„Opa-Bande“

Die Methusalem-Komplizen

Von Claudia Lehnen

Die “Opa-Bande“ vor Gericht in Hagen ...

Die "Opa-Bande" vor Gericht in Hagen ...

06. Juni 2005 Was im Saal gesprochen wird, bekommt Rudolf R., 74, nur "bruchstückweise" mit, wie er selbst sagt. Sein Gehör ist nicht mehr das beste, auch seine Stimme hat im Alter an Kraft verloren. Gebückt sitzt er am Tisch; die wenigen weißen Haare sind sorgfältig gekämmt, die Lider haben sich schwer auf die blassen Augen gesenkt. Ein harmloser Senior. Drollig, putzig. Ungefährlich. Rudolf R. soll mit seinen zwei Komplizen Lothar A., 64, und Wilfried A., 73, mehr als ein Dutzend Banken ausgeraubt haben. Ihm wird zur Last gelegt, ganze Schalterhallen voll von Bankangestellten und Kunden mit Schußwaffen und selbstgebastelten Handgranaten-Attrappen bedroht zu haben. Lothar, Wilfried und Rudolf - das wohl älteste Bankräubertrio Deutschlands. Sie sitzen in Hagen vor Gericht, bei 14 Beutezügen im Märkischen Kreis und im Kreis Ostwestfalen/Lippe sollen sie 1,3 Millionen Euro eingesackt haben, nun sollen sie für mehr als 14 Jahre ins Gefängnis. Das fordert die Staatsanwaltschaft.

Dies wird keine Geschichte, die angst macht. Auch wenn alles zunächst ganz danach aussieht. Die Zahl straffälliger Männer über 60 Jahre ist in der vergangenen Dekade laut BKA um mehr als ein Viertel gestiegen. Kamen 1994 knapp zehn ältere Halunken auf eine Million ihrer unbescholtenen Altersgenossen, so sind es heute zwölfeinhalb. Fünf Prozent aller Tatverdächtigen sind über 60 Jahre alt. Die Zahlen hören sich alarmierend an. Vorstellbar, daß beim Altennachmittag der Pfarrei nicht nur harmlose Rentner, sondern auch Bankräuber, Mörder und Totschläger den Sandkuchen in den Kaffee tunken? Immerhin raubte kürzlich eine noch immer unbekannte Seniorin, die anhand des Überwachungsvideos auf 70 Jahre geschätzt wird, drei Düsseldorfer Banken aus; in London wurde ein 99 Jahre alter ehemaliger Fleischhauer angeklagt, weil er seiner 87 Jahre alten Gattin die Kehle durchgeschnitten haben soll. Und in Hagen haben sich Zeugen eingefunden, die sich vom Überfall der drei geständigen Senioren auch nach Jahren nicht erholt haben.

Hysterie um Altenkriminalität unbegründet

... und bei mehreren Überfällen

... und bei mehreren Überfällen

Wenn die 47 Jahre alte Kassiererin, die vor zwei Jahren im Kassenraum der Volksbank Löhe saß, als die drei Maskierten hereinstürmten und "Geld her!" forderten, von dem Überfall spricht, wird ihre Stimme brüchig. Mit der Pistole habe man sie bedroht, sie habe mit dem Gesicht zum Schrank stehen müssen, während die Rentner-Räuber über 80.000 Euro in eine Sporttasche schaufelten. Die Frau ist blaß. Ihre Zehenspitzen malen ein fahriges Bild auf den Boden.

Doch auch wenn es in Einzelfällen selbst unter den Senioren "böse Buben" gebe, zu einer Hysterie um Altenkriminalität sieht Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, keinen Anlaß. Mehr Senioren-Schurken verzeichne die Statistik vor allem deshalb, weil das Risiko, erwischt zu werden, stetig steige: "Die Polizei wird besser. Die Alten sind weniger trickreich."

EK Opa: Umfangreiche Aktenlage

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Außerdem ist das Trio, das sich in Hagen für seine Taten verantworten muß, eher ein spektakulärer Einzelfall. Auch die "alten Monster, die irgendwelche Leute zusammenschlagen, sind die absolute Ausnahme", sagt Frieder Dünkel, Professor am Kriminologischen Institut der Uni Greifswald. Finden sich doch unter den über 50 Jahre alten Bösewichtern - sie machen laut BKA 9,5 Prozent aller Strafgefangenen Deutschlands aus - hauptsächlich Menschen, die wegen "Bagatellkriminalität" wie Ladendiebstahl oder Verkehrsdelikten einsitzen.

