07. Dezember 2007 KIEL, 6. Dezember. Das Haus der grausigen Tat, in einer Sackgasse gelegen, ist am Donnerstag noch abgesperrt. Nachbarn haben Rosen, Tannenzweige und ein Grablicht niedergelegt. Noch am Abend kommt ein junges Paar mit Kinderwagen und legt Blumen nieder. Einen schrecklichen Nikolaustag erlebt das holsteinische Dorf Darry im Landkreis Plön, wo am Tag zuvor eine Mutter ihre fünf Kinder getötet hat. Siebzig Kinder gehen in die Grundschule des Ortes. Am Donnerstag fällt der Unterricht aus. Seelsorger kümmern sich um die Schüler. Viele sind Hand in Hand mit ihren Eltern zur Schule gekommen. Auch im Kindergarten gleich nebenan helfen Seelsorger den Kleinen, mit der Situation fertig zu werden. Die 600 Einwohner des Dorfes stehen unter Schock. Die Pastorin aus dem nahen Lütjenburg, Gudrun Bölting, die als Seelsorgerin nach Darry gekommen ist, kündigt an, dass es einen Gedenkgottesdienst für die toten Kinder in der Lütjenburger Michaelis-Kirche geben werde. "Die Kinder und Erwachsenen werden eine ganze Weile brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten."
Die Mordkommission und die Polizei in Kiel ermitteln zusammen mit der Staatsanwaltschaft. Was bislang klar ist: Die fünf Jungen im Alter zwischen drei und neun Jahren wurden erstickt. Das ergab die Obduktion an der Gerichtsmedizin der Kieler Universität. Offenbar hatten die Opfer zuvor Schlafmittel bekommen. Wahrscheinlich wurden sie mit einem Plastikbeutel umgebracht. Dringend tatverdächtig sei die 31 Jahre alte Mutter, heißt es bei der Polizei. Die Frau ist offenbar psychisch krank und befindet sich zurzeit auch in einem psychiatrischen Krankenhaus. Aus Sicht der Ermittler ist die Frau gefährlich. Die Krankheit soll auch Ursache für die grausige Tat sein.
Die Frau habe die Tat in der psychiatrischen Klinik Neustadt im Gespräch mit einem Arzt am Mittwoch selbst gemeldet, sagt der Leiter der Kieler Mordkommission, Stefan Winkler, am Donnerstagnachmittag in Plön. Sie habe angegeben, dass sie ihre fünf Kinder umgebracht habe. Die vom Arzt informierte Polizei fand die erstickten Kinder gemeinsam in einem Raum des Einfamilienhauses der Familie in Darry. "Wir beschuldigen sie des fünffachen Mordes, allerdings im Zustand der vollständigen Schuldunfähigkeit", sagt der Kieler Oberstaatsanwalt Uwe Wick. Beim Amtsgericht habe man einen Unterbringungsbefehl beantragt: Die Frau solle in der geschlossenen Abteilung eines Psychiatrischen Krankenhauses untergebracht werden.
Die Landesregierung reagierte noch am Mittwochabend auf die Familientragödie. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und Innenminister Ralf Stegner (SPD) sagten: "Wir stehen mit Fassungslosigkeit vor fünf jungen Menschen, die jetzt tot sind." Die Vorsitzende des schleswig-holsteinischen Kinderschutzbundes, Irene Johns, sagt, bei psychischen Erkrankungen von Eltern werde den Kindern oft zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Den Schutzeinrichtungen würden immer häufiger körperliche und sexuelle Misshandlungen sowie Vernachlässigungen von Kindern gemeldet. Die Zahl der Fachkräfte steige jedoch nicht in gleichem Maße.
Die beiden älteren Kinder stammen aus einer früheren Beziehung der Frau. Die anderen Jungen waren von ihrem Lebensgefährten, einem Amerikaner, der zum Tatzeitpunkt nicht zu Hause, sondern in Berlin war. Bis zum Tag vor der Tat habe der Mann aber mit der Familie in dem Haus in Darry gelebt, teilen die Behörden am Donnerstag mit. Im Ort, etwa bei den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr, ist zu hören, man habe die Familie kaum gekannt. Sie habe zurückgezogen gelebt und an Dorfveranstaltungen wie dem Laternenumzug und dem "Tannenanleuchten" nicht teilgenommen. Den Mann habe man häufiger mit den Kindern gesehen, er habe sich auch um sie gekümmert. Er sei aber auch oft für Tage nicht in Darry gewesen. Der Vater der beiden älteren Kinder sei nur gelegentlich zu sehen gewesen, die Frau habe fast nur im Haus gelebt. "Das hier ist ein Handwerkerdorf, da ist niemand arbeitslos", sagt ein Mann von der Freiwilligen Feuerwehr. Es geht das Gerücht, die Eltern der Kinder hätten beide von Arbeitslosengeld gelebt.
