Inzestfall von Amstetten

Eine ganze Familie im Verlies

Von Reinhard Olt, Wien

28. April 2008 Die Aufklärung des Kriminalfalls, der Österreich und die Welt erschüttert, begann vor neun Tagen. Die 19 Jahre alte Kerstin F. erschien wie aus dem Nichts schwerstkrank vor dem Wohnhaus der Großeltern. Das Mädchen hatte einen handgeschriebenen Brief bei sich, in dem seine leibliche Mutter Elisabeth F. um Hilfe für ihre Tochter bat. Das Mädchen wurde ins Landesklinikum gebracht. Die Ärzte konnten ohne Krankengeschichte kaum zur angemessenen Therapie der komatösen Patientin schreiten. Also setzten die Behörden eine Suchaktion nach der seit Jahren im Sektenmilieu geglaubten Mutter Elisabeth F. in Gang, in die auch die Medien eingeschaltet wurden.

Urplötzlich erschien Elisabeth F. am Samstagabend an der Seite ihres 73 Jahre alten Vaters in der Nähe des Klinikums - laut ORF hatte sie ihren Vater so lange bedrängt, bis er mit ihr zum Krankenhaus fuhr. Aufgrund einer bei der Polizei eingegangenen vertraulichen Mitteilung wurden beide zur Polizeiinspektion Amstetten gebracht. Dort machte die Frau bei der Befragung einen verstörten psychischen und einen auffälligen physischen Eindruck. Nach einem längeren Gespräch und der Zusicherung, dass es nicht mehr zu einem Kontakt mit dem Vater komme und auch für ihre Kinder gesorgt werde, war sie zu einer umfassenden Aussage bereit - und nach und nach wurde in der Nacht zum Sonntag das unvorstellbare Martyrium der Kerstin F., ihrer Mutter Elisabeth F. sowie weiterer Geschwister aufgedeckt.

Ihr Leben lang mit der Mutter eingesperrt

Der kaum fassbare Missbrauchs- und Inzestfall trug sich in der Kleinstadt Amstetten (24.000 Einwohner) im Bundesland Niederösterreich zu. Es begann schon am 28. August 1984, als das Mädchen, das schon seit seinem elften Lebensjahr vom Vater wiederholt sexuell missbraucht worden war und mit 16 Jahren einmal von zu Hause ausgebrochen war, vom Vater in den Keller des Hauses gelockt wurde. Dort betäubte er Elisabeth, legte ihr Handschellen an und sperrte sie in einen Raum. Am nächsten Tag meldete er sie als „abgängig“. Aus einem Brief, der etwa einen Monat nach ihrem Verschwinden auftauchte, ging die angebliche Bitte der damals Achtzehnjährigen hervor, nicht nach ihr zu suchen. Man nahm als gegeben an, das Mädchen könne sich bei einer Sekte aufhalten. Die Wahrheit war grausamer: Der Vater hielt seine Tochter bis zum vergangenen Wochenende in einem Keller eingesperrt und missbrauchte sie fortwährend sexuell - wobei er bei seinem Geständnis am Montag darauf bestand, er habe bei dem Inzest keine Gewalt angewendet.

In den vergangenen 24 Jahren gingen aus dem erzwungenen Geschlechtsverkehr sieben Kinder hervor. Die Außenwelt erfuhr davon indirekt. Denn am 19. Mai 1993 legte die angeblich vermisste Tochter nach Angaben des Vaters das neun Monate alte Mädchen Lisa auf der Türschwelle zu dem Mehrparteienhaus der Familie ab. Bei dem Kind lag ein handschriftlicher Brief der Vermissten, in dem sie erwähnte, schon eine Tochter und einen Sohn zu haben, so dass kein Platz für ein weiteres Kind sei; nach Behördenangaben wurde das Schreiben graphologisch untersucht, die Handschrift sei eindeutig Elisabeth F. zugeordnet worden. Bei den erwähnten vorher geborenen Kindern handelt es sich, wie sich nun herausstellt, um die Tochter Kerstin, jetzt 19, und den Sohn Stefan, jetzt 18 Jahre alt. Die beiden waren ihr Leben lang mit der Mutter in dem Keller eingesperrt.