Flucht durch Prostataleiden erschwert

Dennoch: Dies ist keine amüsante Geschichte. Auch wenn sich diejenigen, die den Prozeß vor dem Landgericht Hagen verfolgen, das Lächeln manchmal nicht verkneifen können. Zum Beispiel wenn Bandenboss Wilfried A. erzählt, daß ihre Flucht manchmal erschwert gewesen sei durch altersbedingte Wehwehchen. So hätten sie wegen Rudolf R.s Prostataleiden öfter mal eine zeitraubende "Pinkelpause" einlegen müssen.

Dies ist auch keine revolutionäre Geschichte. Zwar geistert unter Kriminologen die Idee herum, ein "Altersstrafrecht parallel zu einem Jugendstrafrecht" einzuführen, wie Dünkel vorschlägt. Über 70 Jahre alte Kriminelle, die nicht als gefährlich einzustufen sind, könnten seiner Meinung nach ihre letzten Jahre statt im Gefängnis in betreuten Wohnprojekten verbringen. In Italien gebe es die Möglichkeit, bei älteren Straffälligen statt einer Haft Bewährungsstrafen zu verhängen.

So weit ist die deutsche Justiz allerdings noch nicht. Lediglich zwei Haftanstalten der Republik haben ihrem Gefängnis eine "Seniorenaußenstelle" angegliedert. In Singen am Bodensee werden Häftlinge, die über 63 Jahre alt sind, separat untergebracht. "Das hat den Vorteil, daß die Siebzigjährigen nicht in die Situation geraten, sich mit einem Zwanzigjährigen über ihre Prostataleiden unterhalten zu müssen", sagt Peter Rennhack, Leiter der JVA Konstanz, an welche die Abteilung in Singen angegliedert ist. Auch im hessischen Schwelmstedt hat man erkannt, daß alte Gefangene "andere Lebensbedürfnisse" hätten als junge, wie Guido Neu, Leiter der JVA, sagt. Der Anteil alter Insassen werde in den nächsten Jahren auf 20 Prozent anwachsen, schätzt Pfeiffer. Die Kriminalitätsrate muß dafür gar nicht steigen: "Das erledigt die Demographie von selbst." Trotzdem werden Singen und Schwelmstedt nach Ansicht Pfeiffers Ausnahmen bleiben: "Die Idee ist gut. Der Staat müßte dafür aber Geld investieren. Und das hat er nicht."

„Ursache meiner Schandtaten war Angst“

Dies ist eine traurige Geschichte. Eine Geschichte von Menschen, welche die Konsumgesellschaft ausgespuckt hat. Die Versuchung, straffällig zu werden, ist nicht wählerisch. Sie nistet sich ebenso ein bei Alten, die "nicht damit klarkommen, nicht mehr gebraucht zu werden", wie Pfeiffer sagt, wie bei denjenigen, die nur über eine "niedrige Frührente" verfügen. Ältere, die im Kaufhaus Badezusätze oder Lebensmittel einstecken, befinden sich nach Ansicht von Detektiv Frank Witt zu einem überwiegenden Teil in einer finanziellen Notlage. Einige hätten nur eine schmale Altersversorgung; "viele von ihnen unterstützen ihre arbeitslosen Kinder oder Enkelkinder und haben deshalb nicht mehr genug Geld zum Leben", sagt der Kaufhausdetektiv, der in Hessen und Bayern tätig ist.

"Hauptursache meiner Schandtaten war Angst", gibt auch Wilfried A. vor Gericht an. Nach einer 40 Jahre währenden Knastkarriere habe er kaum Anspruch auf Rentenzahlungen. Rudolf R. erhält eine schmale Rente von 400 Euro, Lothar A. hat als Selbständiger nach eigenen Angaben nie in die Rentenkasse eingezahlt.

Dies ist letztlich auch die Geschichte von drei ergrauten Männern, die eine Menge Geld für ihren Lebensabend zusammenrauben wollten. Und denen nach dem Urteilsspruch etwas abhanden kommen wird, das ihnen knapp geworden ist. Der Verteidiger von Lothar A., Rechtsanwalt Andreas Trode, rechnet mit einer Strafe zwischen 13 und 15 Jahren Haft. Rudolf R. reibt nachdenklich über die Knöchel seiner rechten Hand. Viel Zeit hat er nicht mehr.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.06.2005, Nr. 22 / Seite 16
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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