Den ersten Kontakt des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Landkreises mit der Familie habe es Ende April 2005 gegeben, teilen die Behörden am Nachmittag mit. Damals sei es aber ausschließlich um eine bessere und gesündere Wohnung für die Familie gegangen. Gut zwei Jahre später, am 13. August 2007, seien dann der Ehemann und eine Nachbarin an den ASD herangetreten: in der Familie stimme etwas nicht, man brauche Hilfe. Am Tag darauf kam es demnach zu einem intensiven Gespräch der Behördenmitarbeiter mit dem Ehepaar in dessen Haus. Damals ging es im Wesentlichen um Beziehungsprobleme der Eltern. Einen Tag darauf, am 15. August, meldete sich der Ehemann beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst des Sozialpsychiatrischen Dienstes: seine Frau habe religiöse Wahnvorstellungen und brauche Hilfe. Eine Ärztin des Kreises stellte daraufhin fest, dass zwar keine Gefährdungssituation, wohl aber Behandlungsbedarf für die Frau vorliege. Auch der Psychiater, der die Frau am 17. August behandelte - er kannte die Patientin von früher -, kam zu dem Schluss, dass eine zwangsweise Unterbringung der Frau in einer Psychiatrischen Anstalt nicht angebracht sei. Am 16. August hatte der Kindergarten, den zwei der Kinder der Familie besuchten, sich an die Behörden gewandt: Die Eltern seien mit der Betreuung offenbar überfordert.
Am 29. August kamen zwei Mitarbeiter von ASD und Sozialpsychiatrischem Dienst zu der Familie. Die Eltern baten jedoch um Terminverlegung, weil an diesem Tag eines der Kinder eingeschult worden sei. Bei dem dann anberaumten neuen Termin habe die Frau zwar von früheren Depressionen berichtet, aber ausgesagt, es gehe ihr mittlerweile viel besser. Auch bei diesem Gespräch ergaben sich für die Behörden keinerlei Hinweise auf eine Gefährdung der Mutter (Suizid) oder der Kinder (Gewaltanwendung). Vereinbart wurde ein Antrag auf fünfzehn Stunden Jugendhilfe, die bis zum 28. November auch geleistet wurden. Zu dieser Zeit hatte auch ein zweiter Kindergarten, der von einem Kind der Familie besucht wurde, Zeichen der Vernachlässigung an diesem Jungen bemerkt und den Vater aufgefordert, mit dem Kind zum Arzt zu gehen.
Die intensive Betreuung der Familie durch Mitarbeiter der Behörden hat die Tat offenbar nicht verhindern können. Ob man den Zustand der Frau und die von ihr ausgehende Gefahr für die Kinder treffender hätte analysieren können, wird jetzt noch einmal überprüft. In Darry gibt es am Donnerstag unterschiedliche Angaben darüber, ob an den Kindern Zeichen von Verwahrlosung zu sehen waren. Die Lehrer der Grundschule weisen darauf hin, dass die älteren Kinder mitunter ohne Jacke und mit alten Broten in die Schule gekommen seien. Mitschüler wollen das nicht bestätigen, auch wenn sie erzählen, einer der Jungen sei einmal in Hausschuhen zur Schule gekommen. Die Bürgermeisterin von Darry, Stefanie Arnold, sagt, die Familie sei vom Jugendamt betreut worden. "Die Kinder machten einen ordentlichen Eindruck." Am Nachmittag teilen die Behörden mit, bei allen Besuchen im Haus der Familie seien keine Anzeichen von Verwahrlosung festgestellt worden. Zwei der Kinder waren leicht behindert. Die Nachbarn berichten über die Kinder, sie hätten oft laut und fröhlich auf dem Grundstück gespielt.
Mitarbeit Roland Brockmann
Text: F.A.Z., 07.12.2007, Nr. 285 / Seite 9
Bildmaterial: ddp