FAZ.NET-Spezial: Inzestfall von Amstetten

War ein Funken Menschlichkeit in Josef F.?

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01. Mai 2008 Im Inzest-Drama im österreichischen Amstetten sind am Donnerstag weitere erschreckende Details bekannt geworden. So wurde die Suche nach der verschwundenen Elisabeth trotz eines Hinweises ihrer Mutter Rosemarie F. im Jahr 1994 nicht wieder aufgenommen. Josef F. habe damals mit verstellter Stimme seine Ehefrau angerufen und sich als die vermisste Tochter ausgegeben, sagte ein Ermittler. Die heute 42-Jährige war zu der Zeit ohne Wissen der Mutter schon zehn Jahre lang die Gefangene des Vaters.

In dem Anruf habe die vermeintliche Elisabeth die Mutter gebeten, sich um das danach vor der Haustür abgelegte Baby zu kümmern, für das sie nicht sorgen könne. Rosemarie F. habe den Anruf der Polizei gemeldet. Diese informierte die Staatsanwaltschaft, ging dem Hinweis jedoch nicht weiter nach. „Sie hatten keinen Grund, das Haus zu durchsuchen oder anzunehmen, dass Elisabeth im Keller war“, hieß es.

Spekulationen über F.s Motive

Nur spekulieren könne man über das Motiv von Josef F., vor einiger Zeit die Rückkehr der scheinbar vermissten Elisabeth in Aussicht zu stellen, sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer. „Vielleicht wurde dem 73-Jährigen bewusst, dass er die Sache nicht ewig weiterführen kann - vielleicht war ein Funken Menschlichkeit in ihm.“ Josef F. habe seine Tochter Ende vergangenen Jahres gezwungen, einen Brief an ihre Familie zu schreiben, die glaubte, sie lebe bei einer Sekte. In dem Brief schreibt sie, sie wolle zu ihrer Familie zurückkehren, was aber jetzt noch nicht möglich sei.

F.s Schwägerin Christine R. bestätigte der Zeitung „Österreich“, dass Josef F. in den 60er Jahren wegen Vergewaltigung im Gefängnis saß: „Ich war 16, als er wegen einer Vergewaltigung eingesperrt wurde, und ich fand das Delikt einfach widerlich, zumal er ja zu diesem Zeitpunkt mit meiner Schwester schon vier Kinder hatte“, sagte sie. Die Haftstrafe wurde später aus dem Vorstrafenregister gestrichen. Deshalb schöpften die Behörden bei den Adoptionen keinen Verdacht. Erst im Nachhinein aber bekommt der Tagesablauf ihres Schwagers für die 56-Jährige eine gespenstische Dimension: „Jeden Tag um neun Uhr in der Früh ging der Sepp in den Keller. Angeblich, um Maschinenpläne zu zeichnen, die er an Firmen verkauft hat. Oft ist er sogar über Nacht da unten geblieben. Rosi durfte ihm nicht einmal einen Kaffee bringen.“

Wollte er die Gefangenen einschüchtern?

Inzwischen arbeiten 35 Beamten einer Sonderkommission an dem nicht nur in Österreichs Kriminalgeschichte einzigartigen Fall. Es werde geprüft, ob F.s Drohung, Gas in das Verlies einleiten zu können, „nur eine Schutzbehauptung war, um seine Gefangenen einzuschüchtern“, sagte ein Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamtes. F. habe seinen Opfern wiederholt angedroht, sie würden es nicht überleben, wenn ihn im Keller etwas zustoßen sollte. Techniker untersuchten deshalb, ob in das fensterlose 60 Quadratmeter große Verlies tatsächlich Gas hätte eingeleitet werden können.

Sie sollten zugleich den elektronischen Schließmechanismus der 300 Kilogramm schweren Stahlbetontür prüfen. Nach Angaben des Leiters der Ermittlungen hatte Josef F. angegeben, dass sich die Tür bei einer längeren Abwesenheit von ihm automatisch geöffnet hätte. „Das hätte geheißen, dass die Gefangenen freigekommen wären.“

Ein ungeklärter Mord

F. wird nach Angaben der Polizei auch in Zusammenhang mit anderen Verbrechen überprüft. So ist in Oberösterreich der Mord an einer jungen Frau ungeklärt, deren Leiche 1986 in einem See gefunden wurde. F. und seine Familie lebten damals in der Gegend.

Für die Opfer des Inzestverbrechens hat unterdessen der Kampf um den Schutz ihres neuen Lebens vor der Neugier der Öffentlichkeit begonnen. Das Amstettener Krankenhaus, in dem Elisabeth und fünf ihrer Kinder betreut werden, verstärkte seinen Sicherheitsdienst, nachdem Fernsehteams und Fotografen versucht hatten, zu der Familie vorzudringen.

Der körperliche Zustand bei allen sieben Patienten sei „relativ gut“, sagte am Donnerstag der Direktor der Sonderkrankenanstalt Amstetten-Mauer. Der Zustand der ältesten Tochter Kerstin (19) ist dagegen nach Angaben der Ärzte nach wie vor „kritisch, aber stabil“. Die junge Frau befinde sich auf der Intensivstation des Landesklinikums Amstetten weiterhin im künstlichen Tiefschlaf, werde beatmet und erhalte eine Nierenersatztherapie sowie Antibiotika, hieß es am Donnerstag. Das Mädchen hatte sein gesamtes Leben mit der Mutter im Keller verbringen müssen und war in der vergangenen Woche schwer krank in die Klinik gebracht worden. In der Folge kam der Fall ans Licht.

Die österreichische Regierung sprach Elisabeth F. und ihren Kindern ihre Anteilnahme aus und sicherte ihnen unbürokratische Hilfe zu. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sagte, sein Land lasse sich nicht von einem „einzelnen barbarischen Kriminellen“ als Geisel nehmen. In Amstetten wurden Maifeste abgesagt. Die Stadt sei „zutiefst betroffen“ von dem Inzest-Skandal, sagte der Sprecher des Bürgermeisters.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: afp, AP, dpa, F.A.Z., Kronenzeitung, F.A.Z., REUTERS

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