08. April 2008 Ein paar Jugendliche treffen sich, trinken zusammen - und gehen über die Brücke. Einer hat die Idee, und der Holzklotz kommt gerade recht. So könnte das Szenario einer Gelegenheitstat ausgesehen haben. Denn der Holzklotz, der am Ostersonntag in Oldenburg von der Brücke über die A 29 geworfen wurde, hat womöglich schon längere Zeit vor der Tat auf der Brücke gelegen.
Ein Passant hatte nach Polizeiangaben vom Dienstag einen Holzklotz und eine Fahrradfelge gegen 16 Uhr auf der Brücke liegen sehen. Nun sucht die Sonderkommission Brücke in Oldenburg nach Hinweisen, die diese Beobachtung bestätigen. Wenn es so war, könnten der oder die Täter durchaus eher zufällig auf den Holzklotz gestoßen sein. Die Polizei sucht weiter nach vier bis fünf Jugendlichen, die auf der Brücke zur Tatzeit gegen 20 Uhr gesehen wurden.
Woher stammt der Holzklotz?
Nach neuen Untersuchungen des Landeskriminalamtes stammt der Holzklotz vom Stamm einer Pappel. Er wurde wohl nicht als Hauklotz zum Spalten von Holz verwendet - die Pappel ist eine Weichholzart. Vielmehr handelt es sich offenbar um ein Stück, das schon länger im Freien gelegen hatte, da der Klotz ziemlich verwittert ist. Wie der Klotz auf die Brücke gelangt war, ist noch offen. Vielleicht wurde er für ein Osterfeuer gebraucht. Am Ostersonntag fanden drei Osterfeuer in der Nähe der Brücke statt.
Die Polizei hat die Besucher der Osterfeuer schon befragt. Auch könnte der Klotz von einem Lastwagen gefallen sein. Vielleicht gehörte er auch zum Holzabfall der Autobahnmeisterei. Deren Mitarbeiter durchforsten regelmäßig die Böschungen der Brücke.
Jede winzige Faser ist ein Beweis
Zurzeit wird der sechs Kilogramm schwere Klotz im kriminaltechnischen Institut des niedersächsischen Landeskriminalamts in Hannover analysiert. Er durchläuft dabei drei Sektionen: Daktyloskopie, Textil/Biologie und Molekulargenetik. Die Wissenschaftler untersuchen den Klotz Millimeter für Millimeter mit Mikroskopen und Lupen. Alles, was man in der Hand gehalten hat, ist ein Spurenträger. So hofft man, Fingerabdrücke oder Fragmente vom Handballenabdruck zu finden.
Als der Klotz hochgehoben und geworfen wurde, ist er zudem höchstwahrscheinlich mit der Kleidung des Täters in Berührung gekommen. Jede noch so winzige Faserspur kann für die Beweisführung von größter Bedeutung sein. Die Spur ließe sich einem Kleidungsstück zuordnen und könnte zumindest den Kreis derer eingrenzen, die intensiven Kontakt mit dem Holzklotz hatten.
Auf der Suche nach DNA
Zudem wird der Holzklotz akribisch nach Hautpartikeln abgesucht, die sich beim Hautabrieb gelöst haben könnten. Bei den Hautschuppen ist es von größter Bedeutung, dass man zellfähiges Material findet, in dem der Zellkern noch intakt ist. Nur so können die Wissenschaftler DNA extrahieren. Das mögliche DNA-Muster wird dabei helfen, den Kreis der Tatverdächtigen enger zu ziehen. Da auch Zellspuren des Opfers an dem Klotz zu finden sein werden, müssen die Wissenschaftler versuchen, zwischen den Spuren zu differenzieren. Im besten Falle gelingt es dann, mehrere DNA-Muster zu erstellen, so dass man bestimmte Spuren eindeutig dem Opfer zuordnen kann.
Parallel zur kriminaltechnischen Analyse konzentriert sich die Suche auf die Gruppe von vier bis fünf Personen, die von mehreren Zeugen auf der Brücke gesehen wurde. Das Alter der überwiegend männlichen Personen wird auf 16 bis 20 Jahre geschätzt, ein Mädchen mit Pferdeschwanz soll auch dabeigewesen sein. Die Polizei appelliert an die Jugendlichen, sich zu melden: Mitwisser sind nicht direkt auch Mittäter.
Heimtückischer Mord
Es sei für sie viel besser, sich jetzt freiwillig an die Polizei zu wenden, als wenn sie später nach aufwendigen Ermittlungen gestellt würden. In diesem Zusammenhang sind auch die Fahrgäste der Buslinie 310 von Bedeutung. Der Bus überquert auf seiner Strecke auch die Brücke: Am Ostersonntag um 19.35 Uhr und um 19.50 Uhr. Insassen, die an der Brücke etwas Auffälliges beobachtet haben, sollen sich ebenfalls an die Polizei wenden.
Bislang sind etwa 550 Hinweise eingegangen. Oft werden auch Namen genannt. Doch bis jetzt hat kein Hinweis direkt zu dem Täter geführt. Wird ein Name genannt, müssen wir uns genau vorbereiten, bevor wir diese Person befragen, sagt Mathias Kutzner, Sprecher der Sonderkommission Brücke. Schließlich würden sie nach dem konkreten Hinweis die Person im Betrieb oder in der Schule aufsuchen. Das kann unter Umständen negative Folgen für eine völlig unschuldige Person haben. Ermittelt wird immer noch wegen Mordes. Das tragende Mordmerkmal ist die Heimtücke: Das Opfer war arg- und wehrlos.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa