06. April 2006 Eines der bekanntesten deutschen Gefängnisse besteht seit einem Jahrhundert: die Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, besser oder berüchtigter bekannt unter dem Namen Santa Fu. Die Vorgeschichte des Gefängnisses begann schon 1832, als der Hamburger Senat über ein neues Gefängnis nachdachte, denn die Überfüllung, unreine, übel riechende Arbeit und die verwerflichste aller Schlafeinrichtungen, Mangel vielfacher sanitärer Maßregeln wie der Genuß frischer Luft und Bewegung im Freien waren unhaltbare Zustände geworden.
Auch fehlte es an geschultem Aufsichtspersonal. Aber erst 1865 wurde ein Grundstück gekauft im Dorf Fuhlsbüttel, das damals noch zehn Kilometer vor der Stadt lag. 1879 endlich war das neue Centralgefängnis fertig. Heute ist es das Haus I. 1891 folgte das Frauengefängnis, heute Haus IV. 1892 das Jugendgefängnis, heute Haus III. Zwischen 1901 und 1906 wurde schließlich für knapp drei Millionen Reichsmark jenes Gebäude errichtet, in das zunächst 768 Strafgefangene mit ungeschärfter Haft oder Gefängnis mit bis zu zwei Jahren einzogen, das aber zum Inbegriff des Hamburger Strafvollzugs wurde.
Für dreißig Pfennige Englisch lernen
Santa Fu ist eigentlich ein Gebäudekomplex. Die Kirche bildet den Mittelpunkt, von dem vier Flügel abgehen. Auf dem Luftbild ein seltsames Insekt. Aus der Nähe ein Backsteinkoloß. Seinerzeit war es ein moderner Bau mit einer elektrischen Alarmanlage, Wasserspülklosetts und einer Niederdruckdampfheizung. Nur elektrisches Licht hielt der Senat für unnötig. Es kam erst 1921.
Zum Gefängnis gehörten ein Krankenhaus, eine Psychiatrie und eine Apotheke mit Röntgenapparat. Für dreißig Pfennige konnten die Insassen sonntags zwei Stunden lang Englisch lernen. Eine Bibliothek wurde eingerichtet, aus der vor allem Bücher über Auswanderungsländer und Kolonien gefragt waren. Auch ein Chor wurde gegründet, der einmal im Jahr in der Kirche auftreten durfte, begleitet von einem Orchester aus Justizbeamten. Fuhlsbüttel war eine kleine Stadt, die sich auch selbst zu versorgen hatte.
Und eigentlich ist es auch noch heute so: 22 Betriebe sind hier angesiedelt, darunter hauseigene wie Bäckerei, Schlosserei und Malerei, aber auch Firmen von außerhalb. Manche Vorschrift hat sich geändert. 1906 galt: Jeder Gefangene erhält für den Gebrauch innerhalb 24 Stunden drei Blatt Klosettpapier. Wer in Fuhlsbüttel eintraf, hatte sich dem Willkomm zu unterziehen. Er wurde auf eine Pritsche geschnallt und ausgepeitscht.
Das Gefängnis unter den Nationalsozialisten
In der Weimarer Republik aber wurde Strafvollzug nicht mehr als Vergeltung betrachtet, sondern als Erziehung. Die Zahl der Gefangenen stieg so rasch wie die Einwohnerzahl Hamburgs. Schon lag das Gefängnisgelände mitten in der Stadt. Es sollte aufgegeben werden. Der Machtantritt der Nationalsozialisten verhinderte das. Santa Fu wurde ein von der SS geführtes Konzentrationslager, später ein Gestapo-Gefängnis. Kola-Fu wurde es genannt. Mehr als 250 Frauen und Männer starben. Im Torhaus der Anstalt erinnert heute eine Ausstellung an diese Zeit.
Seit den sechziger Jahren wurde immer wieder an- und umgebaut. Alle vier Flügel von Santa Fu bekamen ein zusätzliches Stockwerk. Seit Mitte der neunziger Jahre werden nach und nach alle Flügel umgebaut. Gerade fertig ist der B-Flügel, den der soeben ins Amt gekommene Hamburger Justizsenator Carsten Lüdemann (CDU) an diesem Freitag eröffnen wird - zusammen mit einer Ausstellung in der Kirche über die Geschichte von Santa Fu.
Meutereien
Dort wird auch nicht verschwiegen, was Santa Fu immer wieder in die Schlagzeilen brachte. Nicht nur nahm die Zahl der Insassen immer mehr zu, es häuften sich auch die Drogenprobleme. Zudem stieg die Zahl der ausländischen Gefangenen in den vergangenen Jahren um das Fünffache. 1972 kam es in Santa Fu zu einer Meuterei, bei der zwei Dutzend Insassen auf das Dach gelangten. Die Justizbehörde kündigte damals Veränderungen an. Das Haus wurde nach innen geöffnet. Es gab fortan eine Gefangenenvertretung. Die Gefangenen durften das Licht abends löschen, wann sie wollten. 1990 kam es abermals zu einer Meuterei. Wieder kletterten Insassen über selbstgebaute Leitern auf das Dach.
Zwei Jahre später gelang zwei Gewaltverbrechern eine spektakuläre Flucht. Sie sägten die Fenstergitter auf, seilten sich aus dem fünften Stock ab und entkamen bei dichtem Nebel über die Gefängnismauern. Seitdem wird der Gefängniskomplex mit Videokameras überwacht. Zuletzt hatte es Weihnachten 2003 Proteste von Gefangenen gegeben, woraufhin der damalige Justizsenator Roger Kusch die ungehinderte Bewegungsfreiheit innerhalb des Geländes unterband. Im eigentlichen Santa Fu sitzen zur Zeit 330 Gefangene, und zwar jene, die man harte Jungs nennt. Sie alle haben Haftstrafen länger als vier Jahre zu verbüßen. In der gesamten Justizvollzugsanstalt sind es etwa 800 Insassen.
Text: F.A.Z., 07.04.2006, Nr. 83 / Seite 10
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