FAZ.NET-Spezial: Inzest-Fall von Amstetten

Am Treppenabgang schlug immer der Hund an

Auch am Wochenende gehen die Ermittlungen weiter

Auch am Wochenende gehen die Ermittlungen weiter

03. Mai 2008 Die österreichische Polizei setzt ihre Befragungen von früheren Hausbewohnern und Bekannten des Inzesttäters von Amstetten, Josef F., fort. „Wir werfen ein weites Netz aus“, sagte Chefermittler Leopold Etz am Freitag. Es würden mehr als hundert Personen befragt, die über Jahrzehnte hinweg in dem Haus in Amstetten gewohnt haben.

Ein ehemaliger Mieter im Haus von F. hörte nach eigenen Angaben mehrmals verdächtige Geräusche aus dem Kellergeschoss. Er habe gelegentlich Klopfen vernommen und Geräusche, als ob Gegenstände fallen gelassen würden, sagte Alfred Dubanovsky . Josef F. habe einmal gesagt, das Haus werde eines Tages noch Geschichte schreiben. Dubanovsky wohnte von 1995 bis zum vergangenen Jahr in einer 42 Quadratmeter großen Wohnung im Erdgeschoss des Hauses. Er habe F. gefragt, ob die Geräusche von einer Gasheizung im Keller kämen, was F. bejaht habe.

Ein fürchterliches Puzzle

Dem „Kurier“ sagte der 42 Jahre alte Tankwart, im Nachhinein füge sich vieles, was ihm komisch vorkam, zu einem fürchterlichen Puzzle zusammen. So hatte Josef F. den Mietern der acht Wohnungen im Haus den Aufenthalt in Keller und Hinterhof verboten. „Der Keller ist elektronisch gesichert, und wer ihn betritt, wird fristlos gekündigt“, soll der Hausherr gedroht haben. Vom Fenster zum Hof sei zu beobachten gewesen, dass F. Lebensmittel mit der Schubkarre in den Keller gebracht habe. Josef F. verschwieg demnach auch nicht, dass er oft zu dreiwöchigen Urlauben nach Thailand geflogen oder zur Kur gegangen sei.

„Die Presse“ berichtete, ein Kellner, der ebenfalls über dem Verlies wohnte, erinnere sich nun an mysteriöse Vorgänge. Sepp Leitner habe Anfang der neunziger Jahre für fast vier Jahre als Mieter in einer Wohnung über dem Kellerverlies gewohnt. Er berichtete von einer exorbitanten Stromrechnung. Zwischen Leitner und F. sei es deswegen zum Streit gekommen. Leitner sollte für das Quartal 5000 Schilling (fast 400 Euro) Strom zahlen - für eine 30 Quadratmeter kleine Garçonnière. Häufig sei er die ganze Woche abwesend gewesen, wenn er auf Montage arbeitete. Für den hohen Stromverbrauch gab es keine Erklärung. Selbst wenn alle Stromquellen in der Wohnung ausgeschaltet waren, lief der Zähler weiter. Ihm sei damals nur klar gewesen: „Da hängt irgendwas dran.“ Weil er sich damals weigerte, die überhöhte Stromrechnung an den Vermieter zu zahlen, führte dies zu einem heftigen Streit mit F. - und zum Rausschmiss.

Des Öfteren konnte der Mieter F. auch dabei beobachten, wie er zwischen 22 und 23 Uhr mit Einkaufstüten in den Garten kam. Auch das seltsame Verhalten seines - im Haus eigentlich verbotenen - Hundes kann sich Leitner jetzt erklären. Der Mischling aus Labrador, Husky und Schäferhund sei mehrmals in der Nacht „gigantisch aufgeschreckt“, scheinbar grundlos. Zudem habe er immer am Treppenabgang angeschlagen. „Wir glaubten halt, er freut sich aufs Rauslaufen.“

