Inzestfall von Amstetten

Jekyll und Hyde aus dem Alpenvorland

Von Michaela Seiser, Wien

30. April 2008 In Amstetten herrscht Ausnahmezustand. Seit am Wochenende eine Inzesttragödie bekannt geworden ist, wird die Bezirksstadt im westlichen Niederösterreich von Journalisten aus aller Welt und Schaulustigen belagert. Niemand versteht, wie in dieser Idylle des Mostviertels das abscheulichste Verbrechen der österreichischen Kriminalgeschichte geschehen konnte. „Mir fehlt jede Vorstellungskraft, dass seine Frau, die ihr ganzes Leben mit ihm verbracht hat, von alledem nichts mitbekommen hat“, sagte der Direktor der Kriminalpolizei Niederösterreich Franz Polzer am Montag. Dauernd wolle jemand wissen, ob denn nicht irgendwer etwas ahnen hätte können, meinte ein Anrainer. „Hätten wir etwas bemerkt, hätten wir es gesagt“, empörte sich der Nachbar. Ungeachtet dessen zeigten sich die Bewohner in der 23000 Einwohner zählenden Stadt, die vor zwei Jahren innovativste Kommune Österreichs war, weiter fassungslos über den Fall. „Es ist einfach ein Wahnsinn, ich finde da kaum Worte dafür“, meinte eine Pensionistin.

Noch am Montag hat der 73 Jahre alte Josef F. unter dem Druck der Beweislage gestanden, seine Tochter seit ihrem 18. Lebensjahr in einem elektronisch gesicherten Kellerverlies 24 Jahre gefangen gehalten, sexuell missbraucht und dabei sieben Kinder gezeugt zu haben. Eines davon ist gestorben. Die Leiche hat der ausgebildete Elektrotechniker im Ofen verbrannt. Der Missbrauch begann, als das Kind elf Jahre alt war. Ans Tageslicht kam das Verbrechen, da eine 19 Jahre alte Enkeltochter von F. schwer erkrankte und die Krankengeschichte so unklar war, dass die Kommunikation mit deren Mutter notwendig wurde. Der verdächtige Amstettner ließ es zu, dass die Mutter der Erkrankten zu den behandelnden Ärzten Kontakt aufnehmen konnte. Dies war der Beginn zur Klärung dieses unglaublichen und abscheulichen Kriminalfalles.

„Geschlagen und vergewaltigt“

Die 68-jährige Ehefrau des Täters sowie andere Familienmitglieder haben nach Angaben der Polizei von den unglaublichen Vorgängen in dem Kellerverlies nichts mitbekommen. Während er oben mit seiner Frau und sieben Kindern aus dieser Ehe sowie drei später adoptierten Kindern aus dem erzwungenen Inzest-Verhältnis gelebt hat, habe er im Keller Elisabeth F. „geschlagen und vergewaltigt“. Alle Besorgungen für die Tochter und deren Kinder im Kellerverlies hatte er unbemerkt organisiert. Lebensmittel, Kleidung und Windeln - das Notwendigste, was die Familie im Keller zum Überleben gebraucht hat, hat der Geständige nie in seiner Heimatstadt besorgt. In der Nacht hat er dann die Einkäufe heimlich in das Kellerverlies gebracht, das für seine Familie tabu war.

Den Eingesperrten war all die Jahre kein Entkommen möglich. Der Täter hat immer die Fernsteuerung der mit Code elektronisch gesicherten Tür mitgenommen und seinen Gefangenen erklärt, dass sie alle niemals wieder hinauskämen, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Für den Keller gab es eine Baubewilligung. Zuständige Behörde war die Stadt Amstetten, die 1978 eine Errichtung eines unterkellerten Zubaus genehmigte. Wie er dies allein bewältigt haben soll, ist unklar. Bekannt ist unterdessen geworden, dass der als grenzgenial beschriebene Ingenieur nach Auskunft eines ehemaligen Arbeitgebers wegen eines inzwischen getilgten Sexualdelikts aus den sechziger Jahren vorbestraft war. Nach verschiedenen selbständigen Tätigkeiten betreibt F. heute dem Branchenbuch zufolge einen Handel für Unterwäsche. Als Geschäftsadresse firmiert dasselbe Haus, in dem er auch einen Teil seiner Familie versteckte. Nebenbei betrieb er Immobiliengeschäfte. Erstaunlich ist, dass dem Opfer Elisabeth als einzigem Familienmitglied im Jahr 1980 ein Wohn- und Gebrauchsrecht in dem Horrorhaus grundbücherlich eingetragen wurde. Dieser Umstand könnte für die Ermittlungen noch spannend werden.

„Das kann kein psychisch Kranker sein“

Über das Wesen des Verbrechers, der sich dabei so sicher fühlte, häufen sich im Heimatland Freuds Ferndiagnosen. „Das kann kein psychisch Kranker sein“, sagte der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller am Montag: Der mutmaßliche Täter habe extreme Machtansprüche. Macht sei bei ihm hochgradig sexualisiert worden. Außerdem sei der Mann als in hohem Maße narzisstisch auf Kosten anderer einzustufen. „Ein psychisch Kranker wäre dazu nicht in der Lage. Er ist viel eher eine hoch abnorme Persönlichkeit, das ist keine Krankheit“, erklärte Haller. Die gesunde Intelligenz bei völlig gestörter Charakterstruktur sei das gefährliche an solchen Menschen. Bezeichnend für die Natur des Verbrechers sei sein technischer Beruf. „Nur jemand der gewohnt ist, so genau und scharf zu denken, ist in der Lage, so etwas zu planen. So viele Geburten zu organisieren, gleichzeitig derart viele Alibis zu liefern und eine Atmosphäre zu verbreiten, wo sich niemand getraut hat, nachzufragen - dafür müsse man kognitiv bei sehr gutem Verstand sein.

„Weltweit ist dieser Vorfall etwas absolut Einzigartiges, es gibt nichts Vergleichbares“, glaubt Haller. Nicht so sehr der Inzest und Missbrauch seien das Abartige, sondern die Tatsache, dass es mitten unter uns passiert ist. Das zweite Abnorme an diesem Fall ist laut Haller die extrem lange Dauer.

„Er war offenbar ein Herrscher“

Obwohl es generell bei Inzestfällen meist Mitwissende gibt, die die Tat aber verdrängen würden, halten es andere für durchaus vorstellbar, dass die Ehefrau des rüstigen Unternehmers sowie die drei Kinder, die nicht im Verlies eingesperrt wurden, nichts von den Vorgängen mitbekommen hatten: Der mutmaßliche Täter sei offensichtlich in der Lage, Angst und Schrecken zu verbreiten. „Er war offenbar ein Herrscher“, analysiert die Wiener Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith. Wenn der Keller für die Ehefrau und die Kinder tabu war und sie es gewohnt waren, auf seine Anordnungen zu hören, dann hat man dort nicht nachgeschaut. Wenn einer die Macht hat und sie dem anderen aufzwingt, dann ist sein Wort Gottes Wort.“

Die Familie des Täters galt als intakt und unauffällig. „Es hat nie Beschwerden gegeben. Die Familie war ein unbeschriebenes Blatt“, bestätigte Gabriela Peterschofsky-Orange von der niederösterreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaft. Der offenbar hochintelligente Mann hätte es geschafft, das „Auftauchen“ der drei mit seiner eigenen Tochter gezeugten Kinder, die nicht im Keller leben mussten, sondern als vermeintlich vor seiner Haustür abgelegt offiziell bei ihm aufwuchsen, im gesamten Ort plausibel zu erklären. „An dieser Legendenbildung hat niemand gezweifelt“. Der Mann und seine Ehefrau hätten sich fürsorglich um diese Kinder gekümmert: „Sie waren auch ins Gemeindeleben involviert und ins gesellschaftliche Leben integriert.“ Ebenso gibt es keine Anzeichen für irgendeinen Behördenfehler. Dies erklärte der Anwalt der Opfer im Missbrauchsfall in Amstetten, Christoph Herbst, im ORF.

„Umfeld mit verminderter Kritikfähigkeit“

Dass man das Treiben eines Täters hätte bemerken müssen, weil er nur fünf Meter entfernt gewohnt hat, sei ein Trugschluss oder ein Wunsch, heißt es. Aus Sicht von Cornel Binder-Krieglstein vom Berufsverband der österreichischen Psychologen (BÖP) bauen sich Verbrecher ein Konstrukt aus Lügen, damit ihre Straftaten vom Rest der Welt unbemerkt bleiben. Dabei sei relativ bald der Punkt erreicht, wo es kein Zurück mehr gibt. Es brauche aber nicht nur eine „Grundbereitschaft“ zum Lügen, sondern gleichzeitig die Möglichkeit dazu: Das setze eine entsprechende Umgebung voraus, ein „Umfeld mit verminderter Kritikfähigkeit, das sich mit einfachen Antworten zufrieden gibt. Demnach könnten Nachbarn durchaus nichts bemerken, weil ihnen einfach die Information dafür gefehlt hat und der Täter seine Taten gut kaschiert hat.

Das Missbrauchsdrama erschüttert die Österreicher und weckt Erinnerungen an den Fall Natascha Kampusch. Diese Frau war im Sommer 2006 nach acht Jahren Gefangenschaft ihrem Entführer entkommen, der darauf Selbstmord verübte. Der Fall Kampusch, dessen Ermittlungspannen politische Wellen geschlagen haben, beschäftigt nach wie vor die Behörden. Kampusch selbst hat am Montag erklärt, der Familie F. helfen zu wollen. Im Zuge der Ereignisse wurde auch auf die hohe Dunkelziffer von Missbrauchsfällen in Österreich hingewiesen. Derzeit gibt es jährlich einige hundert Anzeigen, während Experten von einer Dunkelziffer von bis zu 10.000 Straftaten sprechen. Viele davon finden im familiären Umfeld statt. „Wir alle haben ein hehres, idealisiertes Bild von Familie und müssen lernen, damit zurecht zu kommen, dass die eigene Familie diesem Bild von Familie nie ganz entspricht“, äußerte Sabine Pelzmann-Knafl, Präsidentin der Katholischen Aktion Steiermark ernüchtert.

Für die Kinder- und Jugendanwaltschaft steht fest, dass die gesamte Familie des Täters schwer traumatisiert ist und die Dauer ihrer nunmehrigen Akutbetreuung in der Sonderkrankenanstalt Landesklinikum Mostviertel Amstetten-Mauer derzeit völlig unabsehbar ist. „Zur Aufarbeitung des Geschehenen werden einige vermutlich das ganze Leben brauchen“, sagte Peterschofsky-Orange. Der geständige Familienvater sitzt inzwischen in der niederösterreichischen Landeshauptstadt Sankt Pölten im Gefängnis. Er muss mit Anklagen wegen Freiheitsberaubung und Vergewaltigung rechnen. Höchstmögliches Strafmaß dafür ist 25 Jahre.



Bildmaterial: Kronenzeitung, F.A.Z.

 
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