Tatverdächtige Babymord

„Sie war eine Ruhige“

Von Florentine Fritzen, Frankfurt/Oder

Auch das Wohnhaus neben dem Fundort der Babyleichen ist abgesperrt

Auch das Wohnhaus neben dem Fundort der Babyleichen ist abgesperrt

03. August 2005 Hinter dem rotweißen Absperrband steht ein braunes Doppelhaus in einem hübschen Garten. Neben einem Blumenbeet eine Harke und ein Eimer voll Unkraut. Die Pflanzen dürfen kräftig wachsen, aber nicht wild wuchern. Hinten trägt ein großer Apfelbaum Früchte, links steht eine Birke, rechts eine Lärche. Dazwischen andere Bäume und Büsche.

So sieht das freundliche Grundstück aus, auf dem die Frau aufwuchs, die zwischen 1988 und 1999 neun Kinder zur Welt gebracht, sie anschließend getötet und in Blumentöpfen und einem Aquarium vergraben haben soll. Im Jahr 2003 soll die 39 Jahre alte Sabine H., als ihre Wohnung in Frankfurt/Oder zwangsgeräumt werden sollte, die Behältnisse in ihr Elternhaus haben bringen lassen.

„Eine der besten Schülerinnen“

Jetzt hat die Polizei das Anwesen an der Bahnhofstraße bis hinunter zum Friedrich-Wilhelm-Kanal und der kleinen Schleuse weiträumig abgesperrt. Brieskow-Finkenheerd im Landkreis Oder-Spree ist ein langgezogener und ordentlicher Ort mit knapp 2700 Einwohnern. Wie im nahen Frankfurt/Oder gibt es eine Karl-Marx-Straße, und auch Ernst Thälmann und August Bebel sind im Stadtplan lebendig. Die Straßen mit den alten Namen sind neu asphaltiert. Manche Häuser, deren Dächer sich tief hinunter ziehen, wurden vor kurzem renoviert.

Anders als ihr Heimatort, den sie mit dem mutmaßlich schlimmsten Fall von Kindstötung in der deutschen Kriminalgeschichte in die Schlagzeilen brachte, bleibt Sabine H. eine verwischte Gestalt. Die spätere Arzthelferin sei eine der besten Schülerinnen gewesen, die Brieskow-Finkenheerd je hatte. Bürgermeister Ralf Theuer, der diese Geschichte erzählt, hat sie von einer Lehrerin, die die kleine Kind Sabine unterrichtet hatte. Er selbst kannte sie nicht, nur ihre Familie - flüchtig, denn sie habe zurückgezogen gelebt.

Ein Mamakind

Johanna Kupper kannte Sabine H., ihre Tochter ging in Sabines Parallelklasse. Vor einem Jahr haben die beiden Frauen Sabine H. gesehen: Sie ging mit ihrer jüngsten Tochter Elisabeth im Kinderwagen spazieren. Sonst begegneten sie ihr in den vergangenen Jahren selten. Sie bekamen auch nicht mit, daß Sabine H. zeitweise in einem Campingwagen auf dem Grundstück ihrer Mutter lebte, weil der Wohnungsverwalter der Gemeinde ihr keine Bleibe anbieten konnte.

Die beiden Frauen sitzen auf der Terrasse hinter ihrem Haus und können es noch immer nicht fassen. Seit 55 Jahren, erzählt Johanna Kupper, wohne sie jetzt gegenüber der Familie. Sabines Mutter sei 79, ein Jahr jünger als sie selbst. Der Vater, der im Stellwerk gearbeitet hatte, ist vor einigen Jahren gestorben. „Schon sein Vater hat hier gewohnt.“ Sabine war immer mal zum Spielen im Garten bei der Familie. „Sie war eine Ruhige“, erinnert sich Johanna Kupper. Schon als Kind habe sie sich anderen nicht mitgeteilt. Und ein Mamakind sei sie gewesen. Als ihre eigene Tochter in den Kindergarten ging, blieb Sabine zu Hause. In der Schulzeit habe sie ausgesehen „wie heute, nur schlanker“.

„Genie und Wahnsinn“

Sabines Vater war nach Angaben des Bürgermeisters zu DDR-Zeiten Mitglied im Kirchenrat. Der evangelischen Familie konnte es nicht recht sein, daß die noch sehr junge Tochter Mitte der achtziger Jahre einen Stasi-Mitarbeiter heiratete und drei Kinder von ihm bekam. „Da gab's den ersten Knatsch.“ Der Mann, von dem Sabine H. inzwischen geschieden ist, dürfte auch der Vater der getöteten Kinder sein. Die jüngste Tochter Elisabeth stammt von einem späteren Lebensgefährten. Sabines Schwester, heute 55, lebt in der einen Hälfte des Doppelhauses. In der anderen wohnen die Mutter und Frankie, der Sohn der Schwester, mit seiner Lebensgefährtin. Nach Angaben der Nachbarn war er es, der vor wenigen Tagen auf dem Grundstück aufräumte und den grausigen Fund machte.

Die Frage, warum Sabine H. tat, was sie tat - wenn sie es tat -, macht die Menschen ratlos. Sie traue es der Familie nicht zu, davon gewußt zu haben, sagt eine Nachbarin. Der Junge, der mit seinem Fahrrad viele aufmerksame Runden vor dem Grundstück dreht, nennt Sabine H. nur „die Bescheuerte“. Ralf Theuer hat sich mit Blick auf ihre guten Schulleistungen ein Erklärungsmuster bereitgelegt: „Genie und Wahnsinn liegen dicht beisammen.“ Der übernächtigte Bürgermeister sitzt in Badeschlappen und kurzen Hosen in der Vereinsgaststätte des SV Turbine Finkenheerd und trinkt ein morgendliches Bier. Sabines Schwester hat dort, neben der Kegelbahn, ihren 50. Geburtstag gefeiert.

