Folterprozeß

Daschner sieht sich als Opfer einer Kampagne

06. Dezember 2004 Wolfgang Daschner ist bis zum Schluß der Beweisaufnahme hart geblieben: Die Gewaltdrohungen der Polizei gegen den Metzler-Entführer Magnus Gäfgen sind in den Augen des Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten keine Folter, sondern „unmittelbarer Zwang“. Dieser sei der Polizei als letztes Mittel erlaubt, um das Leben eines Kindes zu retten, wiederholte der 61jährige am Montag vor dem Frankfurter Landgericht seinen Standpunkt. Die 27. Strafkammer will am 20. Dezember ihr Urteil in diesem beispiellosen Prozeß fällen.

Daschner beklagte in seiner letzten Wortmeldung, gegen ihn laufe seit 22 Monaten eine Kampagne, die irreparable Schäden auch in seiner Familie angerichtet habe. Die ganze Nacht zum 1. Oktober 2002 hatte sich der frühere Vize-Polizeipräsident nach eigener Darstellung das Hirn zermartert, wie man vier Tage nach der Entführung das Leben des kleinen Jakob von Metzler noch retten könnte. Seinen einmal gefaßten und später öffentlich verteidigten Entschluß, Gäfgen notfalls mit Gewalt zum Auspacken zu zwingen, hat er nach den Aussagen seiner Kollegen an der zuständigen Sonderkommission „Louisa“ vorbei durchgesetzt. Umstritten ist, wie intensiv der von Daschner direkt beauftragte und nun mitangeklagte Vernehmungsbeamte die Drohungen vorgetragen hat.

Daschner will grundsätzliche Entscheidung des Gerichts

Doch um solche Details geht es Daschner wohl nicht: Er will eine grundsätzliche Aussage des Gerichts, was er als Polizeiführer in der verzweifelten Situation durfte und was nicht. Aus diesem Grund hatte er bereits die Aktennotiz geschrieben, die das Verfahren und eine breite öffentliche Diskussion erst ermöglicht hat. Daschner sieht sein Vorgehen vom Polizeirecht gedeckt. Der Polizeivizepräsident ist wegen Verleitung zur schweren Nötigung unter Mißbrauch seiner Amtsbefugnisse und seiner Stellung als Amtsträger angeklagt, Ennigkeit wegen schwerer Nötigung.

Angesichts solcher Prinzipientreue blieb es seinem Verteidiger Eckart Hild überlassen, in den Details gegen den Nötigungsvorwurf der Staatsanwaltschaft anzugehen. Die Drohung sei noch keine konkrete gewesen, sondern erst eine Ankündigung, lautet eines seiner Argumente. Die tatsächliche Anweisung hätte Daschner nach dieser Lesart gar nicht mehr geben können, da wenige Minuten nach Gäfgens Geständnis der Polizeipräsident Harald Weiss-Bollandt aus dem Urlaub zurückgekehrt sei und die oberste Befehlsgewalt übernommen habe. Dem Behördenchef blieb eine Aussage im Prozeß erspart, da er zur fraglichen Zeit abwesend war.

Kein Hinweis auf Ministeriumsbeamten

Definitiv anwesend war hingegen der bedrohte Entführer und Mörder Magnus Gäfgen, der seine Anschuldigungen auch in direkter und erstmaliger Konfrontation mit Daschner aufrecht erhielt. „Kindermördern glaubt man nicht“ soll ihn schon der Vernehmungsbeamte eingeschüchtert haben, und auch Daschners Anwälte hielten dem inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilten Gäfgen Dutzende erwiesene Lügen vor, um dessen Glaubwürdigkeit zu erschüttern.

Die Spitzenbeamten der Frankfurter Polizei haben als Zeugen den Eindruck einer besonnenen Führungsriege erweckt, die gleichwohl der Entschlossenheit ihres Chefs nichts entgegenzusetzen hatte. Nach den Aussagen der neun im Vorfeld beteiligten Polizisten und des Polizeipsychologen Stefan Singer hat der Vizepräsident alle rechtlichen und psychologischen Bedenken ebenso wie alternative Ermittlungsansätze beiseite gewischt. Nur der ranghöchste Beamte, der Abteilungsdirektor Wolfram Ritter, sagte vor Gericht, daß er sich in einem ähnlichen Gewissenskonflikt wie Daschner befunden habe. „Er hat mir die Riesenlast genommen, vielleicht mit einem toten Kind leben zu müssen, weil ich nicht den Mut hatte, zu Potte zu kommen, um ein Menschenleben zu retten.“

Ungenannt blieb im Gerichtssaal der Name eines hohen Beamten im hessischen Innenministerium, mit dem sich Daschner am Vorabend des Verhörs besprochen haben will. Dabei sollen die Worte „Machen sie das! Instrumente zeigen!“ gefallen sein. Eine Aktennotiz nach Daschners Vorbild ist in Wiesbaden jedoch bisher nicht aufgetaucht.



Text: FAZ.NET mit Material von dpa, AP
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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