18. Juli 2005 Der Montag, der 56. Verhandlungstag im Pascal-Prozeß vor dem Landgericht Saarbrücken, war der Tag der Hauptangeklagten Christa W. In der vergangenen Woche hatte sie über ihren Rechtsanwalt Walter Teusch mitteilen lassen, sie werde nach fast zehn Monaten des Schweigens eine Aussage machen.
Die machte sie denn auch, aber ob dies die Wende in dem Verfahren ist, wie viele Beobachter sogleich gemutmaßt hatten, muß bezweifelt werden. Das Verbrechen, um das es vor dem Landgericht geht, liegt schon lange zurück - wenn es denn eines war.
Im Hinterzimmer
Am 30. September 2001 soll der fünf Jahre alte Pascal in der Tosa-Klause von einigen der dreizehn Angeklagten, unter ihnen vier Frauen, vergewaltigt und so mißhandelt worden sein, daß er starb. Der Junge ist seitdem verschwunden; auch die intensive Suche der Polizei in einer Kiesgrube bei dem lothringischen Ort Schöneck brachte nichts zutage.
Die 52 Jahre alte Christa W. ist die Hauptangeklagte, weil sie es Kinderschändern gegen Geld ermöglicht haben soll, im Hinterzimmer ihrer Kneipe, der Tosa-Klause im Saarbrücker Stadtteil Burbach, sich immer wieder an Kindern zu vergehen, auch an Pascal.
Gesicht in ein Kissen gedrückt
Am 30. September 2001 haben nach Auffassung der Staatanwaltschaft mehrere Männer Pascal vergewaltigt. Als das Kind sich wehrte und schrie, sollen Christa W. und Martin R., der angeblich letzte Vergewaltiger an diesem Tag, die Angeklagte Andrea M. angewiesen haben, das Kind mit einem Kissen ruhigzustellen.
Die Gelegenheitsprostituierte Andrea M., eine fast schwachsinnige Frau - sie wohnte lange bei Christa W., in der sie eine Art Mutter sah - hatte im Oktober 2004 ausgesagt, sie habe Pascals Gesicht in ein Kissen gedrückt, während er vergewaltigt worden sei. Als der Vergewaltiger Martin R. dann fertig gewesen sei, habe das Kind nicht mehr gelebt und sei von der Hauptangeklagten und zwei Helfern in einem blauen Müllsack weggefahren worden.
Ein ganz normaler Sonntag
Die Putzfrau Erika K. wiederum sagte aus, sie habe gesehen, wie das Kind zu Tode gekommen sei, und bei der Beseitigung der Spuren geholfen. Eine dritte Angeklagte zog später ihre Aussage zurück, sie habe Pascal am fraglichen Tag in der Tosa-Klause gesehen. Die übrigen Angeklagten schwiegen in dem Prozeß bislang, auch Christa W.
Am Montag nun sagte Christa W. aus, der fragliche 30. September 2001 sei ein ganz normaler Sonntag gewesen, abgesehen vielleicht davon, daß an diesem Tag Kirmes im Ort war. Sie habe die Tosa-Klause wie immer gegen 12 Uhr am Mittag verlassen, ihr Kompagnon habe übernommen. Um 16 Uhr sei sie wie immer zurückgekommen, um 19 Uhr wieder gegangen, um daheim das Abendessen für ihren Sohn zu bereiten.
Der Lüge bezichtigt
Pascal habe sie an diesem Tag nicht gesehen. Am Abend des Kirmessonntags habe ihr dann Andrea M. ganz aufgeregt erzählt, Pascal sei verschwunden, und die Polizei suche nach ihm. Der Junge sei nie allein in der Kneipe gewesen, nur ab und an mit seinem Vater. (Der Vater Pascals starb Anfang Juli an Verletzungen, die er bei einer Schlägerei erlitt, die Mutter war im Juni an einer Hirnblutung gestorben.) Wer an diesem Sonntag von den Mitangeklagten noch alles in der Tosa-Klause gewesen sei, daran könne sie sich im einzelnen nicht mit Sicherheit erinnern.
Der Vorsitzende Richter Ulrich Chudoba hielt Christa W. vor, ob sie wisse, was ihre Aussage bedeute, daß sie nämlich ihre Mitangeklagten Andrea M. und Erika K. der Lüge bezichtige. Können sie uns Gründe nennen, warum wir ihnen mehr glauben sollen als den anderen? fragte der Richter. Die Hauptangeklagte sagte leise Nein. Von Auffassungsgabe und Sprachfähigkeit her ist sie den übrigen teils debilen Angeklagten weit überlegen.
Ehen am Alkoholismus gescheitert
Christa W. schilderte dann ihren Lebenslauf, den der Vorsitzende Richter mit zahllosen Nachfragen komplettierte. Die Frau ist gehbehindert seit ihrer Jugend, als ein Hüftleiden dreizehn Operationen nötig machte. Dennoch schaffte Christa W. den Hauptschulabschluß und war anfangs bei einer Bank und beim Diakonischen Werk angestellt. Sie war viermal verheiratet und hatte zahlreiche Liaisons mit Männern aus dem Umfeld der Kneipen, die sie später führte, zuletzt der Tosa-Klause.
Als sie am Montag wiederholt vortrug, wie ihre Ehen am Alkoholismus der Männer scheiterten, konnte sich der Vorsitzende Richter die Bemerkung nicht verkneifen, sie habe immer die Stammgäste ihrer Kneipen geheiratet und sich dann gewundert, wenn die zu viel getrunken hätten. Ihr Sohn Andreas hat wegen Autodiebstählen und vor allem Rauschgiftdelikten mittlerweile schon mehrere Jahre im Gefängnis verbracht.
Schwer zu beweisen
Als der Vorsitzende Richter die Angeklagte am Montag fragte, warum sie denn bloß immer wieder Kneipen eröffnet habe, wenn das Umfeld doch so niederdrückend erscheine, sagte Christa W., der Umgang mit Menschen habe ihr auch Freude bereitet.
Das Gericht wird es in dem Indizienprozeß nach der Aussage der Hauptangeklagten nicht leichter haben. Pascal ist verschwunden. Ob ihn einige der dreizehn Angeklagten auf dem Gewissen haben, wird weiter nur schwer zu beweisen sein.
Text: wer. / F.A.Z., 19.07.2005, Nr. 165 / Seite 9
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