Für die Ehefrau sei eine Welt zusammengebrochen

Auch die Tochter Monika, jetzt 14, im Alter von zehn Monaten unter den selben Umständen und wiederum mit einen Brief der Mutter mit einer vermeintlichen Bitte um Unterstützung in dem Haus gefunden, wird von dem Ehepaar aufgenommen. „Durch vorgespielte Kindesweglegung“ (so das Protokoll im Amtsdeutsch) werden die Kinder als Adoptiv-, respektive Pflegekinder von den Großeltern angenommen und behördlich registriert. Nach Angaben aus der Umgebung wuchsen die Kinder unbeschwert im Wohnhaus über dem Verlies auf und besuchten regulär die Schule. Laut Polizei sind sie „bestens erzogen“.

Und schließlich brachte Elisabeth F. 1996 Zwillinge zur Welt, so sagte sie in ihrer Einlassung. Beide hätten gelebt. Mangels ausreichender Versorgung sei das eine der beiden Kinder einige Tage nach der Geburt verstorben. Ihr Vater habe den toten Körper aus dem Keller entfernt und verbrannt. Josef F. gestand am Montag, dass er den Leichnam eines Neugeborenen im Heizofen seines Wohnhauses verbrannte. Der überlebende Sohn Alexander, heute 12, wurde im Alter von 15 Monaten im August 1997 gefunden; auch in diesem Fall legten die Großeltern ein Schreiben ihrer Tochter vor. Auch dieser Junge blieb bei den Großeltern. Der heute fünf Jahre alte Sohn Felix hingegen blieb bei seiner Mutter im Verlies.

Insgesamt drei Kinder also - Kerstin, Stefan und Felix - verbrachten ihr gesamtes bisheriges Leben in dem Versteck. Bis zu ihrer Befreiung sollen sie noch nie Tageslicht gesehen haben. Die Großmutter sowie ihre Enkel Lisa, Alexander und Monika in der Wohnung über dem Keller bekamen angeblich von den Vorgängen nichts mit. Der Keller habe als „tabu“ gegolten. Josef F. habe habe seiner Familie verboten, den Keller zu betreten. Es sei seine Werkstatt, gab er vor. Er selbst begab sich jeden Abend in den Keller und brachte seinen Kindern und Enkeln Kleidung und Essen. Seine Frau, Rosemarie F., habe keine Ahnung gehabt, was vor sich gehe, sagte der Amstettener Bezirkshauptmann Hans Lenze am Montag - zumal da sich ihr Mann, wie Nachbarn bestätigen, auch um seine heute erwachsenen sieben Kinder mit seiner Frau gut kümmerte. Für Rosemarie F. sei eine Welt zusammengebrochen.

Mit beispielloser krimineller Energie

Als die Entdeckung drohte, holte Josef F. seine Tochter sowie deren und seine Söhne aus dem Keller-Verlies und erklärte seiner Frau, Elisabeth F. sei mit den beiden Kindern nach Hause gekommen. Elisabeth F. sagte aus, sie und die Kinder seien ausschließlich vom Vater mit Nahrung und Kleidung versorgt worden. Seine angetraute Frau habe von aller Gefangenschaft nichts gewusst und damit auch nichts zu tun. Sie und alle Opfer des Dreiundsiebzigjährigen wurden zur stationären psychologischen Betreuung in die Landesnervenklinik Amstetten-Mauer gebracht, dort abgeschirmt und psychologisch betreut. Elisabeth F. ist laut Polizei in sehr schlechter Verfassung. Sie wurde als „extrem bleich“ und „fahl“ beschrieben. DNA-Tests sollen nun Aufschluss über die Vaterschafts-, Kindschafts- und Verwandtschaftsverhältnisse bringen. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen, von der Polizeistation in Amstetten ins Landesgericht St. Pölten überstellt und dort dem Haftrichter vorgeführt. Er legte am Montag ein umfassendes Geständnis ab.