Wegen Vergewaltigung verurteilt

Unterdessen hat sich bestätigt, dass der Inzesttäter Josef F. vor gut 40 Jahren wegen der Vergewaltigung einer jungen Frau verurteilt worden ist. Dies belegen Gerichtsakten, die nun wieder aufgetaucht sind, wie die „Oberösterreichischen Nachrichten“ berichteten. F. habe sein 24 Jahre altes Opfer 1967 vergewaltigt. Außerdem habe er im gleichen Jahr versucht, eine 21 Jahre alte Frau bei einem Spaziergang in einen Wald zu zerren, um sie zu vergewaltigen. Nach Angaben des Blattes liegen der Justiz des Landes seit Mittwoch entsprechende Akten vor.

Danach sei F. der Polizei auch im Zusammenhang mit einem Exhibitionismusfall gemeldet worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft St. Pölten gilt der Vorgang jedoch inzwischen als „getilgt“. Angesichts des schrecklichen Verbrechens sollen die bisher dafür geltenden Fristen jetzt allerdings verlängert werden.

Schwägerin hatte zuerst von Haftstrafe gesprochen

Die Schwägerin F.s hatte bereits in einem Interview des Boulevard-Blatts „Österreich“ vom Donnerstag erklärt, ihr Schwager habe bereits vor 40 Jahren wegen Vergewaltigung im Gefängnis gesessen. Inzwischen hat eine weitere Frau in Linz behauptet, seinerzeit von F. vergewaltigt worden zu sein. Wegen der Verjährungsfristen wird die Staatsanwaltschaft aber keine Auskunft mehr über diese Fälle geben, sagte deren Sprecher am Freitag in St. Pölten.

Josef F. hat gestanden, seine Tochter Elisabeth von 1984 an in ein Kellerverlies eingekerkert und sexuell missbraucht zu haben. Er zeugte sieben Kinder mit ihr: Drei von ihnen adoptierten er und seine Frau, drei weitere wuchsen bei ihrer Mutter im Keller auf, ohne jemals das Tageslicht zu sehen. Ein Kind starb kurz nach der Geburt. F. drohen nun 15 Jahre Haft für die Vergewaltigungen seiner Tochter sowie eine lebenslange Haftstrafe für die fahrlässige Tötung des Neugeborenen. Er hatte bereits gestanden, das tote Baby verbrannt zu haben. Seiner Familie, den Nachbarn und den Behörden machte er weis, seine Tochter sei bei einer Sekte untergetaucht.

Tilgungsfristen verlängern

Die Behörden in Amstetten hatten bisher stets erklärt, ihnen seien keine Fakten bekanntgewesen, die dagegen sprachen, dass F. in den 90er Jahren drei Kinder adoptierte oder als Pflegekinder aufnahm. Die jetzt aufgetauchten Akten über die Vergewaltigung lagerten in den 90ern wegen der Verjährung bereits in einem Archiv. Den Behörden gaukelte er damals vor, seine weggelaufene Tochter Elisabeth habe die drei Kinder vor seiner Türschwelle abgelegt.

Österreichs Justizministerin Maria Berger hat sich am Freitag dafür ausgesprochen, die sogenannten Tilgungsfristen, nach denen Vorstrafen aus einem Register gelöscht werden, bei Sexualdelikten auf das Doppelte anzuheben. Bisher wurden Vorstrafen spätestens nach 15 Jahren automatisch gelöscht. Allerdings wies sie die Forderung nach schärferen Strafen in der Zeitung „Kurier“ vom Freitag zurück. „Die Strafrahmen gehen hier bis zu 15, 20 Jahre, bei Todesfolge bis zu lebenslänglich. Mehr als lebenslänglich ist nicht denkbar“, betonte die sozialdemokratische Politikerin.