Tücher über die Neugeborenen gelegt

Theuer, der in Sachsen zur Welt kam, in der Uckermark aufwuchs und 1984 nach Brieskow-Finkenheerd ging, mag seinen Ort. Er wünscht sich eine andere Schlagzeile, damit die Menschen wieder wegen der unberührten Natur kommen; der nahe Helene-See sei ja bekannt. Außerdem hat die Gemeinde andere Sorgen. Sabines Schule, die einst Wilhelm-Pieck-Schule, seit 1976 Dr.-Salvador-Allende-Schule hieß und nach der Wende keinen Namen mehr trug, schloß Ende Juni, weil es nicht mehr genug Schüler gab. 1998 wurde das Heizkraftwerk abgerissen, das nach Angaben des Bürgermeisters früher ganz Frankfurt/Oder mit Fernwärme versorgte. Auch die Obstwerke, das Betonwerk, der Kranbau mußten nach der Wende schließen. Früher pendelten Arbeiter von Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt nach Brieskow-Finkenheerd. Heute ist es umgekehrt.

Die Polizei durchsuchte am Mittwoch eine weitere Wohnung der Tatverdächtigen in Eisenhüttenstadt. Sabine H. habe sich „detailliert zu den ersten beiden Kindern und den Umständen ihres Ablebens geäußert“, sagte ein Polizeisprecher. Die Frau bestätigte auch, die weiteren sieben Kinder zur Welt gebracht zu haben. Sobald die Wehen einsetzten, habe sie sich betrunken. Als sie zu sich gekommen sei, seien die Kinder schon in den Blumenkästen gewesen. Nach Polizeiangaben sprach Sabine H. auch von Tüchern, die sie über die Neugeborenen gelegt habe, und berief sich im übrigen auf Gedächtnislücken.

„Daß sie die so eingepflanzt hat

Die Staatsanwaltschaft hat ebenfalls weitere Ermittlungen angekündigt. Wie es weitergeht, dürfte auch von der Taktik des Verteidigers abhängen, den Sabine H. bekommen wird. Die strafrechtliche Bewertung der Taten - Mord oder Totschlag - steht noch aus. Da die Leichen zum Teil sehr alt sind, ist die klassische Obduktion, deren Ergebnisse schon vorliegen, nur begrenzt aussagefähig. Jetzt wartet die Staatsanwaltschaft auf die Ergebnisse der DNS-Analyse, auch, um festzustellen, ob die Kinder alle vom selben Vater stammen. „Das kann sich aber noch Wochen hinziehen.“

Auch in Frankfurt/Oder gingen die Ermittlungen weiter. Die Lennestraße nahe der Stadtmitte beginnt mit der Backsteinkirche St. Georg und schlängelt sich an kleinen Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert entlang den Berg hinauf. Rechts eine Naturheilpraxis, dann noch eine: „Homöopathie - Akupunktur - Bioresonanz“. Der untere Teil der nach dem preußischen Gärtner und Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenne benannten Straße gehört zu den besseren Wohngegenden der Stadt. Oberhalb der Kreuzung mit dem Minimal-Supermarkt werden die Gebäude schäbiger. „Da wohn' icke“, sagt eine 65 Jahre alte Frau mit weißem Terrier an der Leine und zeigt auf eines der Hochhäuser an der nahen Moskauer Straße. In der Nacht nach der Nachricht von den neun toten Babys konnte die sechsfache Urgroßmutter nicht schlafen. Was sie besonders schlimm findet: „Daß sie die so eingepflanzt hat.“

„Immer höflich gewesen“

Ein 41 Jahre alter Nachbar tritt hinzu: „Das erste von den Kindern kam 1988 - da gab's doch schon die Pille!“ Die beiden bezweifeln, daß Sabine H. an der Lennestraße gewohnt hat. Auch ein Jugendlicher sagt: „Nicht hier. Det wüßt' ick.“ Als er und sein Kumpel mit ihrem Pinscher weiterlaufen, kommen sie an einem länglichen braunen Haus mit viel Graffiti an der Seitenwand vorbei - genau dort lebte Sabine H. bis zu ihrer Festnahme. Ein karger Vorgarten, an der Hinterseite sitzt im Fenster ein weißer Porzellanteddy. An einer Wohnungstür im Erdgeschoß heftet ein roter Aufkleber: „Polizei Brandenburg“.

Am Platz der Demokratie neben dem Hauptfriedhof steht ein Hochhaus, in dessen Blumenkästen Geranien wachsen. Ein Mieter zieht Tomaten auf seinem Balkon. Bis 2003 lebte Sabine H. dort mit ihren drei Kindern im sechsten Stock. Auf ihrem Balkon lagerte sie die Leichen von neun weiteren Kindern, vergraben in Blumenkästen und einem Aquarium. Eine ältere Nachbarin aus dem siebten Stock kann sich an die ehemalige Mieterin erinnern: „Ihre Kinder sind immer höflich gewesen.“ Sie habe auch gesehen, wie Sabine H. mit der jüngsten Tochter schwanger gewesen sei. „Man steckt nicht drin in den Leuten.“

Text: F.A.Z., 04.08.2005, Nr. 179 / Seite 7
Bildmaterial: AP

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