gleich. Und vor einigen Wochen wurde ein niederösterreichischer Bürgermeister mit einer Mon-chérie-Praline vergiftet, in die eine zwanzigfach tödliche Strychnindosis gefüllt worden war. Ein Verdächtiger ist in Haft. Der heißt natürlich auch so. Ob er es war oder jemand anderer, es war auf alle Fälle jemand, der zu Hause saß und Dinge ausheckte und seine Nachbarn freundlich grüßte. Das denke ich gerade, als ich auf die Terrasse komme, wo mittlerweile Linsensuppe gereicht wird, als der am Laptop eine Zwischenüberschrift vorliest: „Er hat immer freundlich gegrüßt.“

„Große Portionen!“

Ich muss lachen, aber weniger über diese Koinzidenz als wegen meiner Erinnerungen an Kindheitsbesuche auf dem Land, woher die meisten unauffälligen freundlichen Herren kommen. Über gastronomische Erholungsstätten gab und gibt es in Österreich nur ein wirklich überzeugendes, weithin verstandenes Lob: „Große Portionen!“ Ob das Essen, das man bekommt, Haubenqualität hat oder der letzte Fraß ist, scheint in weiten Bevölkerungskreisen nie Gegenstand einer klassischen Debatte mit Für- und Widerrede zu sein; aber dass die Portionen groß sind, wird mit Anerkennung vermerkt. Der Tonfall, in dem große Portionen gelobt werden, ist haargenau derselbe, in dem über einen Menschen gesagt wird, er sei tüchtig. „Tüchtig“ ist das entscheidende Kompliment. Der Tonfall, in dem Tüchtigkeit und große Portionen gepriesen werden, ist auch derselbe, in dem man über einen Menschen sagt, er grüße immer so freundlich. Österreich ist ein Land, in dem die Leute versessen sind auf große Portionen im Wirtshaus, dort möchten sie tüchtige Leute treffen, die freundlich grüßen, dann kann nichts mehr schiefgehen.

Die Linsensuppe wird von einer schönen dunkelhäutigen Kellnerin serviert. Ich belasse es bei einem Teller. Einen Kaffee in der Hand, betrachte ich die Bilder im Schlafzimmer. Meine Freunde besitzen einen echten Egger-Lienz. Nicht schlecht.

Eigentlich will ich das nicht hören

Auf der Terrasse gibt es Tumult. Neue Nachrichten aus Amstetten, oder wie? Eigentlich will ich das nicht hören, aber soll ich auf der Drei-mal-drei-Meter-Couch liegen und meditieren, während die anderen draußen Meinungen austauschen? Ich könnte, ja, aber ich will nicht.

Der Hüne am Laptop liest eine andere Nachricht vor: In Graz hat sich ein Vierjähriger nach einem Streit mit seiner Mutter in die Straßenbahn gesetzt und ist zum Bahnhof gefahren. Er bestieg einen Zug und fuhr zweihundert Kilometer nach Wiener Neustadt. Dort wurde er von der Polizei aufgegriffen. Ich frage mich, was ich täte, wenn ich so ein Früchtchen zu Hause hätte, obwohl ich die Leistung sehr anerkennenswert finde. Zudem denke ich, das passt gut ins Bild. Wo wie in Amstetten vier Leute zum Teil zwanzig Jahre im Keller versteckt und mit Essen, Trinken, Kleidung und allem anderen versorgt werden können, ohne dass es irgendjemandem auffällt, haben auch Vierjährige gute Chancen, interessante Reisen zu erleben, ehe jemand einschreitet.

Amerikanische Geheimdienste im Anmarsch

Der Hüne lässt mich an den Laptop. Ein dunkelhäutiger Kellner, ebenfalls schön, bringt mir einen Cocktail. Die Sonne zieht hinter die umliegenden Häuser, Wind frischt auf. Ich klicke mich durch die österreichischen Nachrichtenseiten. Überall spricht man vom „Inzestfall Amstetten“. Dass eine Frau vierundzwanzig Jahre in einem Keller eingesperrt war, dass eine Neunzehnjährige und ein Achtzehnjähriger sowie ein Fünfjähriger in ihrem ganzen Leben die Sonne nicht gesehen haben und sich vermutlich schon amerikanische Geheimdienste um Termine mit den Opfern bemühen, um herauszufinden, wie das nach Atomkriegen mit uns werden wird - das scheint die Leute weniger zu erschrecken.

Nina setzt sich zu mir, wir stoßen mit Whisky auf ihren Geburtstag an, ich finde zwar, einen zehntausendsten Tag auf der Erde zu feiern ist einen Tick zu kapriziös; aber andererseits, so einfach ist der Umgang mit mir sicher auch nicht. Ich umarme sie, dann lesen wir gemeinsam die Nachrichten. Eine Überschrift lautet: „Inzestfall: Image-Schaden für Österreich befürchtet“. Nina schnaubt lachend auf und tippt auf die Zeile, dann wendet sie sich ab, sie muss so lachen, dass sie ihren Whisky neben dem Tisch versprüht. Ich bin ebenfalls sehr angetan.

Wenn es Inzest gibt, hat der Staatsbürger Angst

In Österreich befürchtet niemand einen Imageschaden für das Land, wenn Bomben vor zweisprachigen Kindergärten abgelegt und Ausländer in die Luft gesprengt werden, aber wenn es Inzest gibt, hat der Staatsbürger Angst, beim Badeurlaub im Ausland nach Menschen in Kellern und Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten ausgefragt zu werden.

Ich überlasse den Platz wieder dem Riesen und lasse mir von der Kellnerin noch ein Glas servieren. Marie flirtet mit einem Handwerksburschen, der in historischer Kleidung angerückt ist, ich schätze ihn auf vierundzwanzig. Ich lege den Kopf schief, sie grinst nur kurz und winkt ab.

Wie viele solche Bunker mag es wohl noch geben

Von Holger, der schweißgebadet ist, übernehme ich die Betreuung der anwesenden Kinder. Meine Aufgabe besteht darin, sie bei ihren mehr oder weniger dramatisch angelegten Hechtsprüngen und Vorwärtsrollen zu unterstützen, die Kleineren einmal extra durch die Luft zu schwingen und dafür zu sorgen, dass nicht von beiden Seiten zugleich auf die Matte gesprungen wird. Und während ich hier den Clown spiele, zwischendurch den letzten Drink des Abends runterkippe, denke ich darüber nach, wie viele Männer es noch in diesem Land gibt, in deren Hirnen sich so Ungeheuerliches tut, und ich frage mich, wie viele solche Bunker es wohl noch geben mag in Österreich. Zwei wurden entdeckt in den vergangenen Jahren. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nur diese zwei gegeben hat? Wie viele Menschen sitzen in diesem Land noch in den Kellern freundlicher, tüchtiger Männer?

Der Schriftsteller Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, lebt in Wien. Zuletzt veröffentlichte er die Romane „Die Arbeit der Nacht“ und „Das bin doch ich“. Alle zwei Wochen erscheint seine Kolumne „Tiefer Graben“ in der F.A.Z.-Samstagsbeilage „Bilder und Zeiten“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche