Von Robert von Lucius
26. März 2008 Die niedersächsische Polizei hat am Mittwoch die Befragung von 400 Personen fortgesetzt, die sich am Ostersonntag bei Osterfeuern nahe der Autobahnbrücke bei Oldenburg befunden hatten, von der aus eine Frau mit einem Holzklotz getötet worden war. Einen konkreten Tatverdacht habe die 23 Mitglieder starke Mordkommission noch nicht, sagten Polizeisprecher.
Man sei am Anfang schwieriger Ermittlungen. Unbekannte hatten am Sonntagabend den sechs Kilogramm schweren Klotz von der Brücke auf die Autobahn 29 geworfen. Er durchschlug die Windschutzscheibe eines Autos und tötete eine 33 Jahre alte Frau aus Telgte in Nordrhein-Westfalen, die auf dem Beifahrersitz saß. Der Polizeisprecher Sascha Weiß sprach von einem heimtückischen Mord. Für Hinweise ist eine Belohnung von 6000 Euro ausgesetzt.
Die Suche nach dem ultimativen Risiko
Die Tatwaffe stammt möglicherweise von einem Holzstapel eines Gehöfts in der Nähe der Brücke. Das Landeskriminalamt in Hannover untersucht derzeit den Klotz. Dessen Aufprallgewicht hatte nach Auskunft von Physikern zwei Tonnen. Die Geschwindigkeit des Autos und der Winkel, bei dem ein Gegenstand auf der Scheibe einschlägt, verändert sich in Sekundenbruchteilen; eine Vorausberechnung ist daher kaum möglich. Das spricht dafür, dass es sich nicht um einen gezielten Anschlag gehandelt habe, sondern um die spontane Tat Einzelner auf ein Zufallsopfer. Dabei könne Langeweile eine Rolle spielen, eine psychische Störung oder das Verhalten eines möglicherweise schüchternen Außenseiters in einer Jugendgruppe.
Bisher waren Täter in vergleichbaren Fällen fast immer Jugendliche in der Altersgruppe von 16 bis 20 Jahren, die das ultimative Risiko suchen und eine Katastrophe wie auf der A 29 nicht anstreben, aber in Kauf nehmen. Selbst wenn ein von einer Brücke herabgeworfener Stein Autos verfehlt, kann das als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr mit Haft bis zu fünf Jahren belegt werden. Einen ähnlichen Vorfall gab es nahe der Brücke schon einmal vor gut sieben Jahren; die Polizei untersucht mögliche Parallelen. Dem Täter von Oldenburg droht eine lebenslange Gefängnisstrafe.
Überwachungskameras an Autobahnbrücken?
Die Familie war von einem Osterurlaub an der Ostsee zurückgekehrt, als der Holzklotz das Auto traf. Der Ehemann als Fahrer und die beiden neun und sieben Jahre alten Kinder im Auto blieben unverletzt, standen aber unter Schock. Mittlerweile wohnen sie in Telgte in Nordrhein-Westfalen bei Verwandten. Ein Notfallseelsorger betreut die Familie, auch die Stadt, der Kreis, die Polizei und die Kirchengemeinde boten Hilfe an.
Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestags, Sebastian Edathy (SPD), regte am Mittwoch den Einsatz von Videokameras an belebten Autobahnbrücken an, um eine Tataufklärung zu erleichtern. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) reagierte zurückhaltend auf den Vorschlag; selbst ein Überwachungsstaat könne eine solche Tat nicht verhindern. In Niedersachsen allein gibt es 1900 Autobahnbrücken. Unterdessen kam es am Dienstag vor allem in Nordrhein-Westfalen zu Nachahmungstaten von Kindern und Jugendlichen. In Kempen warfen drei Kinder von einer Straßenbrücke aus mit Lehmklumpen, in Süchteln wurde ein Lastwagen von einem hartgekochten Ei an der Windschutzscheibe getroffen. Im Kreis Viersen ließ ein Sechzehnjähriger einen leeren Getränkekarton von einer Autobahnbrücke an der A 61 fallen. Im schweizerischen Aargau wurde die Frontscheibe eines Reisebusses zerstört, als zwei Jungen Eisschollen von einer Autobahnbrücke warfen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
