Ernst August Wagner

Der erste Amokläufer von Winnenden

Von Peter-Philipp Schmitt

Ernst August Wagner töte am 3. September 1913 aus Scham und Rache 14 Menschen

Ernst August Wagner töte am 3. September 1913 aus Scham und Rache 14 Menschen

13. März 2009 Sorgfältig legte sich Ernst August Wagner am Abend des 3. September 1913 ein Dolchmesser und einen Totschläger bereit. Am nächsten Morgen erschlug und erstach er zunächst seine Frau Anna im Bett neben sich, danach - noch immer nur mit Nachthemd und Socken bekleidet - seine schlafenden Kinder, die Söhne Robert und Richard sowie die beiden Töchter Klara und Elsa. Die fünf Toten deckte er zu.

Dann zog er sich an, holte seine drei Schusswaffen, dazu reichlich Munition (mehr als 500 Patronen), schloss die Haustür hinter sich ab und ging von Degerloch hinunter nach Stuttgart zum Bahnhof. Dort stieg er in den Zug nach Ludwigsburg und erreichte schließlich nach einem weiteren Fußmarsch den Ort Mühlhausen an der Enz, wo er als junger Mann (1901) Lehrer war. Dort zündete er mehrere Gebäude an und schoss auf jeden, der ihm in die Quere kam - so lange, bis ihm die Munition in seinen Mauserpistolen ausging und er überwältigt wurde. Am Ende sind neun Mühlhausener tot, elf weitere schwer verletzt.

Der Amokläufer Wagner, Jahrgang 1874, tötete an einem Tag 14 Menschen. Als Beweggrund seines Handelns gab der unbescholtene schwäbische Hauptlehrer an: Scham und Gewissensbisse. Weil er vor zwölf Jahren in Mühlhausen Unzucht mit Tieren getrieben habe, die Leute sich seither über seine Verfehlungen lustig gemacht hätten, habe er sich zur Selbsttötung entschlossen, sagte Wagner.

Seine Familie wollte er mit in den Tod nehmen und sich zugleich auch noch an den Mühlhausenern für ihre „Schadenfreude“ rächen. Das Gerede und Getuschel über sein schändliches Tun, all die Verhöhnungen, Verspottungen und sogar Verfolgungen, von denen Wagner vor Gericht sprach, existierten allerdings nur in seiner Phantasie: Niemand in Mühlhausen, schreiben die Autoren Bernd Neunzer und Horst Brandstätter in ihrem Buch „Wagner“, habe auch nur etwas von der Sodomie in den Ställen des Dorfs geahnt.

Der dichtende Wahnsinnige

Das Strafverfahren gegen den offensichtlich unter Wahnvorstellungen leidenden Wagner wurde Anfang 1914 eingestellt, der Neununddreißigjährige in eine bekannte „Irrenanstalt“ gebracht - in die Heil- und Pflegeanstalt Winnenthal im Ort Winnenden. Dort starb der Patient, als „Mordbrenner“ weithin bekannt, 24 Jahre später an Tuberkulose. „Der gehört nach Winnenden“ ist bis heute synonym für einen Menschen, der nicht ganz richtig im Kopf ist.

Im Schloss der Stadt Winnenden befindet sich noch immer ein Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, „Zentrum für Psychiatrie“ genannt. Wagner war gewiss nicht der einzige Massenmörder, der in Winnenden „einsaß“. Er war aber der erste Amokläufer, der mit dem Ort in Verbindung gebracht wurde. In den dreißiger Jahren zählte das Haus etwa 600 Kranke, Hunderte von ihnen wurden von den Nationalsozialisten infolge der sogenannten Euthanasieaktionen getötet oder starben an Hunger und Vernachlässigung. Etwa 400 Patienten hat das Zentrum heute wieder.

Ernst Wagner, von Schriftstellern wie Hermann Hesse literarisch verarbeitet (in der Novelle „Klein und Wagner“, 1919), wurde in Winnenden zum Dichter. Er bekam eine Beamtenpension und eine Einzelzelle, schrieb Gedichte, Flugblätter und Dramen - unter anderem das Theaterstück „Wahn“ über König Ludwig II. von Bayern.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Archiv

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