Ehrenmord

Fröhlich, aber stark beschwert

Von Mechthild Küpper

Zwei Schwestern der ermordeten Hatun Sürücü

Zwei Schwestern der ermordeten Hatun Sürücü

21. September 2005 Am Mittwoch hörte die 18. Große Strafkammer des Berliner Landgerichts Nachbarn, Bekannte, Freundinnen, Betreuerinnen und den letzten Lebensgefährten der ermordeten Hatin Sürücü als Zeugen.

Sie entwarfen ein facettenreiches Bild der jungen Frau und ihrer Lebensumstände. Die 23 Jahre alte Mutter eines Sohnes, die am 7. Februar von ihren drei Brüdern gemeinschaftlich ermordet worden sein soll, wurde als selbstbewußt, fröhlich, kontaktfreudig und lebenslustig geschildert.

„Bedrohungen und Beleidigungen“

Mordopfer Sürücü

Mordopfer Sürücü

Sie wurde aber auch als verschlossene Person beschrieben, die von Finanzsorgen, Räumungsklagen äußerlich und von Differenzen mit ihrer großen Familie innerlich schwer bedrückt war. Sie habe von „Bedrohungen und Beleidigungen“ durch ihre Familie gesprochen, jedoch nichts Näheres erzählt. Sie habe sich danach erkundigt, wer ihren Sohn aufziehen könne, falls ihr etwas zustoße, die Frage aber nicht weiter verfolgt, berichtete ihre Betreuerin aus ihrem Ausbildungsbetrieb.

Auf keinen Fall solle er von seinen Großeltern erzogen werden. Sie habe gesagt, sie würde gern tot sein, sie habe geäußert, sie werde sicher bald sterben, doch haben ihre Freunde sie zu solchen Sätzen nicht eindringlich befragt und haben sie, obwohl sie diesen Mitteilungen durchaus einen ernsten Hintergrund zuschrieben, auf sich beruhen lassen.

Lebensgefährte: „Zwischen ihr und der Familie alles okay“

Hatin Sürücü war in therapeutischer Behandlung, zeitweilig sogar häufiger als einmal pro Woche. Außer ihrer von den Eltern mit einem Cousin in der Türkei arrangierten gescheiterten Ehe - aus der ihr Sohn stammte - hatte sie zwei weitere Ehen hinter sich, eine davon offenbar eine Scheinehe, für die sie Geld erhalten habe. Ihr letzter Freund ist ein wegen Drogenhandels verurteilter 34 Jahre alter Mann, mit dem sie „seit Silvester“ 2004 liiert war und der zum Teil bei ihr wohnte.

Für eine ernsthafte Beziehung mit ihm habe sie ihren „turbulenten Lebensstil“ aufgeben wollen, ihn habe sie nach islamischem Recht in der Wohnung der Eltern heiraten wollen, berichtete er. Ihm sei es so vorgekommen, als sei zwischen ihr und ihrer Familie wieder „alles okay“.

Der Jüngste hat gestanden

Andeutungsweise hat Hatin Sürücü verschiedenen Menschen von sexuellem Mißbrauch durch einen ihrer älteren Brüder berichtet (das soll der Anlaß für ihre Therapie sein); ihre Freundin konnte jedoch nicht mit Sicherheit sagen, welchen Bruder sie beschuldigte. Sie sei zu Hause von ihren Brüdern geschlagen worden; einer, der eine Gefängnisstrafe absitzt, habe sie öffentlich beschimpft und körperlich angegriffen.

Die drei Brüder des Opfers

Die drei Brüder des Opfers

Der Vorsitzende Richter mußte den Brüdern - der Jüngste hat die Tat gestanden, die beiden anderen bestreiten jede Kenntnis und jegliche Beteiligung daran, werden aber von Zeugen schwer belastet - mehrfach untersagen, zu den Zeugen zu sprechen oder sich untereinander zu verständigen.

„Kein normales Verhältnis zu Männern“

Hatin Sürücü, sagte ihre Betreuerin, habe auf sie gewirkt wie eine junge Frau, die sexuell mißbraucht worden sei. Sie habe „kein normales Verhältnis zu Jungen“ oder Männern gehabt, es sei wegen ihrer distanzlosen Art und ihrer großen Hilfsbereitschaft regelmäßig zu Mißverständnissen und Problemen gekommen. Das sei typisch für mißbrauchte Mädchen. Ausdrücklich darüber geredet habe sie mit ihr darüber jedoch nicht.

Eine Freundin, die sie in ihren letzten Wochen täglich traf, wußte wenig über das persönliche Leben. Einmal habe Hatin ihrem Vater gegenüber angedeutet, sie fühle sich bedroht. Vom Hörensagen wisse sie von der Drohung eines Mannes in Hatins Wohnung: „Ich bring' dich noch mal um.“

Mord aus „Stolz und Ehre“

Ihr Freund berichtete, in der türkischen Gemeinde Berlins hätten manche den Mord an Hatin Sürücü „gut gefunden“. Andere hätten gefragt, warum die Brüder eigentlich fünf Jahre damit gewartet hätten: Die Angeklagten seien, als sie schwanger und ohne Ehemann aus der Türkei zurückkam, noch klein gewesen.

Seiner Ansicht nach sei Hatin Sürücü „aus Stolz und Ehre“ und einem irregeleiteten Verständnis frommer Lebensweise getötet worden: „Der Koran würde das nicht akzeptieren.“ Mit zwanzig hätte er allerdings auch so gedacht, er stamme schließlich auch aus einer frommen Familie.

Text: F.A.Z., 22.09.2005, Nr. 221 / Seite 9
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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