11. Januar 2006 Am 7. Februar des vergangenen Jahres gegen 21 Uhr tötete Ahyan Sürücü seine 23 Jahre alte Schwester Hatun, auch Aynur genannt, mit drei Schüssen ins Gesicht auf offener Straße. Am ersten Verhandlungstag im Ehrenmord-Prozeß legte er ein Geständnis ab.
Er ist 19, daher findet das Verfahren vor einer Jugendkammer des Berliner Landgerichts statt. Ayhan sitzt nicht allein in Untersuchungshaft und auf der Anklagebank. Seine älteren Brüder Mutlu und Alpaslan sind auch des Mordes angeklagt. Mutlu soll die Waffe besorgt, Alpaslan soll Schmiere gestanden haben. Die beiden bestreiten, von der Tat vorher gewußt, sie gemeinsam geplant und den Bruder darin unterstützt zu haben, die Schwester umzubringen, weil ihr freizügiger Lebensstil die Familienehre beflecke. Zu Prozeßbeginn ließen die Brüder ihre Verteidiger Erklärungen vortragen. Darin distanzierten sie sich so weit wie möglich von der Tat. Ayhan, der Schütze, sagte, jetzt sehe er, daß er mit den Schüssen seine Familie zerstört, seinem Neffen die Mutter und seinen Brüdern die Freiheit genommen habe.
Der Familie Sürücü traut man vieles zu
Wenn das ein Ehrenmord war, dann fehlt ihm ein wichtiges Element: die Öffentlichkeit, vor der die Täter die vermeintlich verletzte Ehre demonstrativ wiederherzustellen suchen. Diese Täter brüsten sich der Tat in keiner Weise. Der 25 Jahre alte Alpaslan nennt die Vorstellung absurd, er könne an einem Familienkomplott gegen Aynur mitgewirkt haben. Der 26 Jahre alte Mutlu nennt Ayhan, den Täter, unreif. Einen Antrag auf Haftverschonung der mitangeklagten Brüder lehnte die Kammer jedoch ab. Seit fast einem Jahr sitzen die drei in Untersuchungshaft. Die meisten Beobachter vermuten, daß am Ende nur der Schütze verurteilt werden wird.
Der Familie Sürücü traut man vieles zu. Der Fall hat Aufsehen erregt, er wurde sofort als typisch für ein bestimmtes Einwanderermilieu angesehen. Die Berliner CDU nahm ihn zum Anlaß, verbindlichen Religionsunterricht für die Berliner Schulen zu fordern, die Grünen verlangten ein eigenes Aufenthaltsrecht für ausländische Ehefrauen. Zwei Geschwister treten als Nebenkläger im Verfahren auf, lassen sich jedoch nicht als Zeugen befragen. Die Hauptzeugin ist Melek, die Freundin von Ayhan, dem Schützen. Alpaslan fühlt sich von ihr leichtfertig zum Mörder gestempelt: Ich krieg' lebenslänglich und du ,hast den Eindruck', schrie er sie an, nachdem sie dreimal bekräftigt hatte, Alpaslans Einstellung zum kleinen Bruder nach der Tat sei ihr bewundernd erschienen. Zur Pressebank rief er: Ihr seid die größten Arschlöcher! In gewisser Weise hat er recht. Über die Familie Sürücü wurde alles mögliche geschrieben und gemutmaßt, was man sich gegenüber anderen mutmaßlichen Tätern versagt hätte. Der Frankfurter Soziologe Werner Schiffauer sagte, mit dem Etikett Ehrenmord klebe man eine komplexe soziale Realität um und bediene die Lust am Schaudern. Die Verteidigung will Schiffauer als Sachverständigen hören.
Die Familie brach ihr Schweigen
Mutlu hat bislang im Verfahren keine Rolle gespielt. Man weiß von ihm, daß er fromm ist. Mit seinem Bart und seinen langen Haaren paßt er zur stereotypen Wahrnehmung eines undurchsichtigen Fundamentalisten. Von Kontakten Mutlus und seiner Brüder zu vermeintlich islamistischen Moscheegemeinden, auch zu Kaplan, war die Rede. Bislang ist daraus keine Spur geworden, die zur Tataufklärung beitragen könnte.
Für Alpaslan aber brach die Familie ihr Schweigen. Seine Ehefrau, von der er sich getrennt und mit der er sich kurz vor der Tat wieder versöhnt hatte, und deren Bruder sagten für ihn aus, um sein Alibi zu stärken. Die Angeklagten selbst lassen sich nicht befragen, sie machen gelegentlich Zwischenrufe. Nicht einmal der im Westen Deutschlands lebende Bruder, der Jura studiert, sagte aus. Die Eltern traten auf, sagten aber nichts. Auch die Geschwister sagen nichts - obwohl die 15 Jahre alte Schwester Songül häufig vom Zuschauerraum und die 22 Jahre alte Arzu von der Nebenklägerbank aus dem Verfahren folgen.
Uhr als Belohnung
Eines Tages aber lud die Familie überraschend die Presse in ein Cafe ein. Der 64 Jahre alte Vater Kerem Sürücü, der seit mehr als dreißig Jahren in Berlin lebt, schlecht Deutsch spricht und zur Tatzeit in der Türkei war, beteuerte, die Familie habe mit dem Mord nichts zu tun. Viele sind geneigt, das nicht zu glauben. Weil die Familie nicht spricht, wird über sie viel gesprochen: Es sei üblich, daß der Jüngste solche Ehrenmorde begehe, der Auftrag werde vom patriarchalischen Vater über die Brüder an ihn delegiert, der noch jung sei, wenn er aus dem Gefängnis kommt. In einem Artikel wurde sogar angedeutet, Arzu könnte in die Tat verstrickt sein. Arzu ist sichtlich wütend, wenn ihre vormals beste Freundin Melek, die sie vor dem Mord nicht ins Vertrauen gezogen hat, gegen ihre Brüder aussagt. Einen Tag vor dem Mord habe sie ihre Schwester, das Opfer, noch einmal der Mutter zugeführt: Sie kam mit Arzu, und sie ging mit Arzu, hieß es beziehungsreich.
