Überwachung

Der Kampf gegen Kriminalität beginnt auf dem Sofa

Überall lauern Kameras

Überall lauern Kameras

26. Mai 2006 Reality-Sendungen im Fernsehen sind eigentlich Schnee von gestern - aber nicht in London. In der britischen Hauptstadt macht derzeit eine ganz besondere Art von Rund-um-die-Uhr-Live-Sendung von sich reden: Im Stadtbezirk Shoreditch können die Einwohner neuerdings von der Wohnzimmercouch aus beobachten, was bei ihnen auf den Straßen so los ist.

Per Direktleitung werden die Aufnahmen von 400 öffentlichen Videokameras auf die Fernsehbildschirme von Shoreditch übertragen. Die kommunale Verwaltung will mit dieser vor wenigen Tagen gestarteten Aktion die Verbrechensrate senken. Eingängiger Slogan des Überwachungssystems: „Kämpfe vom Sofa aus gegen Kriminalität.“ Die Bilder der angeschlossenen Kameras wechseln alle 30 Sekunden.

„Die Polizei findet das wirklich gut“

Bewacht, überwacht, ausspioniert

Bewacht, überwacht, ausspioniert

Dazu bietet Shoreditch TV seinen 20.000 potentiellen Nutzern auch gleich noch eine Fotogalerie mit Namen und Konterfei all derjenigen, die wegen unsozialen Verhaltens oder kleinerer Delikte derzeit unter Polizeiaufsicht stehen. Wer also etwas Auffälliges sieht, kann gleich nachsehen, ob die beobachtete Person schon registriert ist. Unabhängig davon können die Sofa-Detektive jederzeit eine anonyme E-Mail an die örtliche Polizei schicken.

„Die Polizei findet das wirklich gut“, versichert Projektmanager Atul Hatwal. „Erstmals können die Menschen der Polizei helfen. Sie können sofort online melden, wenn irgendwo randaliert wird, jemand sein Auto falsch parkt oder sich einfach nur schlecht benimmt.“ Weniger positiv sehen Bürgerrechtler die Entwicklung. Schon jetzt ist London unbestritten die CCTV-Hauptstadt der Welt - dabei steht CCTV für „Close Circuit Television“.

Bürgerrechtsbewegungen sind kritisch

Geschätzte 300 Mal wird jeder Londoner pro Tag...

Geschätzte 300 Mal wird jeder Londoner pro Tag...

Geschätzte 300 Mal wird jeder Londoner pro Tag von Überwachungskameras aufgenommen, egal ob sie auf öffentlichen Plätzen stehen oder in Geschäften. Bisher konnten aber nur die Ladenbesitzer oder die Polizei die Aufnahmen sehen - das Sofa-TV geht darüber deutlich hinaus. „Letztlich kann jeder Einwohner seinem Nachbarn hinterherspionieren“, klagt die Bürgerrechtsbewegung Statewatch. „Das fördert rachsüchtiges Verhalten.“

Und die Menschenrechtsorganisation Liberty befürchtet, daß vor allem junge Leute immer wieder zur Polizei vorbestellt werden. Längerfristig werde es eine nicht zu kontrollierende Bürgermiliz geben, die per Fernsehen alles und jeden überwache. Diese Vorwürfe will die Mitte-links-Regierung von Shoreditch nicht gelten lassen. Die Kameras seien schließlich nur auf öffentliche Plätze und Straßen gerichtet, nicht auf Privatgrundstücke, sagt Hatwal. „Man sieht durch die Kameras nur Dinge, die man als normaler Fußgänger auch sehen würde.“

Text: AFP
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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