Inzest-Fall von Amstetten

Suche nach möglichen weiteren Opfern

War sie ein weiteres Opfer von Josef F.?

War sie ein weiteres Opfer von Josef F.?

01. Mai 2008 Bei den Ermittlungen zum Inzest-Fall in Amstetten rücken das Vorleben des Verdächtigen Josef F. und die Frage nach eventuellen Mittätern ins Blickfeld. Die österreichische Polizei prüft einen ungeklärten Sexualmord aus dem Jahr 1986. Die Familie des Festgenommenen versucht unterdessen unter ärztlicher Aufsicht, in ihr neues Leben zu finden. Der körperliche Zustand bei allen sieben Patienten sei „relativ gut“, sagte der Direktor der Sonderkrankenanstalt Amstetten-Mauer.

Der Polizei zufolge wurde vor 22 Jahren die Leiche einer jungen Frau am oberösterreichischen Mondsee gefunden, wo die Frau von Josef F. einen Teil eines Campingplatzes sowie eine Gaststätte betrieb. Es gebe aber noch keine Hinweise auf einen Zusammenhang, sagte der Polizeichef von Oberösterreich. Am Mondsee ist F. vor Jahren wegen des Verdachts der Brandstiftung kurzfristig in Haft gewesen.

Er drohte ihnen, sie zu vergasen

Gespräch unter Fachleuten

Gespräch unter Fachleuten

Bekannt wurde am Donnerstag auch, dass Josef F. seiner Tochter und ihren Kindern während ihrer Gefangenschaft gedroht hat, sie mit Gas zu töten. Das habe der 73-jährige Josef F. bei den ersten Verhören angegeben, sagte Polizeisprecher Helmut Greiner. Demnach drohte er seinen Opfern, Gas in das 60 Quadratmeter große Kellerverlies zu leiten, sollte ihm etwas zustoßen. Es könne sich dabei um eine „leere Drohung“ gehandelt haben, damit seine Opfer nicht versuchten, ihn zu überwältigen, sagte Greiner.

Unterdessen bestätigten die Behörden Medienberichte nicht, wonach F. wegen einer Sexualtat in den 60er Jahren vorbestraft sei. Das Vorleben des heute 73-Jährigen werde untersucht. Dies könne aber dauern, sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, Franz Polzer. Eine Frau aus Linz warf F. in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ vor, er habe sie 1967 vergewaltigt. Es habe auch ein Gerichtsverfahren gegeben.

„Er brauchte eine Schubkarre“

Weitere Spekulationen gab es auch über mögliche Mittäter von Josef F., der seine Tochter Elisabeth 24 Jahre in einem Kellerverlies einsperrt hatte, mehrfach vergewaltigte und sechs Kinder mit ihr zeugte. Die Behörden wiesen dies aber erneut zurück. Selbst die 300 Kilogramm schwere Stahltür, mit dem das Verlies verschlossen war, könne er selbst eingebaut haben, sagte Polzer. Zudem zeigen laut Polizei DNA-Tests, dass außer F. und den Eingesperrten niemand das Verlies betreten hat.

Zu den Medienberichten über den ältesten, lange im Elternhaus an der Ybbs-Straße in Amstetten lebenden Sohn des Ehepaars Josef und Rosemarie F., der einem Augenzeugen zufolge „so viel Lebensmittel in das Haus brachte, dass er dafür eine Schubkarre brauchte“, äußerte sich die Polizei nicht. Kein Wort auch war zu hören von der Zeugin, die einem Reporter erzählt hatte, „dass ein älterer Sohn Josef „F.s“ einen Schlüssel zu jenem Keller gehabt habe, in dem seine Schwester Elisabeth gefangen gehalten wurde“. Er habe sich als „Hausmeister“ vorgestellt und oft genug repariert, was defekt war: „Dann ging er in den Keller und holte Ersatz“, sagte die ehemalige Nachbarin, die zwei Jahre im zweiten Stock des Hauses Nr. 40 gewohnt hatte. Aufgefallen war ihr freilich, „dass der Sohn den Keller immer sorgfältig zugesperrt habe - und dass Kellerräume nicht zu vermieten gewesen seien“. Das sei nur ein Raum, habe der Sohn erklärt, „mit Heizung und Kessel voll“.

Es wird viel geredet

Der Keller sei so weit verzweigt, dass ein Auffinden der versteckten Eingangstüre ohne Vorwissen nur schwer möglich gewesen wäre, sagte Polzer. Man habe fünf Räume passieren müssen, bis man auf die zudem hinter einem Regal versteckte Stahltür stieß.

Gefüllte Müllsäcke, vermutlich enthalten sie Beweissmittel

Gefüllte Müllsäcke, vermutlich enthalten sie Beweissmittel

Das Wohl und der Schutz der Familie F. und deren Privatsphäre haben den Behörden zufolge oberste Priorität bei den Ermittlungen. „Wir haben den Eindruck, dass sich die Familie den Umständen entsprechend wohl fühlt“, hieß es in der Klinik. Für die Betroffenen ist in der Sonderkrankenanstalt ein eigener Wohnbereich von 70 bis 80 Quadratmetern geschaffen worden. Die Familienmitglieder würden „sehr viel miteinander reden“.

Kampusch gibt den Opfern Ratschläge

Jene Opfer, die bis zu 24 Jahre in Gefangenschaft verbringen mussten, werden langsam (wieder) an das Tageslicht gewöhnt. Außerdem gehe es darum, „Raumorientierungsstörungen Schritt für Schritt auszugleichen. Wir sind überzeugt, dass dies in den nächsten Wochen gelingen wird.“

Die selbst über Jahre missbrauchte Österreicherin Natascha Kampusch hat den Opfern des Inzest-Falls zur Zurückhaltung im Umgang mit den Medien geraten. „Ich hoffe, die Medien haben im Zuge meines Falles etwas dazugelernt“, sagte sie. Kampusch selbst hatte bald nach ihrer Befreiung ein Fernseh-Interview gegeben. Elisabeth F. solle sich dies genau überlegen, könne sich aber nicht gegen den Ansturm der Medien wehren, erklärte Kampusch. Die Flucht aus dem Kerker sei Elisabeth F. wahrscheinlich auch deshalb nie geglückt, weil sie große Angst gehabt habe.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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