09. Januar 2004 Im Kasseler Kannibalismus-Prozeß hat eine 39jährige Zeugin der Aussage des Angeklagten Armin M. widersprochen, beide hätten eine Liebesbeziehung gehabt. Die Nachbarinnen des Angeklagten schilderten ihn als besonders freundlich, hilfsbereit und nett beschrieben. Ihn als lächelndes Monster zu sehen, das finde ich eklig, sagte eine 41jährige frühere Nachbarin am Freitag vor Gericht. M. sei ein sehr gefühlsbetonter Mensch.
Das war keine Beziehung", betonte die Frau, die eine Zeit lang in der Nähe des Angeklagten gewohnt hatte, am Freitag vor dem Kasseler Landgericht. Sie zeigte sich sehr zurückhaltend und trug bei ihrem Zeugenauftritt offensichtlich eine Perücke. Nach einer gemeinsamen Silvester-Party sei er ihr zwar sympathisch gewesen. Spätestens als M. ihr jedoch gesagt habe, daß er auf Männer stehe", sei ihr klar gewesen, daß er nicht der richtige Mann für sie sei. M. dagegen, der die Zeugin sichtlich verärgert befragte, erklärte, die Beziehung sei daran zerbrochen, daß sie sich habe sterilisieren lassen wollen.
Ein Häufchen Elend
In einem Brief an die Nachbarin schrieb er Anfang Dezember 2003 aus dem Gefängnis, der Rummel um seinen Prozeß sei ihm peinlich. Zum Glück könne ihn niemand in seiner Zelle sehen: Wenn ich alleine bin, bin ich nur ein Häufchen Elend. Am achten Verhandlungstag beschrieb auch eine weitere frühere Freundin den Angeklagten als sehr gefühlsbetont und sensibel. Die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter sei besonders liebevoll gewesen. Er war wie ein Kind, sagte eine dritte Bekannte. Armin M. Haus allerdings sei unordentlich und schmuddelig gewesen. Einer der Halbbrüder des Angeklagten hatte gegenüber der Polizei erklärt, M. sei ganz normal aufgewachsen: Ich war der Meinung, daß Armin keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte. Über M.s homosexuelle Neigungen sei in dem 30-Seelen-Dorf Wüstefeld gemunkelt worden, letztlich habe aber lange niemand genaues gewußt, berichteten die Nachbarinnen. Eine der Zeuginnen wurde zu diesem Thema unter Ausschluß der Öffentlichkeit befragt. M.s ebenfalls geladener Vater legte dem Gericht ein Attest vor; danach war er wegen psychosomatischer Magen-Darm-Beschwerden nicht reise- und verhandlungsfähig. Der Halbbruder machte vor Gericht keine Angaben mehr.
Anklage wegen Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes
Die Staatsanwaltschaft hat M. wegen Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes angeklagt. Die Ermittler werfen dem Computer-Spezialisten aus Rotenburg vor, ab Mitte 1999 im Internet junge Männer für reale Schlachtung und Verspeisung gesucht zu haben. Im März 2001 habe er einem Internet-Bekannten aus Berlin mit dessen Einverständnis den Penis abgeschnitten, den Mann getötet und in der Folgezeit sein Fleisch verzehrt. Zu Prozeß-Beginn hatte M. Anfang Dezember ein umfassendes Geständnis abgelegt, dabei jedoch betont, nicht aus sexuellen Motiven getötet zu haben. Sein Anwalt Harald Ermel spricht von Tötung auf Verlangen.
"Wenn ich eine Frau habe, dann will ich eine vollwertige haben und keine, die sterilisiert ist", sagte M. am Freitag bei der Befragung der Zeugin. Zugleich bemühte er sich, Widersprüche in ihrer Aussage zu belegen. So hätten beide, nachdem sie sich auf einer Silvester-Feier zum Jahreswechsel 1999/2000 kennen gelernt hatten, mindestens bis in die Osterzeit Kontakt gehabt und nicht nur drei Wochen, wie es die Zeugin ausgesagt hatte.
Die beste Freundin der Zeugin erklärte später, auch ihrer Einschätzung nach hätten beide keine Beziehung gehabt. Da scheint der Armin ein bißchen viel reininterpretiert zu haben", sagte sie.
Text: Reuters, AFP