Immer wieder wird insinuiert, die Sürücüs könnten alle unter einer Decke stecken. So schenkte der Vater seinem Sohn Ayhan nach der Tat eine goldene Uhr. Die Ermittler faßten das als Belohnung für den Mord an der Schwester auf. Ich schenk' sie dir, es ist 'ne Billiguhr! rief Ayhan wütend, als die Sprache darauf kam. Den Familienbezug hatte Ayhan, der Schütze, allerdings selbst hergestellt: Er wolle, anders als seine Brüder, seinen Vater nicht enttäuschen.
Wer war Hatun?
Das ist verständlich. Was das fromme Ehepaar Sürücü aus Ostanatolien in seiner Familie erlebt hat, seit es in Kreuzberg lebt, wünscht man keiner Familie: Einer der älteren Brüder saß, während Hatun ermordet wurde, wegen Drogenhandels im Gefängnis. Gegen Mitglieder der Familie ist wegen des Verdachts des sexuellen Mißbrauchs an Hatun ermittelt worden; die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt. Wie es sich damit verhält, konnte im Mordprozeß nicht geklärt werden. Vage blieben die Aussagen von Hatuns Freunden dazu. Alpaslan hat Vorstrafen. Der Jurastudent hat den Kontakt abgebrochen. Die drei des gemeinschaftlichen Mordes an ihrer Schwester Angeklagten jobbten in Internet-Cafes. Hatun war also keineswegs das schwarze Schaf der Familie; sie war eines der schwarzen Schafe. Ayhan aber wollte alles richten. Er war seinen Neffen ein guter Onkel, spielte mit ihnen, er mißbilligte den Umgang seiner Schwester mit Kriminellen und Drogenhändlern, wie er sagt.
Sie sei umgebracht worden, weil sie wie eine Deutsche leben wollte, hieß es über sie, die Aynur (Mondstrahl) genannt wurde. Sie war eine spektakuläre Erscheinung. Doch wie sie wirklich war, weiß man auch nach vielen Zeugenaussagen nicht. Das Bild bleibt widersprüchlich. Ihren Lebensstil deutsch zu finden erfordert Kühnheit. Die einen sagen: Sie war selbstbewußt, fröhlich, sexy, gepierct, unbeschwert, extrovertiert, eine tolle Mutter, bestens in die deutsche Gesellschaft integriert. Sie wurde aufwendig betreut, erst in einem Mutter-Kind-Heim, dann in der Werkstatt, wo sie zur Elektrikerin ausgebildet wurde, nachdem sie aus der arrangierten Ehe mit einem Cousin in der Türkei ausgebrochen war. Ayhan berichtet, sie habe ihm noch auf der Straße, wo er sie erschossen habe, gesagt: Ich ficke, wen ich will.
Die eigentliche Heldin ist Melek
Die anderen sagen: Sie lebte in ständiger Angst, ahnte, daß sie sterben würde, sie war fromm, gegenüber ihren vielen Freunden und Nachbarn blieb sie verschlossen und ließ niemanden an ihren Sorgen teilhaben. Sie habe kurz vor der Versöhnung mit ihrer Familie gestanden. Ihren letzten Liebhaber, einen verheirateten Mann, hätte sie gern im Elternhaus in einer islamischen Zeremonie zum Mann genommen. Eine ihrer Betreuerinnen berichtete, zwischen Jungen und Männern und Hatun habe es Mißverständnisse massenweise gegeben. Das sei typisch für mißbrauchte Frauen, die einerseits distanzlos auf Männer zugingen und Nähe andererseits schroff als Übergriff ablehnten. Dreimal war die 23 Jahre alte Hatun verheiratet. Eine Ehe war das, was man Zwangsehe nennt, mit einem Verwandten in der Türkei, mindestens eine Ehe war offenbar eine Scheinehe, die sie gegen Geld eingegangen war.
Die Heldin dieses Prozesses ist eine andere junge Frau, Melek, die Freundin von Arzu und Ayhan Sürücü, die Hauptzeugin. In gewisser Weise ist auch sie ein Opfer. Als sie am Samstag nach dem Mord mit Ayhan zur Polizei ging, der als Zeuge, noch nicht als Beschuldigter vernommen werden sollte, sagte sie in der Hauptsache die Wahrheit und log nebenbei ein bißchen. Aber sie ertrug es nicht, einen Schwestermörder zu lieben und zu decken, sie bekam Angst. Das ermöglichte ihr, sich von der Familie zu distanzieren, die sie zweimal verführt hatte. Erst lehrte Arzu Sürücü ihre Freundin Melek die Liebe zum Islam. Diese legte gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Mutter das Kopftuch an. Tage vor dem Mord wurde sie Ayhans Freundin, die demütig stumm blieb, wenn dieser Mädchen unflätig beschimpfte, deren Aufmachung ihm nicht gefiel. Du bist ja jetzt 'n richtiger Killer, sagte Alpaslan zu Ayhan. Melek hörte Anerkennung heraus und fürchtete sich. Ihre Mutter überzeugte sie, noch einmal zur Polizei zu gehen und alles zu sagen. Seither leben beide Frauen im Zeugenschutzprogramm der Polizei. Der Prozeß wird an diesem Donnerstag fortgesetzt.
Text: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 9
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