Ehrenmordversuch

Sie sollte sein Eigentum bleiben, bis zum Schluss

Von Rüdiger Soldt, Baden-Baden

Aylin Korkmaz: 26 Mal stach der Ehemann zu, noch zehn Operationen hat sie vor sich

Aylin Korkmaz: 26 Mal stach der Ehemann zu, noch zehn Operationen hat sie vor sich

31. Juli 2008 Als die Polizisten zur Raststätte kommen, sehen sie eine blutüberströmte Frau am Boden liegen. Es ist Aylin Korkmaz. Zunächst glauben die Polizisten, die Frau sei tot. Erst als die schwer verletzte Frau ihre Hand bewegt, alarmieren sie den Notarzt. „Mann sticht Ex-Frau nieder“ steht am nächsten Tag über einer Meldung der Lokalzeitung. Doch hinter der Meldung verbirgt sich das, was in Deutschland angeblich 70 Mal im Jahr passiert und was man unjuristisch in diesem Fall einen „Mordversuch im Namen der Ehre“ nennen muss.

Aylin Korkmaz ist Kassiererin. Am 21. November 2007 arbeitet sie wie gewöhnlich in einer Raststätte in der Nähe von Baden-Baden. Sie schmiert Brote, schenkt Kaffee ein. Normalerweise ist sie umgeben von zahlreichen Männern – Truckern, die Kaffee bestellen, oder Mitarbeitern, die Tankrechnungen ausstellen. Gegen 18 Uhr macht Aylin Korkmaz eine Pause, sie liest Zeitschriften, als plötzlich ein Mann mit einem Messer in das Hinterzimmer stürmt.

Die Ehe ist „arrangiert“ und bleibt unglücklich

Sie kennt ihn gut. Es ist ihr früherer Ehemann Mehmet K. Die 1972 in der türkischen Großstadt Adana geborene Frau wird mit 18 Jahren von den Eltern und Verwandten gezwungen, den kurdischstämmigen Türken Mehmet K. zu heiraten. Mit 24 Jahren hat sie drei Kinder. Die Ehe ist „arrangiert“ und bleibt unglücklich. Der Bildungsunterschied zwischen den Eheleuten ist groß. Sie hat Abitur, er Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. Als Beruf gibt er „Kellner“ an.

Mit den Jahren wird Mehmet K. immer gewalttätiger. „Ich werde dir den Kopf abschneiden“, soll er einmal gesagt haben. 1998 flüchtet Aylin vor ihrem Mann und lebt für eine Zeit in der Türkei. 2002, das Paar lebt wieder zusammen in Deutschland, verprügelt er seine Frau während der Fastnachtszeit am „schmotzigen Donnerstag“ in einer Kneipe, sie bleibt blutend auf einer Sitzbank liegen. Kurze Zeit später reicht Frau Korkmaz die Scheidung ein. Doch Mehmet K. lässt seine frühere Frau nicht in Frieden.

Beim Heimatbesuch spitzen sich die Dinge zu

Im Herbst 2007 spitzen sich die Dinge dramatisch zu. Mehmet K. soll sich für längere Zeit in der Türkei aufgehalten haben. Mit seinen Verwandten spricht er über seine gescheiterte Ehe und seine selbstbewusste frühere Frau. Am besagten 21. November 2007 fährt Mehmet K. dann zur Autobahnraststätte, wahrscheinlich hat er ein Springmesser dabei. Er will retten, was er für seine „Ehre“ hält: Schnellen Schrittes nähert er sich dem Vorbereitungsraum in der Tankstelle.

Er wirft die Tür zu, es beginnt ein brutaler Kampf: Er sticht 26 Mal zu, trennt seiner Frau die Ohrmuschel ab, verletzt beide Brustwarzen und zerschneidet Aylin Korkmaz’ Gesicht. Er schlitzt ihr den Kehlkopf auf und verletzt sie mit Stichen in den Bauch und die Milz. Mehmet K. lässt sich von niemandem aufhalten, er nimmt ein herumliegendes Brotmesser zu Hilfe, auch die Pfeffersprayattacke eines Tankstellenmitarbeiters hält ihn nicht auf. Als ein Polizist bei seiner Verhaftung mitteilt, dass seine Frau noch lebe, ist der 49 Jahre alte Kurde entsetzt.

Angeblich keine Erinnerung an Ablauf der Tat

In seinem Plädoyer am Donnerstag führte der Staatsanwalt die Tat auf einen archaischen Ehrbegriff zurück: „Der Täter wollte zum Ausdruck bringen, dass ihm seine Frau auch nach der Scheidung gehört.“ Weil es keine Unterbrechung des Tatablaufs gegeben habe, könne es keine Zweifel daran geben, dass es sich um „Schritte zum Töten“ gehandelt habe. Aylin Korkmaz lebe nur deshalb noch, weil ihr früherer Mann die Drosselvene knapp verfehlt habe. „Der Angeklagte ist ein einfach strukturierter Mann von geringer Bildung und hat einen bäuerlichen Hintergrund“, sagte der Staatsanwalt. „Er wollte nicht nur den Menschen Aylin töten, er wollte die Frau Aylin töten, die er als sein Eigentum betrachtete.“ Die schwierige finanzielle Situation des Ehepaares belastete ihr Verhältnis zusätzlich.

Mehmet K. hat kein Geständnis abgelegt, er bestritt die Tat auch nicht. An den genauen Ablauf der Tat kann er sich angeblich nicht erinnern. Im Gerichtssaal trägt er ein rosa Hemd und eine rosa Krawatte, den Vortrag des Staatsanwalts verfolgt er gelassen. „Ich bin gegen Gewalt, ich habe die Kinder großgezogen, ich habe sie gebadet“, hat er an einem der Verhandlungstage gesagt. Etwa 70 Ehrenmorde oder Ehrenmordversuche soll es in Deutschland jährlich geben. Was diesen Fall von ähnlichen Ehrenmordversuchen unterscheidet, ist die furchtlose Art, mit der Aylin Korkmaz auf ihr Schicksal aufmerksam macht: Sie hat viele Interviews gegeben.

Die Kinder gaben ihr Kraft

Obwohl sie noch zehn Operationen vor sich hat und unter Angstzuständen leidet, hält sie Vorträge an Volkshochschulen. Ihr Anwalt sagt, nur ihre Kinder hätten ihr die Kraft gegeben, weiterleben zu wollen. Im Internet gibt es ein ausführliches Interview mit Aylin Korkmaz, herausgegeben von „Terre des Femmes“ und einer Frauenbegegnungsstätte. Der Staatsanwalt hält den Angeklagten nach Abschluss der Beweisaufnahme für voll schuldfähig. Mehrere Tatbestandsmerkmale für einen Mordversuch seien erfüllt. Der Angeklagte habe keine Reue gezeigt.

„Wir fordern eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung“, sagte der Staatsanwalt. Es wäre wohl besser gewesen, wenn Mehmet K. ein Geständnis abgelegt und zumindest eine dürre Entschuldigung vorgebracht hätte. Die Richter des Landgerichts müssen nun zu einem Urteil kommen und entscheiden, ob sie Mehmet K. wegen versuchten Mordes oder wegen versuchten Totschlags verurteilen wollen. Dass Aylin Korkmaz noch lebe, sagte der Staatsanwalt, grenze an ein medizinisches Wunder: In der nächsten Woche will die Schwurgerichtskammer des Landgerichts in Baden-Baden voraussichtlich das Urteil verkünden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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