Forensik

Verweste Wasserleiche? Egal, die Stulle muß dabeisein

Von Klaudia Brunst

Forensische Feinarbeit im “Tatort“

Forensische Feinarbeit im "Tatort"

08. August 2005 Als der Kriminalist Dr. Kolmaar in Hamburg eintrifft, um bei einem Gerichtsprozeß als Gutachter auszusagen, wird er am Flughafen ausgerechnet von der Polizei aufgehalten: In Kolmaars Gepäck hat die Security drei abgetrennte Hände gefunden. Mit dieser drastischen Szene, vom ZDF zur besten Sendezeit ausgestrahlt, hat vor sechs Jahren der Gerichtsmediziner Robert Kolmaar alias Ulrich Mühe seine Krimikarriere gestartet. Wer dem deutschen Krimipublikum eine Serie schmackhaft machen will, in der ein Pathologe die Hauptrolle spielt, tut gut daran, ein bißchen unappetitlich zu werden. Die Zuschauer mögen das.

Seit geraumer Zeit ist der Gerichtsmediziner, der am Tatort beherzt in den Eingeweiden des Opfers stochert und während der Leichenöffnung ungerührt in seine Butterstulle beißt, ein fester Topos innerhalb des Genres. Kaum noch vorstellbar, daß zu Zeiten des legendären "Kommissars" die Leiche nur eine Figur von untergeordneter Wichtigkeit war. Bestenfalls durch ein paar Schupos notdürftig vor Schaulustigen abgeschirmt, lag sie wenig beachtet in der Gosse, bis die Kripo ihre Arbeit aufnahm. Von dem Polizeiarzt konnten sich Kommissar Keller und seine Assistenten kaum mehr als den Todeszeitpunkt und womöglich eine Ahnung von der Tatwaffe erhoffen.

Eine wichtige Station auf dem Weg zum Täter

Für die modernen TV-Ermittler der Erfolgsserien "Tatort" oder "Polizeiruf 110" ist die Pathologie dagegen eine wichtige Station auf dem Weg zum Täter. Zwar versuchen sich die Beamten regelmäßig mit allerlei Tricks um den Gang in die Leichenhalle zu drücken. Aber einmal dort angekommen, beschert ihnen die Gerichtsmedizin mit modernsten Analysemethoden regelmäßig völlig neue Einsichten. Aus Sicht der Drehbuchautoren sind solche Szenen gleich doppelt dankbar: So lassen sich spielerisch unerwartete Wendungen für die Handlung konstruieren - da wird dann plötzlich bei einem toten Mädchen eine frühe Schwangerschaft oder bei einem Brandopfer eine Einstichwunde entdeckt.

Und die am Leben gestählte Kommissarsfigur kann vor dem grünen Leichentuch von einer anderen, menschlichen Seite gezeigt werden. So fällt Alyans, der sonst so nervenstarke Assistent der Sat.1-Ermittlerin Eva Blond, regelmäßig in Ohnmacht, wenn er einer Obduktion beiwohnen muß. Und der eigenbrötlerische "Tatort"-Kommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) ist seit Jahren heimlich in die spröde Gerichtsmedizinerin (Iris Böhm) verliebt. Überhaupt ist die Pathologie im deutschen Fernsehkrimi weniger ein unterkühltes High-Tech-Labor als ein Ort letzter Wahrheiten: Junge, allzu hochmütige Kommissaranwärter werden hier von alten Hasen zur Demut erzogen. Und während die männlichen Helden regelmäßig weiche Knie bekommen, geben sich Frauen gemäß Drehbuch im Angesicht von Tod und Verwesung häufig unerwartet hartleibig.

Hochkarätige Besetzung am grünen Leichentuch

Weil sie dramaturgisch inzwischen weit mehr sind als Stichwortgeber, werden die Nebenrollen der Gerichtsmediziner und Profiler im deutschen Serienkrimi meist hochkarätig besetzt. Aber anders als in den Vereinigten Staaten, wo Forensiker im Zentrum etlicher erfolgreicher Serienkonzepte stehen, konnte sich in Deutschland nur Ulrich Mühe in der ZDF-Reihe "Der letzte Zeuge" als Hauptfigur durchsetzen. Bereits in der siebten Staffel geht der eigenwillige Mediziner Dr. Kolmaar mit Skalpell und Mikroskop auf Verbrecherjagd - nicht immer im offiziellen Auftrag der Ermittlungsbehörden, aber natürlich am Ende stets mit Erfolg.

Um den Leichenbeschauer dem ZDF-Publikum sympathisch zu machen, mußte Autor Gregor Edelmann eigens eine komplizierte Hintergrundgeschichte konstruieren, die Kolmaars kriminalistische Besessenheit in ein möglichst edles Licht rückt: Im früheren Leben war Kolmaar nämlich ein aufstrebender Herzchirurg - bis ein kleines Mädchen Opfer eines Operationsfehlers wird. Weil kein Pathologe einem anderen Arzt einen Kunstfehler nachweist, fühlt sich Kolmaar in der Pflicht, den Nachweis selbst zu erbringen. Für seine Kollegen wird er damit zum isolierten Verräter, und weil der operierende Arzt sein Schwiegervater war, zerbricht auch Kolmaars Ehe an der Entscheidung. Dem Edelmann bleibt nichts anderes übrig, als endgültig die Seiten zu wechseln, um als Pathologe nur noch der Gerechtigkeit zu dienen.

Die komischen Seiten der Forensiker-Rolle

Aus ganz anderem, weit weniger sprödem Holz ist die Figur des Forensikers Karl-Friedrich Boerne geschnitzt. Der Medizinprofessor aus gutem Münsteraner Hause ist eine populäre "Tatort"-Figur und wurde vom WDR als Widerpart zum bodenständigen Kommissar Thiel (Axel Prahl) entwickelt. Ursprünglich sollte Ulrich Noethen die Rolle übernehmen. Als der kurzfristig absagte, sprang Jan-Josef Liefers ein und baute die komischen Seiten seiner Rolle Folge für Folge weiter aus. Nicht nur, daß beide nun mehr Wortwitz als Kombinationsgabe auszeichnet - der gescheite Pathologe überschätzt sich zudem häufig, spricht zuviel und urteilt vorschnell. Kein seriöser High-Tech-Ermittler also, sondern eine skurrile Figur, in deren Schatten nur noch die kleinwüchsige Assistentin einen Platz findet - vom Opernliebhaber Boerne nach dem Nibelungenzwerg Alberich benannt.

Wie die meisten seiner TV-Kollegen ist Boerne Single, liebt klassische Musik und läßt sich auch von verwesenden Wasserleichen selten den Appetit verderben. Ohnehin wird kaum ein anderer Berufsstand im Fernsehen als so hungrig dargestellt wie die Zunft der Pathologen. Nur Mordkommissare haben noch mehr Appetit: Wenn sie nicht gerade Verbrechern auf der Spur sind, fahnden sie meist nach einer anständigen Currywurst.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 57
Bildmaterial: ARD

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