Paparazzi und Katastrophentouristen

Das Krankenhaus, in dem Elisabeth und fünf ihrer Kinder behandelt werden, verstärkte seine Sicherheitsvorkehrungen. Zuvor hatten Fernsehteams und Fotografen versucht, zu der Familie vorzudringen. Für das erste Foto sollen hohe Summen geboten werden. Österreichische Medien berichteten, die Klinik setze nachts Wärmebildkameras ein, um Fotografen aufzuspüren, die auf Bäume am Rande des Klinikgeländes kletterten.

Der Inzest-Fall lockt inzwischen auch Katastrophentouristen nach Amstetten. Für die Stadt sei dies erschreckend, sagte Vizebürgermeisterin Ursula Puchebner am Freitag der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Reisende aus Deutschland würden die Autobahn extra verlassen, um einen Blick auf das „Horror-Haus“ zu werfen. „Die Motivation, die dahinter steht, ist nicht nachvollziehbar“.

Unterdessen wurde am Freitag die Tatortarbeit fortgesetzt. In den engen Räumen müssen die Kriminaltechniker aber häufig Pausen einlegen, da ihnen die Luft knapp wird. Ein Sprecher sagte, unter diesen Umständen werde die Arbeit noch Wochen in Anspruch nehmen. Am Freitag gaben die Ermittler immerhin bekannt, das Kellerverlies sei nicht nur durch eine, sondern durch zwei Stahltüren versperrt gewesen, die durch eine Funkfernsteuerung zu öffnen waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., Kronenzeitung, F.A.Z., REUTERS

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Die Türe des Verschlags war elektronisch gesichert

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Eine Amstettner Missbrauchschronik

In diesem Haus soll ein Vater seine Tochter 24 Jahre lang gefangen gehalten haben.

Im August 1984 wird ein elfjähriges Mädchen als „abgängig“ gemeldet. Knapp 24 Jahre später taucht Elisabeth F. wieder auf - mit einem erschütternden Bericht: Sie wurde vom eigenen Vater missbraucht und mit drei der sechs aus der Inzest entstandenen Kindern fast ein Vierteljahrhundert gefangen gehalten. Eine Chronik der Ereignisse. Von Reinhard Olt

Inzestfall von Amstetten

„Kinder können auch in Gefangenschaft gedeihen“

Schmaler Einstieg in das Verlies, in dem eine Frau 24 Jahre verbringen musste

Drei Kinder von Elisabeth F. haben ihr gesamtes bisheriges Leben im Keller verbracht. Doch selbst wenn das Angebot an Erlebnissen sehr beschränkt war, muss nicht mit irreparablen psychischen Schäden gerechnet werden. Körperliche Schäden sind indes durch Licht- und Bewegungsmangel sehr wahrscheinlich. Von Karin Truscheit

24 Jahre im Keller eingesperrt

Kampusch bietet Opfern von Amstetten Hilfe an

“Meine spontane Eingebung war, dass ich der Familie helfe, indem ich ihr finanziell helfe“

Natascha Kampusch, die selbst acht Jahre lang in der Gewalt eines Entführers leben musste, will im Fall der 24 Jahre lang eingesperrten Elisabeth F. und ihrer drei mit ihr eingesperrten Kinder helfen. Sie könne sich vorstellen, eine Ansprechpartnerin für die Familie zu sein und sie finanziell zu unterstützen, sagte sie.

Inzest

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In Sicherheit: Die missbrauchte Tochter ist jetzt im Krankenhaus in Amstetten

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Der Fall Amstetten lässt Fragen offen

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Wegen des Inzest-Falls in Amstetten plant Österreich längere Verjährungsfristen von Sexualstraftaten. Der inzwischen 73 Jahre alte geständige Täter Josef F. hatte bereits in den 60er Jahren wegen Vergewaltigung im Gefängnis gesessen. Unterdessen versuchen F.s Opfer, sich nach Jahren in dem von ihrem Peiniger errichteten Bunker an die Freiheit zu gewöhnen.

Amstetten

73-Jähriger gesteht Inzest

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