Inzestfall von Amstetten

„Nichts Abgründig-Österreichisches“

01. Mai 2008 Bundeskanzler Alfred Gusenbauer befürchtet einen Imageschaden für Österreich wegen des Inzest-Falles von Amstetten. Gusenbauer betonte am Mittwoch: „Das können wir nicht akzeptieren. Es gibt keinen Fall Amstetten, es gibt keinen Fall Österreich, es gibt nur einen Einzelfall.“ Gemeinsam mit Außenministerin Ursula Plassnik, den Botschaften im Ausland und „weiteren Profis“ solle ein „Gesamtkonzept“ entwickelt werden, das Österreich wieder ins rechte Licht rückt. Auch der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer betonte: „Es ist sicher nichts Abgründig-Österreichisches an diesem Fall.“

Das Inzest-Verbrechen von Amstetten ist nach Erkenntnissen der Polizei allein die Tat des 73-jährigen Josef F. gewesen. F. habe keinen Mittäter beim jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch und beim Einkerkern seiner Tochter Elisabeth (42) und der von ihm gezeugten Kinder gehabt. Das sagte Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, am Mittwoch vor Journalisten in Zeillern bei Amstetten. Auszuschließen sei allerdings „aus kriminalistischer Erfahrung nichts“. Die sechs erwachsenen Geschwister Elisabeths hätten mit den Verbrechen aber nichts zu tun. Es gebe auch keine Hinweise, dass der Täter seine anderen Kinder - weder die ehelichen noch die insgesamt sechs überlebenden Inzest- Kinder - missbraucht habe.

Polizei wurde durch „vertraulichen Anruf“ informiert

Die Polizei brachte am Mittwoch mehr Klarheit in die Umstände, unter denen das Drama beendet werden konnte: Demnach war Elisabeth mit ihren zwei Söhnen aus dem Kellerverlies im Krankenhaus erschienen, um ihre lebensgefährlich erkrankte Tochter Kerstin (19) zu sehen. Nach Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt bereits öffentlich gesucht worden, weil nur die Mutter Auskunft über den Zustand der Tochter geben konnte. Von dem Besuch erfuhr die Polizei durch einen „vertraulichen Anruf“ und griff zuerst Elisabeth vor dem Krankenhaus auf. Nachdem diese sich den Polizisten offenbart hatte, wurde auch Josef F. festgenommen.

Polzer wollte nicht sagen, woher der Tipp gekommen sei. Die Polizei habe versprochen, die Identität des Anrufers nicht preiszugeben. Alle Opfer werden seit ihrer Freilassung in einer Klinik von Ärzten und Psychologen betreut.

Natascha Kampusch ruft zu Spenden auf

Das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch, die selbst acht Jahre lang in der Gewalt eines Kidnappers in einem verliesartigen Raum leben musste, rief am Mittwoch zu Spenden für die Inzest-Opfer auf. Kampusch teilte mit, sie sei in engem Kontakt mit dem Anwalt der Opfer, um herauszufinden, wo die Hilfe konkret benötigt werde. Kampusch hatte nach ihrer Flucht im August 2006 die Gründung einer Stiftung erwogen, um einmal Opfern ähnlicher Verbrechen helfen zu können. Auf einem entsprechenden Konto waren in der Folge rund 50.000 Euro gesammelt worden.

Der Arzt Berthold Kepplinger vom Landesklinikum Mostviertel Amstetten appellierte an die Medien, die Privatsphäre der Familie zu respektieren. Die Familie, die sich ja erst jetzt in dieser Form kennengelernt habe, habe in den Räumen des Klinikums eine etwa 80 Quadratmeter große Wohnung bezogen.



Text: dpa
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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