Augenzeuge des Amoklaufs

Der Mann mit dem Kamerahandy

Von Alfons Kaiser

Mit einem verzweifelten Lächeln im CNN-Interview: Jamal Albarghouti

Mit einem verzweifelten Lächeln im CNN-Interview: Jamal Albarghouti

17. April 2007 Wenn er nach Hause zurückgefahren ist, in den Nahen Osten, hat er immer wieder von den Vereinigten Staaten geschwärmt. Auf dem Campus seiner Universität, der Virginia Tech University, müsse man nicht einmal seine Wohnung und sein Auto abschließen - so sicher sei das Leben dort in Blacksburg. Jamal Albarghouti, Student der Virginia Tech University, erzählt die Anekdote im CNN-Interview mit einem verzweifelten Lächeln - denn gerade ist er Zeuge eines Gewaltaktes geworden, wie man ihn eher im Nahen Osten als auf einem Campus im Osten der Vereinigten Staaten erwartet.

„Ich dachte, es wäre wieder nur wegen der Bombendrohungen gewesen", berichtet Albarghouti über die Sekunden, als er, gegen 9.50 Uhr auf dem Weg zu einem Dozenten, vor der Norris Hall Polizisten sah - die Mail der Universität an alle Studenten, dass es Schüsse gegeben habe, hatte er noch nicht gelesen, von der ersten Tat am Morgen mit zwei Toten hatte er noch nichts gehört. Als ein Polizist mit einer Pistole ein Ziel suchte und seine Kollegen jedem zuriefen, sich hinzulegen oder wegzulaufen - „da wusste ich, dass dies etwas viel Ernsteres ist". Jamal Albarghouti bückte sich und zückte sein Nokia-N-70-Kamerahandy. Fast alle Sender spielten das Video am Montag und noch am Dienstag ab - und erreichten damit höhere Einschaltquoten als mit den eigentlichen Nachrichten.

27 Schüsse kann man hören

Die wackeligen Bilder allein sagen nicht viel: Hinter einem Parkplatz, auf dem ein weißer Pick-up-Wagen geparkt ist, stehen mehrere Polizisten vor einem Universitätsgebäude. Dass sie die Pistolen gezogen haben, erkennt man kaum. Aber der Ton sagt alles: 27 Schüsse kann man im Verlauf des Videos hören, dann am Ende noch einen lauten Knall, womöglich eine Tränengasgranate, und laute Schreie eines Polizisten, der Albarghouti befiehlt, das Weite zu suchen. Dann endet der Film. Jamal konnte noch beobachten, dass Polizisten sich an der Tür zur Norris Hall zu schaffen machten, die normalerweise geöffnet ist und nun verschlossen schien. Er konnte aber nicht erkennen, ob die Tür, wie Gerüchte besagen, mit einer Kette verschlossen war.

Jamal Albarghouti, Student des Hoch- und Tiefbaus in Blacksburg, ist mit dem Terror vertraut. Er wurde als Sohn palästinensischer Eltern im Westjordanland geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf - wo er, in der Hauptstadt Riad, einen Anschlag auf das Innenministerium aus der Nähe mitbekam. Seine Vorstellung von den Vereinigten Staaten, so macht er im CNN-Interview deutlich, lässt er sich durch einen solchen Amoklauf aber nicht zerstören: "Dies ist einer der schönsten Orte, an denen ich jemals war", sagt er - und fügt hinzu, dass Blacksburg in Virginia das auch bleiben werde.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CNN

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