Seit Sonntagabend, als in dem zunächst mit beispielloser krimineller Energie sowie List und Tücke im Verborgenen gehaltenen Fall Klarheit einkehrte, untersucht die Polizei das Versteck. Zu erreichen war es über einen kleinen Einstieg hinter einem Regal. Versperrt war das fensterlose Verlies mit einer massiven Stahlbetontür. Sie sei mit einem Elektromotor versehen und nur per Fernbedienung mit Zahlencode zu öffnen gewesen. Durch einen etwa fünf Meter langen Gang und einen kleinen Durchlass gelangt man in ein etwa 1,70 Meter hohes Zimmer. Die drei Räume und ein kleiner Vorraum im Ausmaß von fünfzig bis sechzig Quadratmetern seien sehr schmal, gab die Staatsanwaltschaft St. Pölten am Montag bekannt. Sie seien aber „wie eine Wohnung eingerichtet“. Sanitäre Einrichtungen und eine Kochnische sind vorhanden. Zwei Schlafräume mit zwei Betten sind von Kinderhand mit Sternen und kleinen Zeichnungen geschmückt. Zudem befinde sich eine Gummizelle in dem Keller. Ein Fernsehgerät mit einem Videorekorder und ein Radio waren für Elisabeth F. und ihre Kinder offenbar die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Wie konnte der Fall möglich sein?

Ein verwahrlostes graues Haus hinter meterhohen Hecken und Büschen, mit verhangenen Fenstern und heruntergelassenen Rollläden: So stellte sich der überirdische Tatort des Martyriums der Elisabeth F. dar. Der 73-Jährige werde weiter einvernommen, so Oberst Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamts (LKA) Niederösterreich. Polzer wies darauf hin, dass in dem Fall „alles überprüft“ werde, auch ob Josef F. für weitere Straftaten in Frage komme. Man stehe jedoch erst am Anfang.

Schon am Sonntagabend hatten Innenminister Günther Platter und Franz Lang, Leiter des österreichischen Bundeskriminalamts, der obersten polizeilichen Ermittlungsbehörde, um die nötige Rücksichtnahme ersucht. In Verdachtsfällen häuslicher oder sexueller Gewalt möge man „hinschauen, nicht wegschauen“, sagte Platter. Die Gesellschaft müsse wachsam sein, die Polizei brauche Partner. Die Kinder des Missbrauchsopfers solle man „in Ruhe lassen“.

Wie der Fall möglich sein konnte? Lang wies auf die perfekte Legende hin, die der Tatverdächtige aufgebaut hatte. Im Jahr gebe es in ganz Österreich „rund tausend Abgängigkeitsmeldungen, von denen zwei Prozent mit vielen Fragezeichen“ übrig blieben. Ermittlungen zu Vermissten seien schwierig, gelte es doch, tief in die Privatsphäre einzudringen. „Völlig neu“ in diesem Fall, so Lang, seien die von der Eingesperrten offenbar unter Zwang eigenhändig verfassten Briefe. Die Schreiben dienten dem Verdächtigen als „Legitimierung“ für die Legende des Untertauchens der Tochter sowie der „Abgabe“ ihrer Kinder im Elternhaus. Was von der Polizei unternommen wurde, nachdem die Kleinkinder seinerzeit „gefunden“ worden waren, „werden wir uns genau anschauen müssen“, sagte Lang.

„Ein perfektes Doppelleben“

Die Ermittlungen würden bis 1984 und noch weiter zurückgeführt. Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze - Chef des Verwaltungsbezirks Amstetten - berichtete, der Tatverdächtige habe eine elektrotechnische Ausbildung genossen und sei früher Unternehmer gewesen. Es habe zwei Verfahren in anderen Delikten gegeben, die jedoch mit dem Fall nichts zu tun hätten und bereits verjährt seien.

Die Räume im Keller seien perfekt getarnt gewesen: ein mit Dosen, Einmachgläsern und allerlei anderen Gegenständen gefülltes massives Regal habe sich vor der elektronisch gesicherten Stahlbetontür befunden. Nach dem vermeintlichen „Untertauchen“ der heute 42 Jahre alten Elisabeth F. hätten die Behörden Nachforschungen angestellt, ebenso einige Jahre später nach Auffinden der Kinder: ohne Ergebnis. „Wer soll auf die Idee kommen, dass die leibliche Mutter im Keller eingesperrt ist?“ Der Verdächtige habe „ein perfektes Doppelleben geführt“, sagte Lenze am Montag am Tatort in Amstetten. Trotzdem bleiben Fragen: Wie konnte Josef F. das Verlies geheim halten? Wie versorgte er sie unbemerkt? Wie fanden die Hausgeburten statt, wie wurden die Säuglinge versorgt? Zwar sei der Tatverdächtige als „vital und umtriebig“ bekannt, sagte Polzer. Doch es werde zu fragen sein, wie es Josef K. geschafft habe, „diese Belastung durchzustehen“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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