06. Januar 2005 Asienweit via Handy verbreitete SMS-Botschaften vermeintlicher Kinderhändler aus Indonesien sind offenbar nicht echt gewesen. Die bisherigen Ermittlungen hätten ergeben, daß kein Kind wirklich zum Verkauf angeboten wurde, sagte der malaysische Vizepolizeichef Musa Hassan am Donnerstag in Kuala Lumpur.
Bei den Handy-Nachrichten habe es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um schlechte Scherze gehandelt, sagte er. Hassan rief dazu auf, solche Botschaften künftig zu ignorieren.
Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hatte am Dienstag gewarnt, Kinderhändler nützten das Chaos nach der Flugkatastrophe in Indonesien für ihre Zwecke aus. Auch das Unicef-Hauptquartier in Malaysia erhielt eine SMS, in der 300 Kinder aus der von der Flutkatastrophe besonders betroffenen indonesischen Provinz Aceh zum Kauf angeboten wurden.
Sorgen trotzdem berechtigt
Die Sorgen, daß skrupellose Kinderhändler das Chaos in der Unglücksregion ausnutzen könnten, scheinen dennoch nicht unberechtigt. In Indonesien haben durch den Tsunami 35.000 Kinder ihre Eltern verloren, sind von ihren Eltern getrennt oder obdachlos, imgesamten Gebiet sind nach Einschätzung von Unicef sogar 1,5 Millionen Kinder betroffen. Malaysia hat sogar Adoptionen wegen der Gefahr des Kinderhandels verboten.
Der guten Nachricht, daß die SMS-Botschaften offenbar keine Grundlage haben, stehen Meldungen der Kindernothilfe gegenüber, daß aus mehreren Notunterkünften in Sri Lanka bereits Kinder verschwunden seien. Wir machen uns große Sorgen und befürchten, daß die Kinder von der tamilischen Rebellenarmee zwangsrekrutiert werden sollen, sagt Sascha Decker, Sprecher der Kindernothilfe in Köln.
Menschenhändler kennen keine Skrupel
Auch Washington ist alarmiert: Es gibt genügend glaubhafte Berichte, die uns zu der Schlußfolgerung gebracht haben, daß hier eine echte Gefahr besteht und sofort eingeschritten werden muß, um Mißbrauch zu verhindern, sagt der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums, Adam Ereli. Wir sind erschüttert über diese Berichte und entsetzt, daß Tausende von Kindern, die bei dem Desaster zu Waisen wurden, Gefahr
laufen, von Kriminellen ausgenutzt zu werden.
Wir wissen aus vergangenen Krisen, daß Menschenhändler keine Skrupel haben, Kinder gerade in dieser Situation anzusprechen, sagt Christian Schneider von Unicef. Schon früher seien in Südasien jährlich tausende Kinder in die Prostitution gezwungen, an private Haushalte oder Plantagen verkauft worden. Immer wenn Menschen auf so engem Raum
unter solchen Umständen zusammenleben und niemand weiß, welche Kinder in Begleitung von Eltern oder Angehörigen sind, wird dies auch für
sexuellen Missbrauch ausgenutzt, sagt Schneider. Die Regierung in
Jakarta versuche, dem einen Riegel vorzuschieben. So dürften etwa aus
der von der Katastrophe besonders stark betroffenen Provinz Aceh im Norden Sumatras keine Kinder unter 16 Jahren mehr ausreisen.
Unrechtmäßige Adoptionen
Die örtliche Kinderschutzorganisation NCPA (National Childcare Protection Authority) weist auf Klagen in Sri Lanka hin, wonach Kinder unrechtmäßig adoptiert wurden. Hilfsorganisationen befürchten zudem, daß Verwandte von Waisenkindern mehr an den Zuschüssen der Regierung für die Kleinen interessiert sind und die Kinder verstoßen, sobald sie das Geld haben, wie die indische Zeitung Hindustan Times meldet. Anderen Berichten zufolge geben sich Fremde als Verwandte aus, um an das Geld zu kommen.
Eine Rückkehr zur Normalität scheint im Katastrophengebiet zwar noch in weiter Ferne. Dennoch sollen Notschulen öffnen. Angesichts des Schockzustandes und der nicht absehbaren langfristigen psychischen Folgen ist es von größter Bedeutung, daß für die Kinder in den Dörfern und Notunterkünften wieder eine Form von geregeltem Alltag beginnt, betont Schneider.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AFP
Bildmaterial: dpa/dpaweb