Von Katja Gelinsky, Washington
07. November 2009 Warum richtete Nidal Malik Hasan ein Massaker auf dem texanischen Militärstützpunkt Fort Hood an? Die Ermittler wollen zunächst nichts dazu sagen, warum der 39 Jahre alte Militärpsychiater überschnappte. Umso stärker schießen Spekulationen ins Kraut. Da mag Präsident Barack Obama noch so eindringlich vor voreiligen Schlüssen“ warnen. Bislang kennt man nur Bruchstücke aus dem Leben des Heeresmajors, der am Donnerstag auf dem größten Militärstützpunkt der Vereinigten Staaten 13 Menschen erschoss und mindestens 38 verwundete.
Hasan stammt aus einer palästinensischen Familie. Die Eltern wanderten in den sechziger Jahren aus dem Westjordanland in die Vereinigten Staaten ein und führten als kleine Geschäftsleute eine bescheidene Existenz. Hasan wurde als einer von drei Brüdern in Virginia geboren. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er im Großraum Washington. Durch den Eintritt ins Militär finanzierte er sich die Ausbildung, angeblich gegen den Willen seiner Familie. Er studierte zunächst Biochemie, dann Medizin. Darauf folgte noch die Ausbildung zum Psychiater. Mehrere Jahre war er am Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Bethesda tätig. Hasan behandelte Soldaten, die aus Irak und Afghanistan heimgekehrt waren. Hasan selbst wurde vor einigen Monaten nach Fort Hood versetzt. Von den 40.000 dort stationierten Soldaten hat etwa die Hälfte im Irak oder in Afghanistan gedient. Mehr als 500 sind gefallen, so viele wie von keinem anderen amerikanischen Militärstützpunkt.
Sein schlimmster Albtraum
Auch Hasan sollte demnächst nach Afghanistan geschickt werden. Angeblich eine Horrorvorstellung für den Militärpsychiater. Glaubt man einem Cousin des Todesschützen, hatte der Major jahrelang panische Angst, selbst nach Afghanistan oder in den Irak abkommandiert zu werden. Wir wussten seit fünf Jahren, dass das wahrscheinlich sein schlimmster Albtraum war“, sagte Nader Hasan in einem Interview.
Angst vor dem Krieg, Probleme im Job und mit Kameraden – indirekt schiebt Hasans Familie dem Militär einen Teil der Schuld daran zu, dass er Amok lief. Bei einigen Verwandten hatte sich der Todesschütze angeblich darüber beklagt, dass er nach 9/11“ als gläubiger Muslim beim Militär diskriminiert worden sei. Am liebsten hätte er den Dienst quittiert, aber das Heer hatte seine Ausbildung finanziert und großen Bedarf an Psychiatern. Geh bloß nicht zum Militär“, riet Hasan angeblich seinem 18 Jahre alten Islamschüler Duane Reasoner zwei Tage vor dem Amoklauf. Solche Berichte werfen natürlich Fragen auf: Wie konnte es sein, dass ein Militärpsychiater, der offenbar selbst nicht in guter seelischer Verfassung war, zur Behandlung von Soldaten nach Afghanistan geschickt werden sollte, zumal Hasan angeblich noch schlechte berufliche Beurteilungen bekommen hatte? In der Politik sind denn auch erste kritische Stimmen zu möglichen Versäumnissen zu hören. Lange vor dem Amoklauf gab es immer wieder alarmierende Meldungen darüber, wie die Einsätze im Irak und in Afghanistan den Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte seelisch zusetzen. 117 Soldaten haben sich in diesem Jahr das Leben genommen. Von den Soldaten in Fort Hood haben sich seit Beginn des Afghanistan-Krieges 2001 mindestens 75 umgebracht.
Die neue Heldin Amerikas
Aber wenn Hasan lebensmüde war, wieso richtete er dann ein Blutbad unter seinen Kameraden an? War der Militärpsychiater ein verkappter Extremist, ein religiöser Fanatiker und Terrorist? Seine Familie bestreitet das vehement. Nach dem Tode der Eltern habe er zunehmend Trost im Islam gesucht, das schon. Aber mit Politik hatte das nichts zu tun“, sagte der Cousin Mohammed Hasan der New York Times“. Auch Muslime, die in Virginia, Maryland und Texas gemeinsam mit dem Heeresmajor die Moschee besucht haben, bemerkten nach den Recherchen der Zeitung keine extremistischen Tendenzen. Doch im Internet hat der Militärpsychiater angeblich Selbstmordanschläge gutgeheißen. Allerdings weiß man noch nicht, ob die Einträge, über die das FBI auf den Heeresmajor aufmerksam wurde, tatsächlich von Hasan stammen. Die These vom antiamerikanischen, religiös radikalisierten Selbstmordattentäter erhält weiter Nahrung durch Berichte, Hasan habe mit dem Schlachtruf Allahu Akbar“ auf seine Kameraden gefeuert.
Dass die Tragödie nicht noch schlimmere Ausmaße erreichte, ist entscheidend Kimberly Denise Munley zu verdanken. Sergeant Munley, Mitte dreißig, zierlich, blond und sportlich, ist die neue Heldin Amerikas. Als die Polizistin über Funk von dem Amoklauf hörte, eilte sie zu Hilfe und streckte Hasan nieder. Da hatte sie nach Angaben des Militärs selbst schon Schusswunden an Händen und Beinen erlitten, die der Amokläufer ihr zufügte. In Fort Hood, so Präsident Obama, habe man das Schlimmste“ gesehen, was Menschen anrichten können, aber auch das Beste von Amerika“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP